Porträt: Der Mann des Ausgleichs - DER SPIEGEL
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Porträt Der Mann des Ausgleichs

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paul Spiegel gilt als Mann des Ausgleichs. Anders als seine Gegenkandidatin Charlotte Knobloch zögerte er lange mit seiner Bewerbung um das Präsidentamt des Zentralrats der Juden in Deutschland. Erst als ihn das Direktorium, eine Art Ländervertretung der jüdischen Gemeinden, Mitte Dezember mit der höchsten Stimmenzahl wieder ins Präsidium wählte, trat er an. "Ich möchte die Arbeit von Bubis fortsetzen, ohne jedoch mit ihm verglichen zu werden", sagte er.

Gewissermaßen erfüllte er mit seiner Kandidatur auch Ignatz Bubis gegenüber eine Pflicht. Spiegel oder den Frankfurter Architekten Salomon Korn hatte Bubis einmal im privaten Gespräch als mögliche Nachfolger genannt. Korn hatte jedoch für sich von vornherein eine Kandidatur ausgeschlossen.

Mit Spiegel, der Leiter einer Künstleragentur in Düsseldorf ist, übernimmt noch einmal ein Überlebender des Holocaust das Präsidentenamt. Anders als Vorgänger wie Heinz Galinski oder Bubis erfuhr er über die Schrecken der Vergangenheit mehr aus den Erinnerungen der Eltern. Am 31. Dezember 1937 im westfälischen Warendorf geboren, kam er mit der Familie auf der Flucht vor dem Nazi-Terror nach Belgien. Als die Nazis 1940 auch dort einmarschierten, wurde die ältere Schwester verhaftet. Ihre Spuren verloren sich im KZ Bergen-Belsen. Der Vater überlebte Auschwitz und Buchenwald. Paul Spiegel fand Schutz bei einer katholischen Bauernfamilie.

Warendorf wurde nach Kriegsende wieder seine Heimat. Die Eltern liegen dort begraben. Juden gab es in dem Ort nicht mehr. Nach dem Abitur zog es Spiegel nach Düsseldorf, wo er bis heute lebt. 1986 gründete er auf Anregung von Quizmaster Hans Rosenthal eine eigene Künstleragentur, nachdem er zuvor viele Jahre unter anderem journalistisch tätig gewesen war. In 30 Jahren ehrenamtlicher Arbeit für die jüdische Gemeinschaft, beginnend in der Düsseldorfer Gemeinde bis hin zur zentralen Wohlfahrtsstelle, sammelte er viele Erfahrungen.

1984 wurde Spiegel Vorsitzender des Jüdischen Gemeinderates in Düsseldorf. Er ist Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrhein und hatte mehrere Jahre an der Seite von Bubis als dessen Vize gewirkt. Anders als sein Vorgänger will er als "Team- Arbeiter" die Last des Amtes, das besonders Nicht-Juden als eine Art "moralischer Instanz" sehen, auf mehrere Schultern verlagern.