Porträt Horst Seehofer: Überzeugungstäter mit Herz - DER SPIEGEL
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Porträt Horst Seehofer Überzeugungstäter mit Herz

Der Streit zwischen Horst Seehofer und den Unionschefs Merkel und Stoiber um die Gesundheitsreform hat für Kopfschütteln in der Partei gesorgt. Ihm ist das egal: Er ist es gewöhnt anzuecken - und in wichtigen Fragen nicht mehr zu Kompromissen bereit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Eines wollte er gleich am Anfang klarstellen: "Mein Gesundheitszustand ist exzellent", sagte Horst Seehofer am Donnerstagabend. Es habe ihn doch nachdenklich gemacht, dass die Einnahme eines gegensätzlichen Standpunktes gleich mit der Frage verbunden werde, ob er krank sei. Sagt es und grinst konziliant.

Der Gesundheitsexperte der Union hat die Kurve mal wieder gekriegt. Er, der eine Woche lang mit seinen abweichenden Standpunkten zur Gesundheitspolitik der Union das politische Berlin in Atem gehalten hat. Beleidigt blieb er Fraktions- und Parlamentssitzung fern, geißelte die Politik seiner Partei als "Last-Minute-Entscheidung". So schaffte er es, das zwar alle über die Opposition redeten, aber keiner über deren Konzepte. Am Donnerstagabend also sitzt eben dieser Seehofer im Berliner Jakob-Kaiser-Haus und will vor allem eines: Nach vorne schauen und vernünftige Politik machen.

Seehofer stellt sich quer

Vernünftige Politik. Und nichts anderes. Denn er hat sich, nach den vielen Jahren in der Politik, lang genug von einem Kompromiss zum nächsten gehangelt. Hat Zugeständnisse gemacht und ist von eigenen Forderungen abgerückt. Jetzt will er nur noch das mittragen, was er für richtig hält - auch wenn das im Widerspruch zur Unionsspitze steht. CDU-Chefin Merkel aber will den Gesundheitsexperten als obersten Unterhändler in den Streit mit der SPD schicken - jedoch nur, wenn er sagt, was sie will.

Ob sie das erleben wird? Seehofer stellt sich quer. Seit er im Frühjahr mit einer lebensgefährlichen Herzmuskelentzündung wochenlang auf der Intensivstation lag, hat sich sein Politikbild geändert. Politik habe jetzt eine andere Wertigkeit für ihn, die Krankheit habe ihn geprägt. Und das heißt vor allem: Parteiräson ist ihm egal.

Es war die Diskussion um die Streichung des Zahnersatzes aus der gesetzlichen Krankenversicherung, die zum Streit zwischen dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und den Parteichefs Merkel und Stoiber führte. Denn Seehofer stemmte sich gegen die von der Union geforderte private Pflichtversicherung - woraufhin ihn die Grünen gleich einluden: Horst Seehofer sei "herzlich willkommen", denn die Partei sei geübt "im Umgang mit älteren, quer denkenden Herren", witzelte die grüne Fraktionschefin Krista Sager.

"Wasserballett im Haifischbecken"

Mit 53 Jahren ist Seehofer zwar noch kein "älterer Herr". Das Querdenken trifft es schon eher. Es ist nicht das erste Mal, dass der ehemalige Gesundheitsminister der Regierung Kohl die Meinung wechselt - und damit auch die Fronten im hart umkämpften Gesundheitssektor. Wie beim "Wasserballett im Haifischbecken" fühle er sich in seinem Metier, sagte Seehofer einmal.

Drei Wochen war er 1992 im Amt, als er die erste Reform vorlegte - und prompt Prügel von Ärzten und Pharmaunternehmen einstecken musste. Verwirklicht wurde nicht viel, denn der Koalitionspartner FDP zwang ihn zu einer praxen- und pharmafreundlicheren Politik - zu Lasten der Patienten.

Trotzdem kritisiert Seehofer die Sparpläne von Ulla Schmidt und das mit den ihm eigenen deutlichen Worten: Sie habe wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank, poltert er. Dabei verdrängt der Ingolstädter virtuos, dass seine Pläne einst ganz ähnlich aussahen: Zuzahlungen, Praxisgebühren und eine Erhöhung des Krankenhausgeldes erwog auch er.

Besonders geradlinig war die Linie Seehofers in der Gesundheitspolitik nie. Abwechselnd legte er sich mit Ärzten, Pharmalobby und Krankenkassen an, forderte mal mehr Wahlfreiheit der Patienten, warnte dann wieder vor einer "Privatisierungsorgie". Nur zwei Dinge nimmt man dem polternden Charmebolzen ab: Das deutsche Gesundheitswesen kennt er wie kein anderer in der Union. Und: Mehr als andere in seiner Partei liegt ihm der soziale Ausgleich der Gesellschaft am Herzen. Was auch mit seiner eigenen Biografie zu tun haben dürfte; sein Vater war Bauarbeiter und Lastwagenfahrer.

Vom Krankenbett in Stoibers Kompetenzteam

Entscheidungen im Gesundheitsbereich dürften nicht nur von ökonomischen Kriterien abhängig gemacht werden, warnt Seehofer inzwischen. Was wohl auch mit der Erfahrung im Krankenhaus zusammenhängt. Von seiner neuen "Wertigkeit der Politik" hat man allerdings nicht viel gemerkt: Sechs Monate lang hat er seinen Herzmuskel auskuriert und stürmte dann direkt vom Krankenbett in den Wahlkampf und in Stoibers Kompetenzteam. Von der Krankheit blieb das reduzierte Körpergewicht und das strikte Achten auf die eigene Gesundheit. Fast vegetarisch lebt der Mann aus Weißwurst-Country jetzt.

Nicht anzunehmen, dass der Vater von drei Kindern irgendwann einmal das Tempo drosselt. Die Union braucht ihn, auch wenn er in den eigenen Reihen umstritten ist. Keiner kennt sich im Gesundheitswesen so gut aus - und hat Erfahrung im Verhandeln. Schon zu seiner Regierungszeit handelte er mit dem SPD-Sozialexperten Rudolf Dressler den so genannten Lahnstein-Kompromiss aus - das gemeinsame Gesundheitskonzept benannt nach einem Ort in der Nähe von Bonn. Ein Kompromiss bestehe immer darin, dass "jede Seite etwas bekommt, was sie nicht will", so sein Verständnis.

Die Konstellationen sind dieses Mal andersherum. Ob er wieder Verhandlungen führen wird, ist offen. Denn Seehofer bleibt bei seiner Kritik an der Unionsposition, auch wenn er sie vorerst ein wenig leiser - und vielleicht ein weniger ironischer - vorbringen will. Er wäre schon zufrieden, sagte Seehofer am Donnerstag, wenn man mal ernsthaft über die langfristigen Konzepte diskutieren würde. Ob er auf Dauer der oberste Gesundheitsexperte der Union bleiben wird, werden andere diskutieren.