Porträt Schäubles Problem hat einen Namen - Helmut Kohl
Hamburg - Der Oppositionschef scheitert an sich - und an Kohl. Nur wenig mehr als ein Jahr lang durfte Wolfgang Schäuble, 57, die CDU und die Opposition im Bundestag anführen. Dann stürzten ihn die Intrigen und Eskapaden eines von der deutschen Justiz mit Haftbefehl gesuchten windigen Waffenhändlers namens Karlheinz Schreiber.
Aber verantwortlich für den jähen Absturz des ungemein fleißigen Politikers, der die deutsche Einheit vorbereitete und der seit dem Attentat von 1990 an den Rollstuhl gefesselt ist, waren andere - zum einen der Rechtsanwalt in Wolfgang Schäuble selbst, der ihn die drohende Gefahr rechthaberisch nicht erkennen ließ, vor allem jedoch sein übermächtiger Ziehvater Helmut Kohl, der den Zögling erst groß werden ließ, um ihn dann ganz klein zu machen.
Und wieder bestätigt sich eine zeitgenössische Erfahrung: Große Ereignisse brauchen Männer des Übergangs, die das Neue in richtige Bahnen lenken, selbst aber nicht die Chance erhalten, Großes zu leisten - etwas Lothar de Maizière, der die DDR abwickelte, oder Michail Gorbatschow, der ihm und Kohl dazu verhalf, oder eben Schäuble, der die CDU von Helmut Kohl emanzipieren musste.
Wie er das tat, verdient so viel Respekt wie Mitleid; Mitleid freilich ist das Ende eines jeden Oppositionschefs, der eigentlich an die Macht will. Natürlich hat der kleine Mann im Rollstuhl zu viele Fehler gemacht:
- Niemals hätte er sich auf ein Duell eidesstattlicher Erklärungen mit dem Waffenhändler oder gar mit seiner eigenen Parteifreundin Brigitte Baumeister um die völlig alberne Frage einlassen dürfen, wer wann an welchem Ort die Spende Schreibers entgegennahm.
- Trotz Überbeschäftigung (oder war es Überforderung?) hätte ihm die Lüge vor dem Bundestag nicht herausrutschen dürfen, er habe Schreiber höchstens einmal und dann am Rande gesehen; dabei bestätigte sein Terminkalender das Gegenteil.
- Schäuble hätte den Schnitt zu seinem Vorgänger Kohl radikaler, brutaler ziehen müssen, als es mit der halbherzigen Aufforderung geschah, der Bimbes-Altkanzler solle den Ehrenvorsitz der Partei niederlegen. Zu diesem Zeitpunkt verkehrten die beiden nur noch über Anwälte und ließen vertraute Gehässigkeiten über den jeweils anderen streuen.
Denn Schäubles entscheidendes Problem trägt einen Namen, den des Amtsvorgängers Helmut Kohl, 69. Der Altkanzler war es ja, der den wirklichen Aufstieg des Badeners zur Macht verhinderte: Allen in der Innenpolitik Kundigen war schon 1996/97 klar, dass Kohl Gefahr lief, die Bundestagswahlen 1998 zu verlieren; er hätte spätestens 1997 zurücktreten und für Schäuble Platz machen müssen. Stattdessen rief er den Jüngeren unsinnigerweise - und gegen dessen Rat - zum Kronprinzen aus.
Aber auch der Kronprinz hätte damals handeln müssen, wenn er sich denn getraut hätte - schon damals war es ja höchste Zeit, die Republik von ihrem Dauerkanzler zu befreien und ihn durch einen Jüngeren zu ersetzen. Doch Kohl hatte die Partei auf eine seltsame Weise gelähmt - außer zum etwas antiquierten Stichwort "Familie" gab es keine Zukunftsentwürfe, über die die Partei diskutiert oder gar gestritten hätte. Es ging ihr um Macht und Machterhalt; doch zu den anderen Themen war auch von Wolfgang Schäuble, dem damaligen Parteivize, wenig zu hören. Nur in einem ziemlich ungelesenen Buch behauptete er, "und der Zukunft zugewandt" zu sein.
Dabei ist sein Werk in einer anderen Passage interessant und enthüllend. Der Autor beschreibt darin den Beruf des Politikers, also seinen eigenen, mithin sich selbst:
"Der Politiker schlüpft in viele Rollen. Er ist Moderator und Manager, Werbefachmann und Marketingexperte, er muss sich als Rhetor ebenso bewähren wie als geschickter Taktiker. Sein Tun in den zahlreichen Rollen ist mit vielen Attributen belegt worden, und zahlreiche Vergleiche aus der Tier-, der Fabel-, der Märchen- und der Sagenwelt wurden bemüht, um 'dem Beruf des Politikers' näher zu kommen, ihn vergleichend und einkreisend zu umschreiben. Mir leuchtet das Bild des glücklichen Sisyphos am meisten ein. Nicht Atlas, der die Welt schultert, ist das Vorbild des Politikers, sondern der glückliche Sisyphos; unverdrossen rollt dieser den Stein immer wieder den Berg hinauf. Den Stein einfach im Tal liegen zu lassen, verbietet ihm sein Selbstverständnis, und obwohl er weiß, dass sein Tun nie zu einem echten Ende führen wird, findet er doch darin Erfüllung."
Der Unterschied zu Schäuble: Sein Sisyphos mag glücklich gewesen sein.
Schäuble aber quälte sich, wie der wahre, uns aus der Antike bekannte tragische Held. Sein Intellekt ist brillant, seine politische Begabung hochentwickelt, sein Demokratieverständnis unbestritten. Aber sein Körper vermochte ihm seit dem Attentat nicht mehr zu folgen. Er litt.
Er wäre statt Sisyphos lieber ein anderer gewesen.