Pressestimmen "Lebender Leichnam"
Die Scharping-Affäre findet in der in- und ausländischen Presse ein breites Echo.
Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt hierzu:
"Der Scharping-Skandal hat, auch in der Unmäßigkeit, selbst noch in der genüsslichen Schlüpfrigkeit, mit der ausgebreitet wird, etwas Positives: In ihm zeigt sich eine neue Sehnsucht nach Vorbildern in der Politik. Die Häme, die sich über Scharping ergießt, hat viel zu tun mit enttäuschter Erwartung: Wer sich so aufführt wie er, hat nicht die Kraft und nicht die Glaubwürdigkeit, um die Bürger von dem zu überzeugen, was angeblich notwendig ist."
Die "Westdeutsche Zeitung" kommentiert:
"Wie es mit Rudi Pattex weitergeht, bleibt abzuwarten. Denn jetzt kommt die Generalabrechnung mit der Regierung im Rahmen der Etatdebatte. Und da hat dem zunehmend nervösen Kanzler der liebestolle Rudi noch gefehlt. Stehen doch wirklich wichtige Themen wie Arbeitslosigkeit, Konjunktur, Zuwanderung, Mazedonien oder Gesundheitsreform an. Dass sich da Gerhard Schröder noch zum Verteidiger seines Verteidigungsministers aufschwingen muss, wird dem gelernten Mittelstürmer wenig Freude machen. Ein Ende mit Schrecken wäre vielleicht doch besser gewesen als ein Schrecken ohne Ende."
Auch im Ausland spielt die Flugaffäre in den Zeitungen eine große Rolle: "Der Standard" aus Österreich schreibt dazu:
"Die Urlaubsbilder von Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der sich im Pool mit seiner Freundin Kristina Gräfin Pilati ablichten ließ, während sich deutsche Soldaten auf den Mazedonien-Einsatz vorbereiteten, waren der Auslöser für die Entladung der aufgestauten Spannung. Scharping hat nicht viel dazu beigetragen, die Stimmung zu seinen Gunsten zu verändern. Er hat sich wieder einmal als unbelehrbar gezeigt, als er sich nach dem Sturm der Entrüstung über seine Poolbilder noch per Bundeswehrjet zur Geliebten nach Mallorca fliegen ließ. Auch wenn er vorerst wegen der anstehenden Landtagswahlen in Hamburg und Berlin im Amt bleibt, so ist er dennoch ein Minister auf Abruf."
Das österreichische Massenblatt "Kurier" bezeichnet am Dienstag den Verteidigungsminister Rudolf Scharping als "lebenden Leichnam":
"Dass Rudolf Scharping noch immer Verteidigungsminister ist, verdankt er nur einem: Gerhard Schröder. Unter der Voraussetzung, dass Scharping sich vor dem Ausschuss nicht weiter belasten würde, hat der Bundeskanzler ihm Rückendeckung versprochen und gegeben. Dies ist auf den ersten Blick verwunderlich angesichts des verheerenden Eindrucks, den der beratungsresistente Selbst-Verteidigungsminister seit Wochen bietet."
In Russland stößt die Scharping-Affäre ebenfalls auf großes Interesse:
Die Tageszeitung "Wremja MN" kürt den in eine Flugaffäre verstrickten SPD-Politiker am Dienstag auf der Titelseite zum "Helden des Tages". Die Frage nach der privaten Nutzung der Bundeswehrflugzeuge spitze sich für Scharping immer mehr zu, schreibt das Blatt. Die Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" sieht im Trubel um Scharping und dessen Lebensgefährtin einen Vorgeschmack auf die nächste Bundestagswahl. "Die Union nutzt Scharpings Sünden für den Wahlkampf", schrieb die Zeitung am Samstag. Üblicherweise ist das Interesse russischer Medien an innenpolitischen Themen aus Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern eher gering.