Protest gegen Hartz IV: Aufstand der Normalos - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Protest gegen Hartz IV Aufstand der Normalos

Zehntausende Menschen haben gestern Abend vor allem in Ostdeutschland gegen "Hartz IV" protestiert. Schwerpunkt der Aktionen war Magdeburg. Im Demo-Zug am Ring liefen vor allem enttäuschte SPD-Anhänger mit - die PDS hielt sich zurück, Rechtsextremisten blieben eine Randerscheinung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



"Deutschland blickt auf Magdeburg", hatte die "Magdeburger Volksstimme" nicht ohne Stolz gestern getitelt. Tatsächlich drängen sich bereits um 17 Uhr, eine Stunde vor dem Start der "Montagsdemo", die Kamerateams auf dem Domplatz. Es ist das dritte Mal, dass der Osten gegen Hartz IV marschiert, und die nationalen Medien sind fast vollzählig vertreten. Die Kameras richten sich alle auf denselben Mann: Andreas Ehrholdt, den Langzeitarbeitslosen, der die Lawine ins Rollen brachte.

Auf seinen ersten Aushang vor zwei Wochen reagierten 600, letzte Woche kamen 6000, diesen Montag füllen 12.000 bis 15.000 die Magdeburger Innenstadt. Ehrholdt ist selbst überrascht, was für ein Echo er ausgelöst hat. "Ich habe nur ein paar Plakate geklebt", sagt der 42-jährige ehemalige Bahnarbeiter. Er selbst ist seit 15 Jahren arbeitslos, "mit Unterbrechungen", wie er sagt.

Nun steht er wie ein Volkstribun auf einer Betonmauer, umbrandet von einer dankbaren Menge, Richtmikrofone auf ihn gerichtet. "Andreas, wir danken dir", brüllt eine Frau. "Das wurde höchste Zeit, dass sich mal einer traut", lobt eine andere. Ehrholdt schüttelt Hände, verteilt Visitenkarten.

Der übergewichtige Mann hat mit seinen simplen Aushängen einen Nerv getroffen. Es ist die viel zitierte Mitte der Gesellschaft, die hier demonstriert. Kreuzbrave Bürger, die Transparente gegen "Blutsauger" und die "Holzköpfe Clement und Schröder" hochhalten. Heerscharen von Ossi Normalverbrauchern haben sich auf den Weg gemacht - eben noch beim Bier in der Datsche, jetzt mit Trillerpfeife auf dem Domplatz.

Vordergründig geht es um Hartz IV, doch in Wahrheit bricht sich lange aufgestauter Frust die Bahn. Es geht gegen die Bosse und deren Kanzler, um Zukunftsangst und die besondere Benachteiligung des Ostens. Auf der Welle dieses Frusts will in Magdeburg auch die NPD surfen - doch sobald die Rechtextremisten - etwa 50 laufen im Demo-Zug mit - ein Transparent entrollen, kommt es zu Pfiffen oder einem Handgemenge.

Auffällig in Magdeburg ist auch die fast komplette Abwesenheit von PDS-Fahnen oder -Plakaten. Offenbar will man sich nicht dem Verdacht aussetzen, den Protest politisch für sich zu vereinnahmen. Vielleicht deshalb, weil der Normalo-Aufmarsch von Magdeburg eh Wasser auf die Mühlen der Bisky-Partei ist. Fast jeder Demonstrant, den man nach nach seinen Wahlpräferenzen fragt, antwortet: "Früher mal SPD!"

"Es geht darum, wie man mit uns umgeht", erklärt Michael Genthe, ein 40-jähriger Schlosser. "Ich sehe ja auch ein, dass was geändert werden muss, aber so aalglatt und so radikal, nee." Er war letztes Jahr einige Monate arbeitslos, nachdem seine alte Firma Insolvenz angemeldet hatte. Die Nachfolgefirma stellte ihn wieder ein - im gleichen Job, aber mit 350 Euro weniger Lohn. Seine Frau ist arbeitslos und wäre von Hartz IV betroffen. "Im Westen kann man vielleicht von einem Gehalt leben, aber hier im Osten, wenn da einer wegbricht, gehst du in die Gräten", sagt Genthe, der wie viele der Demonstranten Schröder gewählt hat.

"Wenn wir einen Haufen Arbeitsplätze hätten, würde keiner was gegen Hartz sagen", sagt Hans Maack, auf dessen Transparent "Schlaumeier Clement" steht. "Aber es sind wirklich unglaublich viele betroffen." Der pensionierte Diplom-Ingenieur ist Teil einer zehnköpfigen Abordnung eines Kleingartenvereins, der Solidarität zeigen will.

Es sind vor allem mittlere und ältere Semester, die an diesem sommerlichen Abend mit Trillerpfeifen durch die Magdeburger Einkaufsstraßen ziehen. Doch auch ein paar Jugendliche sind dabei. "Wir haben alle jemanden in der Familie, der arbeitslos ist", sagt der 16-jährige Christopher Raeck, nachdem er mit zwei Freunden den Sprechchor "Wir sind das Volk" angestimmt hat. Es ist das erste Mal, dass sie den berühmten Slogan der Wendezeit schreien. Damals waren sie noch zu klein. "Ist halt so eine Tradition", sagt er.

Der Name "Montagsdemo" für die Anti-Hartz-Proteste und die damit hergestellte Verbindung zum Kampf gegen die Diktatur hatte einige Politiker zu Kritik veranlasst. Clement etwa hatte die Organisatoren als "verantwortungslos" gegeißelt. Die Demonstranten winken nur genervt ab. "Klar ist der Inhalt ein anderer", sagt Maack. "Aber wofür haben wir denn jetzt das Demonstrationsrecht?"

Mit Inbrunst brüllen sie "Nieder mit Hartz Vier, das Volk sind wir", und es gibt nicht wenige, die tatsächlich daran glauben, etwas zu erreichen. Ehrholdt verkauft die Demonstration als letztes Mittel gegen eine verantwortungslose Regierung. "Was für eine andere Möglichkeit haben wir?", fragt er. "Warten bis 2006, wenn wir wieder einen Stimmzettel ankreuzen dürfen?"

Die Mehrheit der Demonstranten wirkt nicht besonders wütend, eher unsicher. "Man weiß ja nicht, was noch alles kommt", sagt Ulrich Müller, ein 30-jähriger Vater, der seinen kleinen Sohn an der Hand hält. Seine Frau ist arbeitslos. Auch Ralph Wolf hat sich Zeit genommen für "diesen wichtigen Termin". Der Chef eines kleinen Pharma-Vertriebs hat 15 Angestellte und noch genügend Aufträge. "Aber das kann sich morgen ändern, und dann stehe ich da und bekomme 331 Euro im Monat", sagt der 50-jährige Unternehmer, der 1999 aus Wuppertal in den Osten gezogen ist. Er findet es richtig, dass Arbeitslose dazu gebracht werden sollen, zumutbare Arbeit anzunehmen. "Aber deine Datsche verkaufen müssen, die du seit 30 Jahren pflegst, das ist völliger Schwachsinn."

Gegen 20 Uhr erreicht der Zug wieder den Domplatz, und Ehrholdt verabschiedet die Menge. "Ich bin dankbar für euern Zuspruch", sagt er schwitzend. Etwa hundert Meter weiter prügeln sich linke Autonome mit den NPD-Anhängern, die sich um ein Transparent geschart haben. Aber das bleibt eine Randerscheinung. Die Polizei geht dazwischen, nach drei Minuten herrscht wieder Ordnung im Protestaufzug.

"Nächsten Montag ist wieder ein Montag. Lasst uns den Herren in Berlin zeigen, dass dies nur eine Etappe war." Die Menge jubelt. Ehrholdt bittet um Freiwillige, um die nächste Demo vorzubereiten. "Treffen am Mittwoch um sechs bei McDonalds", sagt er ins Mikrofon. Dann beendet er die große Volksdemo mit den Worten: "So, jetzt muss ich gehen, ich hab noch was zu tun."