Rekordwahl: Die absolute CDU - DER SPIEGEL
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Rekordwahl Die absolute CDU

Das ist einmalig: Vor einem halben Jahrhundert erreichte die Union die absolute Mehrheit bei der Bundestagswahl. Sie lag damals bei 50,2 Prozent - ein Triumph Adenauers, von dem heutige Politiker nur träumen können.
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das war ein Triumph für die Partei Adenauers, das festigte für einige Zeit ihren Mythos, unschlagbar zu sein, gleichsam als ganz natürliche Gewinner- und Regierungspartei der Westdeutschen dauerhaft zu fungieren. Und es wirkte niederschmetternd für die Sozialdemokraten, die in der rheinischen Republik ebenso auf Dauer ohne jede Chance zu sein schienen. Denn immerhin: Der Abstand der schwindsüchtigen SPD zur kraftstrotzenden CDU/CSU betrug bei den Bundestagswahlen 1957 nicht weniger als 18,4 Prozentpunkten. Vergleichen damit steht die furchtsame Truppe Kurt Becks heute geradezu glänzend da.

Natürlich: Einfach hatten es die Sozialdemokraten in jenem für sie so traurigen Jahrzehnt nicht. Denn die Handlungsmöglichkeiten des amtierenden Kanzlers waren zweifelsohne ungewöhnlich gut. Höhere Wachstumsraten für eine Politik weit gestreuter Gefälligkeiten hat es in der deutschen Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts jedenfalls nicht gegeben. Und Konrad Adenauer war durchaus kein strikter marktwirtschaftlicher Strukturdogmatiker oder gar Fiskalist. Der Kanzler nutzte vielmehr die Gelegenheiten, die sich im boten, sich durch staatliche Wohltaten im unmittelbaren Vorfeld von Wahlterminen sich Massenloyalität und Zustimmung zu verschaffen. Die Bauern erhielten ihre Subventionen, die Beamten Kindergelderhöhungen und Wohngeldzuschläge; das Volk sollte billiger als zuvor Tee und Kaffee trinken, Zigaretten und Zigarren. Seine ordnungspolitisch weitaus strengeren Finanz- und Wirtschaftsminister schrieen zwar empört auf, aber das störte Adenauer nicht im Mindesten.

Sahnehäubchen: Rentenreform

Das Preisniveau von Artikeln des täglichen Konsums spielte für die Zufriedenheit des Volkes mit ihrer Regierung in jenen Jahren eine erhebliche Rolle. Adenauer wusste das; und Adenauer handelte entsprechend. 1956 waren seine Umfragewerte vorübergehend abgerutscht, weil die Preise kräftig angestiegen waren. Daher schloss die Bundesregierung im Frühjahr 1957 einen Pakt mit den Unternehmern, der darauf hinauslief, dass die Preise bis zum Wahltag sich nicht mehr nach oben bewegen sollten. Exakt so geschah es dann auch. Als sozialpolitisches Sahnehäubchen kam 1957 noch die große Rentenreform hinzu. Nur wenige Gesetzeswerke dürften in diesem Jahrhundert eine vergleichbare Popularität erreicht haben wie die Dynamisierung der Renten. Binnen weniger Monate verbesserte sich das materielle Auskommen der älteren Bundesbürger grundlegend und langfristig. Die Reform sicherte der Christlichen Union über etliche Legislaturperioden die Zustimmung der über 60-Jährigen Wähler.

Zwar hatten die Sozialdemokraten im informellen Bündnis mit den christlichen Sozialausschüssen für das Gelingen der Reform einiges getan. Doch die politische Prämie kassierte allein der Bundeskanzler, ohne dessen Härte und Raffinesse die neue Rentenformel allerdings in der Tat angesichts des vehementen Widerstandes der Banken und Versicherungsunternehmen nicht durchzusetzen gewesen wäre. Bezeichnenderweise verlor die Union in den 1990er Jahren ihre zuvor lange strukturelle Mehrheitsfähigkeit, als sich ihre wirtschaftsliberaleren jungen Leute von der gesellschaftlichen Leitmentalität des jahrzehntelangen gültigen Rentenkonsens kühl verabschiedeten; für die Sozialdemokraten seit Schröder gilt bekanntlich ähnliches.

Schließlich lagen beim Kanzler überdies alle Möglichkeiten der Außenpolitik. Auf diesem Feld kam in den 1950er Jahren bei Adenauer alles zusammen, was ein erfolgreicher Politiker wohl benötigt: Geschick, Zähigkeit, Zielstrebigkeit - und Fortune im rechten Moment. Im Unterscheid zum ersten Mann der Opposition konnte der Regierungschef die Gunst von Staatsbesuchen und Staatsempfängen nutzen. Das gab schöne Bilder und Berichte in der Presse. Die niedergedrückten Deutschen lechzten gerade in jenen Jahren nach solchen Ereignissen, die ihnen Anerkennung und Gleichberechtigung versprachen. So traf sich Adenauer mit den Großen der Welt. Virtuos setzten seine Öffentlichkeitsarbeiter eine Amerikareise im April 1953 in Szene. Nach Ende der Reise flog der Kanzler direkt zum bereits begonnen CDU-Bundesparteitag nach Hamburg und ließ sich als Triumphator der deutsch-amerikanischen Freundschaft feiern. Drei Tage vor den Bundestagswahlen leistete auch der US-Außenminister Dulles Beistand, in dem er vor den "katastrophalen Folgen" eines Regierungswechsel warnte.

"Der Wähler denkt primitiv"

Doch war die Überlegenheit der CDU/CSU nicht einfach Reflex günstiger Umstände und glücklicher Fügungen. Sie war auch hart erarbeitet, war Resultat politischer Umsicht. Und sie ging ohne Zweifel auf die herausragende Persönlichkeit Adenauers zurück, der mit seiner Erfahrung, Intuition, der Begabung zur einfachen Ansprache, seiner Härte, mitunter auch seiner Niedertracht die politische Macht und Hegemonie der Christdemokratie auf- und ausbaute. Das war schon erstaunlich. 1957 befand sich Adenauer immerhin bereits im 82. Lebensjahr; und doch wirkte er auf die deutsche Öffentlichkeit weitaus robuster, ja: elastischer und dynamischer als der mitunter recht phlegmatisch auftretende Ollenhauer.

Eine historische einzigartige und eigenständige Leistung war im Übrigen das Bündnisprojekt der Union, zur großen Integrationspartei des deutschen Bürgertums zu werden. Selbstverständlich war das nicht. Bis 1933 war das Bürgertum, waren die konfessionellen und konservativen Bevölkerungsteile parteipolitisch zersplittert, mehr noch: untereinander verfeindet. Insofern bedeutete die Union etwas Neues, in der deutschen Parteiengeschichte nachgerade Revolutionäres, da ihr Bogen sich normativ und sozial noch erheblich weiter spannte als zuvor der Radius der nationalsozialistischen "Sammelpartei des Protestes". Die Union bündelte und band als Regierungspartei des neuen deutschen Parlamentarismus die verschiedenen Traditionen, Milieus und Profile, in dem sie ihnen ihren autonomen Raum ließ, sie nicht auf starre Grundsätze verpflichtete, nicht durch Verbindlichkeiten den Rahmen eng setzte. Eben dazu war die Sozialdemokratie durch die Bürde ihrer Tradition, durch ihren zentralistischen Organisationstypus und ihre Fixierung auf fixe Programmprinzipien lange nicht in der Lage. Die Union dehnte sich aus, weil sie flexibler und elastischer agierte. Ihr Parteimodell war gewissermaßen moderner als das der SPD.

Die CDU nutzt als erste Partei die Kompetenz der Meinungsforscher

Und als weitaus moderner kann man mit einigen guten Gründen ebenfalls ihre Wahlkämpfe interpretieren. Auch dabei half der Union ihre eher lockere honoratiorenhafte, wenig durchstrukturierte Parteistruktur. Denn so konnten die Anführer der Partei, ohne auf ideologische Bedenken oder persönliche Eitelkeiten von - eben kaum vorhandenen - Funktionären Rücksicht nehmen zu müssen, Wahlkampagnen aus einem Guss planen, dabei auch auf externe Professionalität zurückgreifen. Die Ära moderner oder, wie es gerne heißt, "amerikanisierter" Wahlkämpfe begann nicht erst mit Schröder 1998, sondern fast ein halbes Jahrhundert zuvor: im Jahr 1953.

Denn der greise Adenauer war ein Modernist. Dank seiner Initiative nutzte die CDU als erste Partei in Deutschland die Kompetenz demoskopischer Institute. Seit 1950 ließ sich der Kanzler vom Chef des Allensbacher Unternehmens, Erich Peter Neumann, mit Daten über Sorgen und Hoffnungen der Deutschen füttern. So erkannten Adenauer und seine Parteileute früh, wie sehr Angst und Sicherheitsbedürfnisse die Mentalität der Deutschen auch noch 10 Jahre nach dem Krieg dominierten. Infolgedessen entschieden sich die Wahlkampfplaner der CDU für das Wahljahr 1957 auch nicht - wie zunächst projektiert - für den Slogan "Einheit", sondern für die von einer Werbefirma ausgetüftelte Parole "Keine Experimente - CDU".

Kurz, pointiert, einfach - so hatten es die Profis aus dem Marketingbereich ihren Auftraggebern von der Unionspartei geraten. Es deckte sich ganz und gar mit dem Naturell und der politischen Anthropologie Konrad Adenauers. Schon im August 1949 hatte Adenauer kundgetan, was er von seinem Volk hielt: "Der Durchschnittswähler denkt primitiv; und er urteilt auch primitiv."

Rosenzucht und Boccia

Im Wahlkampf 1957 hatten die Strategen der Union um Adenauer überdies noch ein "Team" von regionalen und bundespolitischen CDU/CSU- Granden versammelt, da sonst das hohe Alter des Kanzler, wäre er allein in die Arena geschickt worden, ein gefährliches Thema hätte werden können. Besonders Ludwig Erhard geriet noch in den Vordergrund mit seinem Versprechen "Wohlstand für alle". Sicherheit und Wohlstand - in diesen beiden Begriffen und ihren politischen Repräsentanten Adenauer/Erhard spiegelte sich die Mentalität der deutschen Gesellschaft zur Mitte der 1950er Jahre auf das Trefflichste.

Die konservative Ansprache fand dabei in modernen Medien statt. Die Parteipresse spielte für die christliche Union im Wahlkampf keine Rolle. Stattdessen schaltete man Anzeigen in Illustrierte, vor allem solche für Frauen. Dazu lieferte man schöne Bilder des privaten Kanzlers, beim Bocciaspiel, im Urlaub, bei der Rosenzucht, im Kreise der Lieben auf der Rhöndorfer Terrasse. Auch das also begann keineswegs erst bei Gerd Schröder. Überhaupt ließ sich der sonst durchaus knauserige Adenauer bei der Pflege von Journalisten nicht lumpen. Im Wahlkampfsonderzug standen für die Medienvertreter stets gute Weine zur Verfügung. Als der Kanzler 1953 zum Staatsbesuch nach Amerika reiste, wurde der Journalistentross ebenfalls vorzüglich mit Billetts, Kabinen und Devisen versorgt. Ein ordentliches Taschengeld erhielten sie überdies, um die Tage in den Vereinigten Staaten angenehm zu verbringen und in guter Laune freundliche Kommentare an die heimischen Redaktionen zu telegraphieren. Für dergleichen hatte das Bundeskanzleramt unter Hans Globke einen gut ausgefüllten Reptilienfond. Insgesamt fehlte es Unionskanzlern nie am Geld, um politische Macht zu sichern.

Dann hatte Adenauer noch das Glück, dass die Sozialdemokraten einen besonders popularitätswidrigen Gegenkandidaten ins Feld schickten: Ihren Partei- und Fraktionsvorsitzenden Erich Ollenhauer. Der SPD-Chef war ein zwar anständiger, aber denkbar hölzerner, auch eher ehrgeizloser Politiker. Überhaupt: Der Skrupellosigkeit und Bedenkenlosigkeit Adenauers war er nie gewachsen. Adenauer liebte die Wochen der intensiven Wahlkampfphase; Ollenhauer waren sie geradezu ein Gräuel.

Und so kam die sozialdemokratische Oppositionspartei in den fünfziger Jahren chronisch stets weit abgehängt, deprimierend klar geschlagen ins Ziel. Und daher durchformte die CDU in diesem für sie so goldenen Jahrzehnt zielstrebig die bundesdeutsche Gesellschaft.