Reportage: Das Lächeln der Verlierer - DER SPIEGEL
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Reportage Das Lächeln der Verlierer

Drei quälen sich zum Lächeln, nur einer freut sich wirklich. Wie sich die Parteien in Düsseldorf die Wahl schönreden.
Von Petra Nölkensmeier und Markus Deggerich
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Düsseldorf - Stille. Kaum einen Mucks geben die SPD-Anhänger von sich, als die ersten Hochrechnungen ihre Partei um einige Prozentpunkte niedriger sehen als bei der letzten Wahl. Die Ergebnisse der anderen Parteien werden umso lauter kommentiert. Schadenfroh quittieren die Genossen die CDU-Verluste, für den grünen Koalitionspartner haben die Meisten ein ironisch-mitleidiges "Immerhin" übrig.

Als sich der gelbe Balken der FDP bis zu einer Marke von neun Prozent hochschraubt, sind viele Genossen aufgebracht. Das Abschneiden der Liberalen ist fortan Hauptgesprächsthema. "Ich frag' mich wirklich, wie die zu diesem Ergebnis kommen", ärgert sich SPD-Mitglied Andreas Hoppe, "doch allein durch Möllemanns Fernsehauftritte." Das Abschneiden der eigenen Partei sieht er gelassen. An eine absolute Mehrheit habe ohnehin niemand geglaubt. Bei einer so niedrigen Wahlbeteiligung könne man froh sein, überhaupt ein solches Ergebnis erreicht zu haben. "Dies ist die erste Wahl ohne Johannes Rau", meint dazu Sozialdemokrat Raul Kaiser. Rau habe die Mentalität in Nordrhein-Westfalen besser verkörpert als Wolfgang Clement. Dieser müsse sich noch im Amt profilieren und zeigen, dass er "ein Sozialdemokrat mit Herz" ist.

"Wer den Ministerpräsidenten stellt, hat gewonnen. Wir haben gewonnen." Generalsekretär Franz Müntefering beansprucht den Wahlsieg dennoch für seine Partei. Den Versammelten empfiehlt er, "feste zu feiern." Doch den Sozialdemokraten ist nicht recht nach einer Wahlparty zu Mute. Ohnehin sind, wie schon während der Veranstaltungen im Wahlkampf, nur wenige gekommen. Im sommerlichen Düsseldorf gibt es an diesem Abend verlockendere Orte als den mit einigen Bänken ausgestatteten Hinterhof der SPD-Zentrale.

Auch die Grünen sind nicht zum Feiern aufgelegt. Schon im voraus hatte die Partei keine Wahlparty angesetzt und das bereut auch niemand. In Landtag haben sich einige dutzend Grünen-Anhänger versammelt, die erst wieder munter werden, als Spitzenkandidatin Bärbel Höhn den Platz betritt. Zuvor haben sich Gunda Röstel und Michael Vesper bemüht, gute Miene zu machen. Man habe nun keine Angst vor der SPD, versichert Röstel. Die Grünen müssten in Zukunft ihre Erfolge mehr herausstellen, rät Vesper.

An diesem Punkt stimmt auch Grünen-Mitglied Christina Enßlin zu: "Wir Grünen kriegen doch immer die Ohrfeigen." Als kleinerer Koalitionspartner würden die Grünen immer für die Fehler verantwortlich gemacht, den Erfolg beanspruche die SPD. Als altes Problem macht ihre Nachbarin die Unstimmigkeit der Grünen aus. Die Partei hätte zeigen müssen, dass sie zusammenhalten kann. Das sei auch bei dieser Wahl versäumt worden. Überrascht ist angesichts der Stimmenverluste um etwa ein Viertel niemand.

"Das Ergebnis habe ich zwar nicht erhofft, aber erwartet", sagt Schauspieler Franz Rampelmann. Ganz im Gegensatz zu seiner Rolle als Hausmeister-Sohn Olaf Kling wirbt der "Lindenstraße"-Darsteller für die Grünen. Bärbel Höhn sei seine Lieblingspolitikern, versichert Rampelmann. Dass die bald von FDP-Ministern aus dem Kabinett verdrängt werden könnte, will er nicht glauben. Für Möllemann hätte er bereits einen anderen Job als den eines Regierungsgmitglieds: eine neue Karriere als Serienkollege. Das wäre dann aber keine positive Rolle für den fernsehfreudigen FDP-Chef, meint Rampelmann. Vielleicht ein Immobilienspekulant, oder Leiter einer Taxizentrale.

Die CDU spart. Bei Käse- und Salamibroten, Altbier und Wasser versammelten sich nur wenige im Garten der Landesgeschäftsstelle vor den Fernsehern. Grabesstill bleibt es bei den ersten Prognosen. Kaum jemand möchte das eigene Ergebnis kommentieren. Lieber redet man sich die Enttäuschung schön. "Also, die Linken in NRW haben klar verloren. Das ist wohl das wichtigste Ergebnis", sagt Christian von der Jungen Union, der mit Sonnenbrille und Zweireiher den dynamischen Jungunternehmer markiert. Er wechselt vom Fernseher auf dem die ARD läuft rüber zum ZDF. Da sind die Prognosen günstiger für die CDU. Das tut weniger weh.

Als erster kommt der stellvertretende Landesvorsitzende Peter Hintze aus der CDU-Zentrale, wo Rüttgers mit seiner Frau die Wahlen verfolgt. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und lächelt in die Kameras. Alles halb so schlimm, ist sein Tenor. Und wie bei den anderen Parteien, staunen hier alle über den "Mölli" von der FDP. Als Jürgen Rüttgers sich dann mit seiner Frau den Weg zum Podium bahnt, stimmt die Junge Union ihre "Jürgen, Jürgen" Rufe an. Die Claqeure singen sich warm, und Rüttgers gelingt ein Lächeln. Er sagt, was er sagen muss: "Toll gekämpft" und "Nicht gereicht" und "Tausend Dank". Dann will er weg, "weil ich noch Interviews" geben muss. "Aber danach komme ich wieder und wir trinken noch einen zusammen". Das gefällt den Männern von der Jungen Union.

Rüttgers zwängt sich in seine Limousine und düst zum Landtag, wo sie in den Wahlstudios der Fernsehsender auf ihn warten. Dort muss er nun erklären, warum es wieder nicht gereicht hat. Ausgerechnet vor der SPD-Zentrale muss der Tross mit drei Wagen halten. Rüttgers blickt nicht aus dem Fenster, obwohl ihm Menschen zuwinken. Die Ampel steht auf Rot.

So knallen an diesem Abend nur bei einer Partei die Korken: der FDP. Möllemann kann seine Freude kaum bändigen über den riesigen Sieg aus der Opposition heraus. Von vier auf neun, vielleicht sogar zehn Prozent. Möllemann wirft die Arme nach oben, ballt die Fäuste. Die anderen FDP-Mitglieder, die keiner kennt, blicken fast schon ehrfürchtig zu ihm, dem Heilsbringer - Mölli ist wieder da. Am Freitag im Bundestag hatten sie ihn noch ausgelacht. Jetzt kommen sie an ihm nicht mehr vorbei. Und weil er das weiß, gibt er in den Interviews schon wieder den staatsmännisch Nachdenklichen. Seine Genugtuung hält er noch zurück. Aber an den Miene von Clement, Rüttgers und Bärbel Höhn ist abzulesen, dass er sie das noch spüren lassen wird.

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