Röstels Abgang: "Manchmal fast versackt" - DER SPIEGEL
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Röstels Abgang "Manchmal fast versackt"

Zum Schluss gab es doch noch stehende Ovationen. Nach dreieinhalb Jahren an der Spitze der Grünen beschwörte Gunda Röstel in ihrer Abschiedsrede eine kommende Hausse der Grünen. Doch die Delegierten schenkten der scheidenden Parteivorsitzenden kaum Gehör.
Von Dominik Baur
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Münster - Die Grünen wollen sich nicht einreden lassen, dass sie eine Umfallerpartei sind. Zum Auftakt des Parteitags in Münster rief Gunda Röstel ihre Parteifreunde noch mal auf, das Jammern sein zu lassen und das Positive zu sehen. Das Problem der Grünen, so ist derzeit die allgemeine Lesart in der Parteiführung, ist nicht die politische Leistung, sondern lediglich die mangelnde Fähigkeit, diese richtig zu verkaufen. Tue Gutes und verkaufe es gut. Würden die Grünen einmal dieses Prinzip kapieren, so klingt es, gäbe es keine Schwierigkeiten mehr. Die Jugend liefe der Partei dann wieder zu wie einem Jürgen Möllemann. Bei Wahlen würden sie zweistellige Ergebnisse einfahren, nicht die FDP.

"Wer die öffentliche Wahrnehmung ausblendet, darf sich nicht wundern, wenn er von der Öffentlichkeit ausgeblendet wird", sagte Röstel. Natürlich müsse man sich um die junge Generation bemühen. Die Grünen seien keine Ein-Generationen-Partei. Aber: "Wenn die Jugend in Scharen zu Herrn Möllemann überläuft, lässt das Rückschlüsse zu." Auf keinen Fall, so meint Röstel, dürfe man wie die FDP "dem Zeitgeist nachhecheln", nur um Wählerstimmen zu gewinnen.

Die erfolgreiche Zukunft der Grünen sieht Röstel in einer Dreieinigkeit von zugkräftigen Führungspersonen, dem Programm und der Partei. Sie selbst allerdings wird nicht mehr zu der engeren Führungsspitze gehören. Dreieinhalb Jahre war sie die rechte Hälfte des Chefduos. Bilanz: "Ich habe mich bemüht." Es sei nicht immer leicht gewesen. "Manchmal bin ich als eigenständige Person fast versackt."

Bei all ihren Parteifreunden, schloss Röstel, wolle sie sich bedanken - bei einigen mehr, bei anderen weniger. Aber wer zum Schluss eine Abrechnung von ihr erwartet habe, den müsse sie enttäuschen: "Ich bin weder bitter, noch tut mir eine einzige Stunde leid." Und dann gibt sie sich noch schnell ganz modern: "Wenn wir an der Börse wären, ich würde gerade jetzt grüne Aktien kaufen."

Nachdem es während Röstels Rede nur verhaltenen Applaus gegeben hatte, erhoben sich die Delegierten zu guter Letzt doch noch und spendeten ihr noch eine Minute stehende Ovationen. Von Fraktionschefin Kerstin Müller bekam die abgehende Parteichefin eine Sonnenblume geschenkt. Es war kein großer Abgang, eher ein stiller Abschied einer müde gewordenen Politikerin. Immerhin: Man nahm es der Frau dort vorne, der kaum jemand zuhörte, ab: Sie hat sich bemüht.