Sachbuch Der neue Antisemitismus
In jüngster Zeit sind einige Gewissheiten ins Wanken geraten. So feiern etwa im Osten der Republik rechtsextreme Parteien wieder Wahlerfolge und ihre Abgeordneten relativieren ungeniert den Holocaust. Täglich finden sich in den Zeitungen kleine Meldungen von Überfällen rechter Schläger. Und schließlich haben auch Martin Walser und Martin Hohmann in umstrittenen Reden zur Erosion des Antisemitismus-Tabus beigetragen.
Der "taz"-Redakteur Philipp Gessler hat sich des Themas angenommen und zeigt in seinem Buch "Der neue Antisemitismus - Hinter den Kulissen der Normalität", wie verbreitet antisemitische Einstellungen in Deutschland noch sind, wie sie sich gewandelt haben und in welchen Erscheinungsformen sie nun zutage treten. Gessler konzentriert sich auf "das Neue am neuen Antisemitismus", der sich seiner Ansicht nach vor allem in folgenden Punkten zeigt: Die "Explosion" des Judenhasses unter muslimischen Einwanderern, der kontinuierliche Anstieg physischer Attacken gegen Juden und die bereitwillige Aufnahme antisemitisch unterfütterter Verschwörungstheorien auch in Kreisen, die bislang als unverdächtig galten.
Der Autor zeigt anhand von Beispielen wie sich spätestens seit dem jüngsten Golfkrieg ein Großteil der Muslime im Westen, aber auch Rechtsextreme antiamerikanisch gebärden und wie sich für sie die Begriffe Antiamerikanismus und Antisemitismus inzwischen verbunden haben. Gessler belegt diese These mit "einem alten Bekannten", der in den "Phantasien der Islamisten und Neonazis" eine entscheidende Rolle spielt: "Das ZOG". "Gemeinsame Feinde sind das kapitalistische Israel, der Zionismus und nicht zuletzt die USA mit ihrem 'Zionist Occupied Government' (ZOG)", zitiert er die Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel. Mittlerweile, schreibt Gessler, würden Neonazis und Islamisten die Wörter "Ostküste" und "Wallstreet" als Code für eine vermeintlich von Juden beherrschte Region und Institution benutzen.
Dünn sind jedoch Gesslers Belege für seine Behauptung, es gebe bereits Anzeichen einer "nationalsozialistisch-muslimischen Allianz", die in Ansätzen historisch schon einmal in Hitlers Unterstützung für den Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, zu finden sind. Als gewichtigsten Beweis für diesen "braunen Faden" zwischen Rechtsextremen und Islamisten führt er jedoch fast nur die spinnerten Ideen des NPD-Chefideologen Horst Mahler an.
Gefährliche Tendenzen auch bei Globalisierungsgegnern?
Dann wagt sich der Autor auf noch heikleres Terrain: Antisemitische Tendenzen, schreibt er, seien auch "in den Reihen der Globalisierungsgegner" zu beobachten. Auch bei Linken, behauptet der Autor unter Berufung "interne Mailforen" der "globalisierungskritischen Szene", kann sich der Antisemitismus "in Form der Identifikation 'der Juden' mit Geld" zeigen. Gelegentlich sei auch hier die "seltsame Unterscheidung zwischen 'raffendem' und 'schaffendem' Kapital anzutreffen". So sei mancher Linker, behauptet Gessler, nicht immun gegen das "Konstrukt einer Art globaler Verschwörung" und von einer mächtigen "jüdischen Lobby" überzeugt.
Insgesamt, behauptet der Autor an anderer Stelle, gehe der "linke Antisemitismus" mit "einer vehementen Parteinahme für die palästinensische Seite" einher. So habe sich die "AG Globalisierung und Krieg" von Attac gar in die Forderung nach einem Boykott von Waren aus jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten verstiegen. Doch auch bei sensibleren Attac-Mitgliedern weckte das unselige Assoziationen und die Aktion wurde unterbunden. Ein Schwäche des Buches ist, dass Gessler nicht zeigen vermag, dass es eben nur eine verschwindende Minderheit von Globalisierungsgegnern ist, die sich auf diese vereinfachte Weltsicht eingelassen haben und mit ihren Äußerungen eine ganze Bewegung in Misskredit bringen können.
Gesslers Buch ist sicher kein wissenschaftliches Standardwerk. Schließlich bedient sich der Autor eines journalistischen Recherche- und Schreibstils, der neben der Wiedergabe eines gut sortierten Zeitungsarchivs manchmal etwas mehr Tiefgang benötigt hätte. Zudem hält Gessler weitestgehend seinen eigenen Standpunkt hinter dem Berg - leider auch da, wo hin und wieder Meinung angebracht wäre. Eher sei die Lektüre "Neueinsteigern" in die brisante Welt der Vorurteile empfohlen. Denn trotz mancher Verkürzungen zeigt Gessler pointiert, dass antisemitische Stereotypen ein hoch aktuelles Thema sind - nicht nur an Gedenktagen.
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Philipp Gessler: Der neue Antisemitismus - Hinter den Kulissen der Normalität. Herder Spektrum. 158 Seiten. ISBN 3-451-05493-0. 9,90 Euro