Schröders Kampagne Das Programm bin ich
Berlin - Gerhard Schröder wirkt munter. Gar nicht so angestrengt wie noch am Montag, als er nach der Sitzung des SPD-Präsidiums vor den Medien kniff. Vergessen, abgehakt. War da was? Eine Niederlage in Sachsen-Anhalt? "Schmerzlich", sicherlich. Aber die Gründe lägen nun einmal in der Landespolitik und "zum Teil auch im landespolitischen Personal", tritt er Reinhard Höppner hinterher.
Nächste Frage. Das Versprechen, die Arbeitslosigkeit auf 3,5 Millionen zu drücken, eine Niederlage? Immerhin gebe es jetzt eine halbe Million Arbeitsloser weniger als zum Ende der Kohl-Ära, rechtfertigt sich der Mann der zu großen Vorsätze. Und das nach einem Abschwung und vor dem Start in den Aufschwung! Und dass die Wirtschaftsinstitute keine hoffnungsvollen Prognosen liefern, ist für Schröder eigentlich auch kein Problem. Mit den Prognosen sei das so eine Sache, da gebe es ja solche und solche, die werde die Regierung "sorgfältig zur Kenntnis nehmen".
So geht es munter weiter an diesem Mittwoch in der Berliner SPD-Zentrale. Gerhard Schröder will sich die Laune nicht verderben lassen. Nicht durch die Wirklichkeit, nicht durch die Journalisten und schon gar nicht durch seine Partei. Der Vorstand hat am Vorabend das Wahlprogramm verabschiedet, das wie eine Geheimvorlage gehandelt wurde und den Vorstandsmitgliedern erst am Sonntagmittag zuging.
Einige Korrekturen des linken Flügels sind noch in allerletzter Minute eingeflossen, dann wurde der Entwurf verabschiedet. Einstimmig, wie Gerhard Schröder betont. Intern heißt es, der Kanzler habe sich konziliant gezeigt, viel stärker als sein Generalsekretär Franz Müntefering, der dem Entwurf den letzten Schliff gegeben hatte. Schröder, heißt es, habe einfach keinen Streit mit den Linken gewollt.
Warum auch eine Schlacht schlagen, die es nicht wert ist, geschlagen zu werden? Was ist schon ein Wahlprogramm gegen den Mann, der Edmund Stoiber besiegen muss? So klar würde das Schröder natürlich nie sagen. Stattdessen spricht er davon, dass es schon fast eine Selbstverständlichkeit sei, dass es zum Ende eines Wahlkampfes hin "wesentlich auf die beiden ankommt, die für das Amt in Frage kommen". Schröder weiß, dass die Partei ihn nie so recht ins Herz geschlossen hat. Oskar Lafontaine war beliebt, er wird respektiert, weil er die SPD an die Macht geführt hat.
Und so verneigt sich Schröder vor der Partei, die verunsichert ist in diesen Tagen. Er erinnert an Frankreich, wo Wahlmüdigkeit und eine zerstrittene Linke gerade dem Kandidaten Lionel Jospin ein Wahldebakel erster Klasse beschert haben. Natürlich wolle er die Situation in beiden Ländern nicht vergleichen, sagt Schröder, doch die Botschaft ist angekommen. Und damit es jeder auch richtig verstanden hat, spricht er von einem "harten, ernsten Wahlkampf", der anstehe und davon, dass die Partei "noch wichtiger als 98" sei.
Für die Seele der Basis hat die Linke im Vorstand auch noch eine Aussage zu Rot-Grün ins Programm hineingebastelt. Was macht das schon, wenn am Ende der Wähler entscheidet, wohin die Reise geht. "Sie müssen das im Zusammenhang lesen", klärt der Parteivorsitzende denn auch die Journalisten im Willy-Brandt-Haus auf. Erste Priorität müsse es sein, die SPD so stark wie nur möglich zu machen. Zweitens die "erfolgreiche Koalition" fortzusetzen - sofern es der Wähler wünsche. Und dann, nach einer klitzekleinen Pause, kommt der Kanzler auf den eigentlichen Punkt: Im Übrigen werde man den Willen des Wählers "respektieren". Wenn es sein muss, heißt die unausgesprochene Botschaft, dann eben auch mit der FDP oder mit der Union.
Klares Nein nur zur PDS
So verschwommen, wie sich Schröder zur Koalitionsfrage äußert, so deutlich wird er nur bei der PDS: Keine direkte oder indirekte Zusammenarbeit. Er habe das so oft betont, dass es eigentlich eine "Selbstverständlichkeit" sei, meint Schröder. Doch so selbstverständlich ist es für manche in der SPD nicht - vorsorglich hat Müntefering den Satz ins Wahlprogramm schreiben lassen.
Das Wahlprogramm, das wissen Müntefering und sein Parteichef, ist zwar notwendig, wichtiger ist aber der Kandidat. Wann er den Entwurf denn das erste Mal in der Hand gehalten habe? "Oi", entfährt es Schröder und mit einmal senkt sich seine Stimme, "das weiß ich gar nicht mehr zu sagen." Er sei aber im ständigen Austausch mit Müntefering gewesen, betont er, als gebe es jemanden, der das im Foyer der Parteizentrale auch nur bezweifeln wollte. Damit aber auch nun wirklich niemand auf die Idee kommen könnte, zwischen ihm und der Basis gebe es irgendeinen Riss, greift Schröder noch in den Fundus der Dialektik: "Das Programm ist mein Programm, weil es unseres ist, und es ist unser Programm, weil es meins ist."
Solche aufmunternden Worte sind vor allem an jene gerichtet, die sogar noch am Mittwoch ihr Unbehagen vor den Medien ausbreiten müssen. Wie Niels Annen, der vor einer "Personalityshow" Schröders warnt, gar vor einer inhaltlichen Verflachung des Wahlkampfes. Aber wer ist schon Annen? Den Juso-Chef mag noch nicht einmal jeder Bundestagsabgeordnete kennen. Insgeheim weiß Schröder: Ohne ihn hätte die SPD zwar ein noch schöneres Wahlprogramm, aber nur mit ihm kann sie die Wahl gewinnen. "Ich hoffe doch, dass meine Partei mich als gute Karte in der Auseinandersetzung sieht", sagt er.
Und damit sich die Kritiker in den eigenen Reihen keine Illusionen machen, dass ihnen ein Gerhard Schröder so schnell abhanden kommen könnte, korrigiert er gleich auch noch eine weitere Aussage. Nicht länger als zwei Amtsperioden wolle er Kanzler sein, hatte er vor dreieinhalb Jahren verkündet. Am Mittwoch, den 24. April 2002, denkt der Kanzler darüber ein wenig anders. Vier Jahre seien zu wenig, 16 wie Kohl zu viel, schmunzelt er die Journalisten an. Man werde also "gucken, was das richtige Maß ist".