Schröders Sommerreise "Die Deutschen sind unsere besten Kunden"
Stettin - Mit einem kleinen Beil kappt die Schwiegermutter des Reeders das letzte Seil. Ein mechanischer Arm schmettert die obligatorische Sektflasche gegen den roten Schiffsbug und "Gloria" setzt sich in Bewegung. Wie auf Butter gleitet der Containerriese vom Stapel, lautlos fast, nur ein wenig ächzt der Stahl auf seinen ersten Metern. Nicht einmal 30 Sekunden dauert es, bis der 40.000-Tonner sanft in die Oder taucht. Schwere Anker fallen in den Fluss, und der polnische Spielmannszug bläst die deutsche Nationalhymne.
Hans Rudolf Tietjens nimmt ein Glas Schnapps und stößt mit seiner Schwiegermutter an. Der Reeder aus Meldorf an der Nordsee hat die über 80-Jährige extra nach Stettin (Szczecin) gebracht, um seine "Gloria" zu taufen. Schließlich ist es das größte Schiff, das er je gekauft hat. Wie viel er bezahlt hat? Tietjens schaut pikiert. "Darüber redet man nicht", sagt er knapp.
"Ich kaufe lieber in Polen"
Nur so viel verrät der schweigsame Norddeutsche: Preiswerter als in Deutschland seien die Schiff hier und bessere Qualität hätten sie auch. "Die deutschen Werften kaufen die Bauteile doch auch in Polen, bauen sie in Deutschland zusammen und verkaufen die Schiffe dann als 'Made in Germany'. Da kaufe ich lieber gleich in Polen", argumentiert Tietjens.
"Die Deutschen sind unsere besten Kunden", schwärmt Andrzej Zarnoch, Vizepräsident der "Stocznia Szczecinska". Mehr als 50 Prozent der Verkäufe gingen ins westliche Nachbarland. "Hamburg ist quasi unser Heimathafen", sagt der Werftmanager und lacht.
Nicht nur die Geschäftsbeziehungen nach Deutschland sind eng, sondern auch die gemeinsame Geschichte. Die Stettiner Werft wurde 1948 auf dem Gelände der zerbombten deutschen Vulcan-Werft gegründet.
Deutschland kauft die meisten Schiffe
Schon während des Kalten Krieges lieferten die Stettiner Konstrukteure Schiffe in die Bundesrepublik. Größter Kunde war jedoch die Sowjetunion - deren Auflösung die polnische Werft prompt in die Pleite trieb. Nach der Privatisierung stieg das vereinigte Deutschland zum besten Kunden auf.
5000 Angestellte arbeiten noch auf dem Werftgelände, doch droht 2000 von ihnen die Entlassung. "Wir müssen radikal unsere Kosten senken", sagt Werftmanager Zarnoch, zu groß sei die Konkurrenz aus Korea.
Die EU-Osterweiterung sieht Zarnoch mit Sorge. Durch den Beitritt Polens würden sich die Löhne immer weiter dem Westniveau nähern und könnten so die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Schiffsbauer weiter mindern, fürchtet der Werftmanager. "Für die Werft wird es dann schwieriger, nach Deutschland zu verkaufen", prophezeit auch Reeder Tietjens. Was er macht, wenn die Preise steigen? "Woanders kaufen", lautet die Erwiderung. In Korea? Tietjens zögert, dann nickt er.
Der Kanzler kehrt den Schiffen den Rücken
Der Bundeskanzler will den Menschen an beiden Seiten der Oder die Chancen der Osterweiterung vermitteln, aber dort, wo die Sorgen am größten sind, lässt er sich nicht blicken. Wenn Schröder am Dienstag Stettin besucht, zieht es ihn ausnahmsweise einmal nicht in die Nähe der großen Unternehmen. Vielmehr will sich der Kanzler um die kleinen Pflänzchen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit kümmern.
Eine Jugendstilvilla an der altehrwürdigen Allee Polskiego in Stettin, Sitz des deutsch-polnischen Hauses der Wirtschaft. Die Mitarbeiter sind im Stress, am Dienstag will der Kanzler hier Unternehmer aus beiden Ländern treffen. Maler tünchen in letzter Minute die Gartenmauer, das Zelt steht noch nicht.
Das Haus, gegründet von der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg, vermittelt seit knapp einem Jahr Wirtschaftskontakte. 266 Firmen aus Polen und Deutschland hat es bereits zusammengebracht.
Der Grenzübergang als Nadelöhr
Das Berliner Kanzleramt hat sich den richtigen Ort für die Missionsreise ihres Chefs ausgesucht, denn im Haus der Wirtschaft sieht man die Osterweiterung der Europäischen Union als Chance. Die Grenze zu Polen behindere den Handel ungemein, weiß Eckhard Behr, Pressesprecher der Handelskammer Neubrandenburg.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie ein Berliner Unternehmer sich seinen ganz privaten Grenzübergang nach Polen schaffte.