Schweiz: Schröders neue Liebe - DER SPIEGEL
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Schweiz Schröders neue Liebe

Die deutsche Botschaft in Bern hat es derzeit nicht leicht. Gerhard Schröder hat die Schweiz entdeckt. Offenkundig findet der Kanzler an der Welt jenseits des Säntis-Massivs immer mehr Gefallen.
Von Joachim Hoelzgen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit August vorletzten Jahres ist die Botschaft gewappnet: Damals erschien der Kanzler überraschend beim Filmfestival von Locarno mit anschließendem Galadinner. Morgen reist Schröder wieder in die Schweiz, nachdem er doch schon vorigen Freitag in Lausanne war.

Nach Lausanne war er gereist, weil ihn die Schweizer Verleger anlässlich ihres Jahreskongresses eingeladen hatten: ins Hotel Beau Rivage, dem Luxusliner der Schweizer Fünf-Sterne-Hotels. "War nicht einfach, jemanden zu finden, dem es noch schlechter geht als uns", höhnten dazu in einer Zeitschriften-Karikatur zwei Zeitungsbesitzer.

Schröder sei jedenfalls gern in die Schweiz geflogen, sagte Roger de Weck, der Schweizer Ex-Chefredakteur der Hamburger "Zeit", "denn im Ausland ist er besser gelitten als zu Hause, darin seinem Vorgänger Helmut Kohl nicht unähnlich".

Der hatte sich wegen einer Geste bei den Eidgenossen beliebt gemacht, die man von ihm nicht erwartet hatte: Er besuchte das Grab Rainer Maria Rilkes im Walliser Rhonetal. Und vor einem Jahr - diesmal auf Einladung der Schweizer Regierung - weilte auch Schröder in dem Gebirgskanton, von dem Rilke meinte, es handele sich um "ein stilles Land, in dem die Propheten schweigen".

Spaziergang im hintersten Lötschental

Schröder ging mit dem damaligen Schweizer Bundespräsidenten Pascal Couchepin auf der Fafleralp im hintersten Lötschental spazieren. Kein Dichtergrab hier, aber ein kleiner Eklat: Die Küche der Fafleralp hatte den Hinweis erhalten, Schröder sei kein Freund von Raclette, dem Walliser Nationalgericht. Man blieb auf der Alp deshalb mit Kalbskarreebraten, Kartoffelstock und Herbstgemüse auf der sicheren Seite.

Die Schweizer sind in solchen Dingen pragmatisch, flexibel und liberal. Jedenfalls warf niemand dem Gast vor, dass er keinen warmen Käse mag. Und da er die landschaftliche Schönheit der Schweiz und die Eigenschaften ihrer Bewohner schätzt, versprach Schröder, hier auch womöglich einen Urlaub zu verbringen.

Nun aber absolviert er nur kurze Trips. Und er macht, eher untypisch, auch Konzessionen. Bei den Verlegern hörte er dem Vorredner zu, obwohl das nicht vorgesehen war. Denn es sprach Christoph Blocher, der ruppige Justiz- und Polizeiminister, der die schweizerische Presse anging. Jeder schreibe da beim anderen ab, wetterte Blocher, manche Artikel seien "wie geklebt".

Der Deutsche wollte da nichts hoch hängen. Lieber sprach Schröder über Reformen in Deutschland; über ständige Veränderungsbereitschaft, das müsse "in die Köpfe der Menschen".

Einladung beim Drei-Sterne-Koch

Auf Einladung des Verlegers Michael Ringier ging es am Abend in das berühmte Restaurant Hotel de Ville in Crissier, das dem Koch Philippe Rochat gehört. Auch Rochat hat seine Trüffel-Küche ständig verändert und sich so drei Sterne im Guide Michelin und 19 von 20 möglichen Punkte im nicht minder prestigeträchtigen Führer Gault Millau erworben.

Am morgigen Mittwoch schließlich erfüllt Schröder noch ein altes Versprechen in der Schweiz: Er besucht in der Galerie Silvio R. Baviera in der Zürcher Zwinglistraße die Vernissage eines sozialdemokratischen Künstlerfreunds: Schang Hutter, 70, stellt aus, der Schöpfer großer Eisenskulpturen, der wegen einer Operation am Rücken zu Holz und Gips wechseln musste.

Die Vernissage ist öffentlich, 400 Personen werden erwartet. Die Stadtpolizei wird sich wohl auf den Besucher aus Berlin eingestellt haben, von dem sie Ende letzter Woche - auch das ist die Schweiz - offiziell noch nichts gewusst hat. Schröder wird die Eröffnungsrede auf das Werk seines Freundes Hutter halten, den er jährlich mehrmals trifft.

Und abends geht es, anders als in Crissier, in das Genossenschaftsrestaurant Cooperativo, das Stammlokal der Linken und Gewerkschafter in Zürich. Diesmal sollen Spezialitäten aus dem Piemont aufgetragen werden. "Wir fühlen uns sehr geehrt, wenn der Genosse Schröder bei uns isst," hat man aus dem so genannten Coopi schon gehört.

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