Schwellenländer bei G8: Club der Weltelite will geschlossene Gesellschaft bleiben - DER SPIEGEL
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Schwellenländer bei G8 Club der Weltelite will geschlossene Gesellschaft bleiben

Die G-8-Chefs haben die fünf größten Schwellenländer mit an den Tisch gebeten - planen aber keineswegs eine Erweiterung der Runde um China, Indien & Co. Immerhin will man jetzt mit ihnen intensiver über globale Probleme reden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heiligendamm - Angela Merkel kneift die Augen zusammen. Die Sonne scheint über Heiligendamm. Gerade hat sie die Staats- und Regierungschefs der fünf Schwellenländer empfangen. Man begrüßt sich, plaudert freundlich, sitzt noch kurz an einem Tisch draußen vor dem Hotel. Dann geht es in den Pavillon, der abgebaut wird, sobald der Gipfel zu Ende ist.

Es ist der letzte Tag der G-8-Runde, die an diesem Tag fünf zusätzliche Stühle an den Tisch gestellt hat: für die Männer aus den aufstrebenden Staaten Indien, China, Südafrika, Brasilien und Mexiko.

Eigentlich ist die G8 ein Anachronismus. Ein Gebilde, das vom rasenden Wandel der Welt noch nicht erfasst ist. Denn ein Land wie etwa China, das mittlerweile 1200 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven akkumuliert hat, das nicht nur bevölkerungsreicher als Russland, sondern auch wirtschaftlich potenter ist, bleibt außen vor. Der Club der Großen Acht sieht weiterhin keinen Anlass, die Runde dauerhaft zu erweitern. Man fürchte um die Arbeitsfähigkeit, heißt es inoffiziell.

Begonnen hatte die Runde 1975 im französischen Rambouillet mit sechs Ländern - noch ohne Kanada. In den 90ern kam als Geschenk des US-Präsidenten Bill Clinton an den Reformpolitiker Boris Jelzin noch Russland hinzu. Moskau ist noch immer ein Mitglied zweiter Klasse. Bei den Treffen der Finanzminister der G8 ist es nur als Beobachter dabei. In finanz- und währungspolitischen Fragen wollen die G7 lieber unter sich bleiben - Russlands undurchsichtiger und von Korruption durchzogener Wirtschaftsstruktur misstrauen die Sieben.

Doch der Druck auf die Akteure der G-8-Staaten wächst. Kaum eine Pressekonferenz, bei der die Frage nach einer Erweiterung nicht gestellt wird. Auch am Freitag, auf der Abschlusspressekonferenz, muss die Kanzlerin auf das Thema eingehen. Sie stellt fest, dass es auch nicht gerade bei allen der fünf Schwellenländern eine "Sehnsucht" nach einer festen Mitgliedschaft gebe. Das sei von Thema zu Thema unterschiedlich ausgeprägt.

Merkels Hinweis fällt nicht ohne Grund: denn in der Tat gibt es Bereiche, bei denen die Fünf gerne mitreden würden - etwa in Handelsfragen, andere, wo sie die Verpflichtungen, die aus der Runde erwachsen, nicht so gerne annehmen würden - so bei sensiblen Themen wie dem Schutz des geistigen Eigentums. Oder bei der Klimafrage.

Erst am Tag zuvor hatte Merkel als derzeitige G-8-Präsidentin betont, dass sie keinen Anlass für eine Vergrößerung sieht. Mit Blick auf die erst Stunden zuvor mühsame Einigung auf Klimaschutzziele sagte sie, in einer Gruppe von 13 Mitgliedern "hätten wir niemals diese Übereinkunft erreicht". Die Gastgeberin wurde sogar sehr deutlich: "Wir hätten uns da verkämpft."

Die Kanzlerin dachte da wohl an China und Indien. Peking hatte erst kurz vor Heiligendamm ein eigenes, eher schwammiges Klimaschutz-Programm angekündigt. Indien beharrt weiter auf seiner Position, für den Klimawandel seien in erster Linie die Industrieländer zuständig.

Aber der Status der G-8 dürfte in nicht allzu ferner Zukunft überholt sein. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) wies erst kürzlich auf dem Heiligendamm-Vorbereitungstreffen der Finanzminister am Schwielowsee darauf hin, er sehe die G8 "auf dem Weg", China und andere aufzunehmen.

Der Weg dahin ist aber noch lang.

Zunächst werden die Fünf noch draußen gelassen. Man will sie lediglich stärker als bisher an die G-8 anbinden. Dafür hat sich die deutsche Präsidentschaft eine Vokabel einfallen lassen, die in diesen Tagen immer wieder unter die Journalisten gestreut wird, damit sie auch ja haften bleibt: "Heiligendamm-Prozess".

Die Begründung für den Dialog: Die "Verschiebung des Kräftegleichgewichts" in der Welt spiegele sich noch in keiner Institution der "politischen und ökonomischen 'global governance' angemessen wider", heißt es im deutschen Hintergrund-Papier. Was in Heiligendamm politisch angestoßen werde, solle dann "anhand von Einzelthemen strukturiert fortgeführt werden".

Nun wird der Austausch in den kommenden zwei Jahren formalisiert - etwa zu Themen wie Energieeffizienz, Investitionen und die soziale Dimension der Globalisierung. Bei der Arbeitssitzung am Vormittag wurde der "Heiligendamm-Prozess" offiziell beschlossen werden. Unter der G-8-Präsidentschaft Japans wird es dann einen Zwischenbericht geben.

Da die Formel vom "Heiligendamm-Prozess" auch im englischen so schön griffig klingt, hoffen die Deutschen auf möglichst globale Verbreitung. Der Begriff gefalle gut, weil er "in der Erinnerung haften bleibe".