Signierstunde mit Helmut Kohl: Das große Schweigen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Signierstunde mit Helmut Kohl Das große Schweigen

Altkanzler Helmut Kohl tourt derzeit durch die Republik, um sein jüngstes Buch "Mein Tagebuch 1998 - 2000" mit Signierstunden zu promoten. In Berlin bekam er einen Sahne-Windbeutel aufs Jackett. Am Montagabend war er in Hamburg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - "Er ist daha!" Die Dame hinterm Tresen im Thalia-Buch-Café sieht ihn zuerst. Bodyguards vorn, Bodyguards hinten, schreitet Helmut Kohl durch den Hintereingang in die Buchhandlung in der Hamburger Innenstadt. Spärlicher Applaus - kaum einer in dem überfüllten Laden hat mitbekommen, dass der Ex-Bundeskanzler jetzt hereingekommen ist, denn der gesamte hintere Bereich ist mit roten Seilen abgesperrt. Kurze Begrüßung, fünf Schritte bis zu dem Podest, auf dem der Schreibtisch steht, hinter dem Helmut Kohl für die nächsten anderthalb Stunden verschwinden wird.

Zu seiner Linken eine junge Dame, die ihm sofort ein geöffnetes Buch vor die Brust schiebt. Kohl lächelt, schiebt die Zungenspitze in den Mundwinkel und schreibt seinen Namen hinein. Während ein junger Mann zu seiner Rechten den Buchdeckel wieder zuklappt, kommt von links schon das nächste. Das ging alles so schnell, am liebsten möchte man die Wiederholungstaste drücken.

Kein Wort zur Begrüßung in die Menge, kein Wort zu den Journalisten - so still hat man Helmut Kohl selten erlebt. Er sitzt einfach da und unterschreibt, unterschreibt, unterschreibt - zunächst vorbestellte Ausgaben seines "Tagebuchs" von einem Stapel. Die Menge hinter den roten Absperrseilen muss noch warten. In einer langen Schlange stehen sie geduldig bis auf die Straße hinaus. Auch die, die nur mal gucken wollen, werden durch Grabbeltische, hektische Bodyguards und rote Seile auf Abstand gehalten.

"Wir haben große Angst, dass sich Berlin wiederholt", erklärt eine Mitarbeiterin. Bei einer Signierstunde dort war Kohl mit einem Windbeutel beworfen worden - das ließe sich hier in der Tat kaum nachahmen. Da müsste jemand schon verdammt weit werfen können.

Nach ein paar Minuten darf der Erste aus der Schlange vor den Schreibtisch treten. Seine Tasche und seine Jacke hat er am Checkpoint bei den Leibwächtern abgeben müssen. Er legt das Buch vor den Altkanzler, sagt kein Wort, erhält es mit Unterschrift und einem "Bitteschön" von Kohl zurück und geht mit einem seligen Lächeln davon. Und so geht es weiter, einer nach dem anderen. Kaum jemand traut sich, etwas zu ihm sagen. Einer raunt mal: "Machen Sie weiter so". Eine grauhaarige Mittfünfzigerin presst das Buch mit der Unterschrift an ihre Brust, schließt die Augen und flüstert verzückt: "Jetzt bin ich glücklich." Es ist ein bisschen, wie wenn der Nikolaus in den Kindergarten kommt und jedes Kind einzeln zu sich ruft, um zu fragen, ob es auch brav war.

Kohl signiert alles, was ihm unter die Nase gehalten wird. Manche kommen mit Geschichtsbüchern, Fotobänden, einer hält ihm das Parteiengesetz hin, ein anderer eine grüne Birne, und einer kommt sogar mit der "Bild"-Zeitung vom 10. November 1989. Kohl unterschreibt, unterschreibt, unterschreibt ungerührt. Mehr als tausendmal an diesem Abend - wie ein Automat.

Nur einmal durchbricht er den Ablauf: Als Natalia, Olga und Julia, alle drei vielleicht vierzehn Jahre alt, zu ihm vorgelassen werden. Sie stoßen spitze Schreie aus - so als stünden sie N'Sync oder Sasha gegenüber. "Nun fotografiert die Mädchen doch mal," ruft er den Presseleuten zu. Prompt stellen sich die drei nebeneinander vor den Schreibtisch, von Kohl nichts mehr zu sehen. "Doch nicht so!!" Also laufen alle drei hinter ihn, quietschen dabei und rufen: "Ist ja geil". Und der Altkanzler quittiert das mit einem großväterlichen Lächeln.

Dann weiter wie vorher. Allerdings schleicht sich inzwischen ein mürrischer Blick auf des Autors Gesicht. Er hat offensichtlich keine Lust mehr, schaut immer wieder verstohlen auf die Armbanduhr und steckt plötzlich den Füller in die Jackett-Innentasche. Schluss.