SPD-Chef: Kurt Becks Problemzonen - DER SPIEGEL
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SPD-Chef Kurt Becks Problemzonen

Kurt Beck wird zu oft unterschätzt. Der SPD-Chef hat einen starken Willen, kann gute Reden halten und Kompromisse schmieden, mit denen er als Gewinner dasteht. Heute im Koalitionsausschuss wird sein Geschick wieder zu erleben sein. Doch reicht das am Ende fürs Kanzleramt?
Von Christoph Schwennicke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die alte Dame hat tief durchgeatmet vergangene Woche. Bang war ihr - und bang blickte sie auf die Bühne des Bundestages. Doch was sie dort sah, das nahm ihr einen über die vergangenen Monate zentnerschwer gewordenen Druck vom Zwerchfell. "Er kann es!", stieß die alte Dame SPD heraus, als sie in der Debatte um den EU-Vertrag von Lissabon erkannte: Kurt Beck, ihr Vorsitzender kann eine Rede halten und sich mit der Kanzlerin messen.

So weit ist es gekommen. Nicht einmal das hatten sie ihrem Chef noch zugetraut in der SPD. Doch er hat bewiesen, dass er zu einem klar umgrenzten Thema Sätze sagen kann wie: "Die europäische Einigung ist eine Erfolgsgeschichte." Oder: "Es fehlt an Europa ein ganz entscheidender Teil - nämlich, was wir soziales Europa nennen."

Ein Wunder ist das in Wahrheit nicht. Es ist eine verzerrte Wahrnehmung gewesen, Becks rhetorische Fähigkeiten immer bloß an jener Castro'schen Zwei-Stunden-Rede beim Parteitag in Hamburg zu messen. Natürlich kann Kurt Beck Reden halten, er macht als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident seit 14 Jahren den lieben langen Tag nichts anderes: politische Standardreden zu halten, von der Eröffnung einer Winzermesse bis hin zur Trauerrede vor der Brandruine des Wohnhauses in Ludwigshafen, in dem neun türkische Mitbürger verbrannt sind.

Diese Rede war im übrigen eine ungleich größere Leistung als jene zu Europa im Bundestag: Vor ihm, jenseits der Absperrungen, aufgebrachte türkische Menschen, die der erste Redner, Premierminister Recep Tayyip Erdogan, nur bedingt zur Räson gebracht hatte. Hinter ihm das zum Mahnmal gewordene verkohlte Haus, das in der Türkei schnell zum Sinnbild des Ausländerhasses in Deutschland geworden war - auch ohne jeden Beweis einer Brandstiftung.

Beck beherrscht die hohe Kunst der Politik

Eine echte Kanzlersituation, auch wenn er als Landesvater gekommen war. Beck sprach frei an jenem Ort und in der Situation. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, schielte immer wieder auf ihren Spickzettel.

Er traf den Ton, er sagte die richtigen Worte, alles saß.

Kurt Beck bringt viele Voraussetzungen mit, die ein Mann braucht, um für politische Spitzenämter in Frage zu kommen. Er hat einen starken Willen. Er ist imstande, Kompromisse herbeizuführen, mit denen er als Gewinner dasteht, selbst wenn das Ergebnis nicht seinen eigenen Vorstellungen entspricht - zuletzt zu besichtigen bei der Bahnreform.

Auch diese Fähigkeit sollte niemanden wundern. Schon Jahre bevor sich irgendwer in der SPD ausgemalt hätte, dass Beck einmal der Vorsitzende und etwaige Kanzlerkandidat dieser Partei sein würde, leitete Beck regelmäßig die Antragskommissionen zu den Parteitagen.

Was sich nach Ehrenamt oder Apparatschik-Aufgabe anhört, ist in Wahrheit die hohe Kunst der Politik. In dieser Antragskommission entscheidet sich, ob ein Parteitag als Debakel oder als Triumph endet, weil hier sortiert wird, welche Streits auf offener Bühne ausgetragen werden. Es gehört eine besondere Gabe dazu, und auch ein besonderes Vertrauen, diese Aufgabe mit Bravour zu meistern. Beck ist das immer gelungen.

Gut ist Beck überhaupt in jenen politischen Deals, bei denen es zugeht wie auf einem Basar: Geb ich dir deinen Horst Köhler als Bundespräsidenten, musst du meinen Martin Schulz als EU-Kommissar schlucken - das ist die Art von Gespräch mit dem Counterpart Angela Merkel, auf die sich Beck versteht.

Das wird er auch an diesem Montag im Koalitionsausschuss wieder demonstrieren. Dann geht es auch um die abgespeckte Bahnreform, auf die Beck seine Partei verpflichten konnte.

Jenseits dieser Gabe, Enden zusammenzubinden, die sich nicht zusammenbinden lassen wollen, verfügt Beck über einen dicken Bauch. Das ist nicht physisch gemeint, sondern politisch. Er spürt Politik dort, wo sie stattfindet, und das ist zu einem erheblichen Teil nicht der Kopf und der rationale Verstand, sondern der Bauch.

Kurt Becks Problemzonen liegen woanders, im eher habituellen Bereich.

Was Beck mit Köhler und Kohl gemein hat

Seine Startschwierigkeiten im Berliner Betrieb erklärte er sich damit, dass die da in Berlin alle ein bisschen verstrahlt und überspannt sind, wohingegen er, der Naturbursche aus der Pfalz, sich seine Bodenständigkeit erhalten hat. Eine Natürlichkeit, die vielleicht nicht die Insassen des verglasten Berliner Betriebes zu schätzen wüssten, wohl aber die Menschen draußen im Lande.

Man könnte es das Köhler-Prinzip nennen: Bonding mit den Menschen - über den tiefen Graben der Berliner Politjournaille hinweg.

Da könnte prinzipiell etwas dran sein, Horst Köhler belegt die These schließlich aufs trefflichste: Er hat sich so beliebt gemacht beim Volk, dass es ihm per indirektem Plebiszit zu einer zweiten Amtszeit verhilft - obwohl keine der maßgeblichen Parteien ihn eigentlich mehr will.

Und hat nicht auch Helmut Kohl es geradezu stilisiert, lästige Journalisten wegzuwedeln wie ein Kuhschwanz die Fliegen? Sein gereiztes "Isch weiß gar nicht, wovon Sie räddn!", hallt wider in manch pampiger Replik Becks auf eine unbequeme Frage.

Ist Kurt Beck also die sozialdemokratische Variante des schwarzen Riesen? Und: Führt ihn diese Wesensverwandtschaft ins Kanzleramt?

Hier endet die Parallele. Kohl hat seine herrisch-entrückte Attitüde erst allmählich und aus dem Amt heraus angenommen. Außerdem war er als Reformer gestartet und erst im Amt zum Reformverhinderer geworden - wofür er schließlich abgewählt wurde.

Mit Berlin zu fremdeln, reicht nicht als Qualifikation

Beck ist schon vorher so, wie Kohl erst wurde. Er neigt zur Pampigkeit und stilisiert sich als derjenige, der die Menschen vor zu viel Reform bewahrt. Beides wird sich am Ende nicht auszahlen und kaum reichen für den Machtwechsel.

Denn der Swing ist enorm, den Beck, den jeder SPD-Kandidat herbeiführen müsste. Helmut Kohl wurde nicht aus dem Stand durch eine Bundestagswahl Regierungschef, sondern durch Koalitionsverschiebungen, also Kräfteverschiebungen im Parlament. Willy Brandt war Vizekanzler einer Großen Koalition, ehe er Kanzler wurde.

Der erste Herausforderer, der als Ministerpräsident direkt aus einem Bundesland heraus Bundeskanzler wurde, hieß Gerhard Schröder. Eine enorme Leistung. Und er brachte dafür genau jene Eigenschaften mit, die Beck fehlen: die Fähigkeit, breite Schichten auch jenseits der SPD-Stammklientel in seinen Bann zu ziehen. Und den Eindruck zu erwecken, dass er die Moderne bringt, die Kohl so lange aufgehalten hatte.

Beides Eigenschaften sucht man an Beck bisher vergebens. Dazu kommt ein Denkfehler: In einem angespannten Verhältnis zum Berliner Betrieb zu leben und sich dabei im Bunde mit der Bevölkerung zu wissen, heißt noch gar nichts. Nur weil Beck mit Berlin fremdelt, fliegen ihm die Herzen noch lange nicht zu.

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