SPD-Parteitag: Ein Lied kann eine Krücke sein - DER SPIEGEL
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SPD-Parteitag Ein Lied kann eine Krücke sein

Nach Tagen auf der Suche nach dem Herzen und der Seele der Partei stimmten die Delegierten erstmals seit Jahren zum Abschluss eines Parteitages wieder ein Arbeiterlied an - in guter alter sozialdemokratischer Tradition. Wie sich zeigte, waren viele aus der Übung.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bochum - Wo gesungen wird, soll man sich niederlassen, heißt es. Böse Menschen kennten schließlich keine Lieder. Wenn nun aber alle singen, inbrünstig, aus tiefer Seele, laut und andächtig, zugleich aber die ganze Zeit mit einem Auge nach dem Liedzettel schielen, das Lied also gar nicht wirklich kennen, sich vielmehr nur bemühen, so auszusehen - ja was denn dann? Dann weiß man wohl nicht mehr mit Gewissheit, ob jener böse ist und dieser gut, der da drüben ein Verräter und die hier vorne eine Petze. Dann ist es wie bei der SPD.

Unverdächtig: Franz Müntefering, der Fraktionschef der Sozialdemokraten. Er steht gerade wie eine Eiche, eher eine schmächtige Birke vielleicht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er braucht keinen Liederzettel, auch nicht den Chor vom Band, er kommt aus einem Arbeiterhaushalt, er singt laut. Franz Müntefering bekannte erst vor Kurzem in einem Interview, dass er bei Arbeiterliedern sogar entspannt. Andere Sozis, stellt man sich nun vor, liegen in der Wanne und lauschen italienischen Opern, der Franz dagegen hört Hannes Wader. Und sicher nicht im Ohrensessel.

Vielleicht hilft's ja der Partei!

Der Parteitag von Bochum ist der erste seit Jahren, der wieder mit einem gemeinsam gesungenen Lied beschlossen wurde. "Wann wir schreiten Seit' an Seit' " heißt das Arbeiterlied, das Hermann Claudius 1915 dichtete. "Wann wir schreiten Seit' an Seit' und die alten Lieder singen, und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muss gelingen", heißt es darin. "Mit uns zieht ein neuer Geist, mit uns zieht ein neuer Geist". Ein Lied kann eine Krücke sein, hat wohl jemand im Willy Brandt-Haus gedacht und sich an die alte Tradition des gemeinschaftlichen Singens erinnert. Vielleicht hilft's ja der Partei, sich in diesen schweren Zeiten zu orientieren und zur Einheit zu finden, die Querelen hinten anzustellen und Solidarität zu üben.

Der Plan war gut und auch gut vorbereitet: Zunächst die geschickt platzierte Auskunft Münteferings im Zeitungsinterview, dann am Mittwochmittag, noch rechtzeitig zum Auswendiglernen, die Liederzettel auf den Sitzen der Delegierten. Der Plan hatte nur einen, dafür aber entscheidenden Denkfehler: Am Anfang, wann denn sonst!, hätte man das Lied singen müssen. "Keiner wagt zu hadern, herrlich lacht der Sonnentag!" - Olaf Scholz abwatschen nach so einem Lied? Ausgeschlossen.

Jetzt aber müssen ein gedemütigter Scholz und ein gedemütigter Wolfgang Clement ein Lied auf die Einheit singen. "Ich freu mich immer, wenn gesungen wird", hat Clement vorher tapfer gesagt. "Ich singe selber gern." Dann aber steht auch er etwas rat- und ausdruckslos herum und brummt das Lied.

Wärmende Lagerfeuer der Jusos

Was fröhlich hätte werden können, gerät so zum nachdenklichen Akt. Der Kanzler steht neben seinem Stuhl, die Hände gerade nach unten, an die Seiten gepresst, Handflächen nach innen. Er kann den Text zwar, singt auch mit, schaut aber grimmig drein. Er sieht aus wie beim Abspielen der Nationalhymne auf einem Staatsempfang. Genau so unbeteiligt.

Fröhlich dagegen Ute Vogt! Erst am Vortag, auf der Party der Netzwerker unter den SPD-Bundestagsabgeordneten, hatte sie eben dieses und Dutzende anderer Arbeiterlieder gesungen. Auswendig, alle! Der kleine Trompeter, Das Einheitsfrontlied, Dem Morgenrot entgegen, natürlich auch Bella Ciao!, und am Ende, selbstverständlich: Die Internationale. Geschüttelt vor Freude hat sie sich, gelacht, gegrölt, die Faust gereckt. Das sind die Folgen einer jahrelangen Sozialisierung an den wärmenden Lagerfeuern der Jusos, die Ute noch mit langen Haaren, in der Hand die Gitarre...

Beim Absingen des Liedes am Ende des Parteitages, unterstützt von einem seltsam sakralen Männerchor aus der Konserve, sieht Ute Vogt aus, als zögen diese wilden Jahre vor ihrem geistigen Auge vorbei. Sie lächelt, hält die Hände wie beim Gebet. In ihren Augen ist kein Arg. Sie ist auf diesem Parteitag zu Schröders Stellvertreterin gewählt worden, ist zufrieden. Sie hat ja auch keinen Anlass zu Vermutungen über Ränkeschmied im Hintergrund gegeben wie der Pop-Beautragte Sigmar Gabriel (kann das Lied nicht ganz auswendig) oder der Niedersachse Wolfgang Jüttner (lugt ebenfalls auf den Zettel).

Kurze Abschiedformeln

"Wann wir schreiten Seit' an Seit' und die alten Lieder singen, und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muss gelingen: Mit uns zieht ein neuer Geist, mit uns zieht ein neuer Geist!", singt der Parteitag. Und dann ist das Lied aus. Heide Simonis, die schleswig-holsteinische Ministerpräsidenten, murmelt kurze Abschiedsformeln ins Mikrophon, alle anderem auf dem Vorstandspodest raffen in erstaunlicher Geschwindigkeit ihre Taschen und Unterlagen zusammen noch während die Heide (kennt den Text!) spricht, verlassen das Podium - das nach drei Seiten Abgangsmöglichkeiten bietet und auf jeder dieser Seite vier Stufen hat, genug Platz also, um sich bequem aus dem Weg zu gehen -, und gehen ihrer Wege.

Seit' an Seit' mit dem Kanzler, und da passt nun wirklich kaum ein Blatt Papier dazwischen, schreiten seine Bodyguards. Der Parteitag ist zu Ende.