SPIEGEL-ONLINE-Chat "Colt am Gurt, Whisky unterm Arm"
Bagdad - Fast überall herrscht Chaos, die Menschen fürchten sich vor Straßenräubern und Plünderern. "Es gibt kein Zusammenleben" berichtete Deggerich. "Im Moment kämpft jeder für sich selbst." Eine irakische Zeitung habe sogar einen Plan herausgebracht, der die derzeit gefährlichsten Gegenden in Bagdad markiert. "Er verkauft sich gut." Besonders schwierig gestalte sich die Situation für die irakischen Frauen. Sie seien "Freiwild" und würden oft auf offener Straße entführt. Aus diesem Grund begleiteten viele Väter ihre Töchter persönlich in die Schule.
Viele Leser beschäftigte die Frage nach dem Verhältnis zwischen US-Truppen und Irakern. "Das Gefühl der Befreiung wird überlagert von der katastrophalen Sicherheitslage sowie der schlechten Versorgung", erläuterte Deggerich. Es gäbe kaum Wasser und Strom. In den ländlichen Gebieten sei die Lage noch dramatischer. Die hohen Temperaturen und die Trockenheit täten ein Übriges. "Die Iraker machen die Amerikaner für die Missstände verantwortlich." Es gebe eigentlich kein Vertrauen zwischen den Besatzern und der irakischen Bevölkerung. Aus diesem Grund glaubten die Menschen auch erst an den Tod der Saddam-Söhne, nachdem der Ex-Diktator vermutlich selbst in einer Tonband-Nachricht auf die Erschießung von Udai und Kussei einging.
Frustriert über die schlechte Zusammenarbeit seien auch die amerikanischen Soldaten. "Viele haben gedacht, dass sie nach Ende des Krieges schnell wieder nach Hause kommen", sagte Deggerich. Nun müssten sie auf unabsehbare Zeit täglich um ihr Leben fürchten. Im Gegensatz dazu sei die Zahl der Anschläge auf britische Truppen geringer. "Sie waren einfach besser auf die Kultur und die religiösen Bräuche vorbereitet", berichtete Deggerich. Außerdem hätten die Briten als ehemalige Kolonialmacht bereits Erfahrung mit derartigen Aufgaben. Deutsche Soldaten wären im Falle eines Einsatzes im Irak ebenfalls besser akzeptiert. "Die Deutschen haben hier einen hervorragenden Leumund."
Weiter erkundigten sich die Leser nach der Presselandschaft im Irak. Deggerich erklärte, die Hauptinformationsquellen seien neue Zeitungen und Zeitschriften. "Es besteht die Wahl zwischen fundamentalistisch-religiösen bis hin zu liberalen Blättern." Pressefreiheit gebe es jedoch noch nicht. Die Amerikaner hätten zudem eine eigene Fernsehstation aufgebaut. Die Mitarbeiter setzten sich meist aus dem Personal des alten irakischen Staatsfernsehens zusammen. Wichtig sei auch das alltägliche Gespräch in den Teestuben. "Dort kursiert zum Beispiel das Gerücht, dass Saddam längst auf einer Finca in Spanien sitzt."
Sollte der Ex-Diktator trotzdem plötzlich auf einem irakischen Marktplatz auftauchen, wäre die Reaktion der Menschen wohl unterschiedlich. "Von einigen würde er gefeiert, von anderen gesteinigt." Gemeinsam hätten viele Menschen trotzdem eins: Ein richtiger Neuanfang sei erst mit der Nachricht von der Gefangennahme oder dem Tod Saddams möglich. Von der Demokratie hätten die meisten noch immer keine konkrete Vorstellung. Verschiedene Stämme und Clans regierten das politische Denken. "Dies zu ändern, wird eine ganz harte Nuss."
Die wirtschaftiche Entwicklung des Iraks ist bizarr: "Im Augenblick wird sogar Öl importiert." Trotzdem tummelten sich schon zahlreiche Geschäftsleute aus dem Ausland - vor allem aus den USA - in den Straßen Bagdads. Die Anwesenheit der Ausländer trage jedoch zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Irakern und Besatzern bei. "Es ist wie im wilden Westen", sagte Deggerich. "Mit Colt am Gurt, Whisky unter dem Arm und herablassender Behandlung. Das sorgt für viel Ärger."