Stasi: Anatolische Fliegenfänger - DER SPIEGEL
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Stasi Anatolische Fliegenfänger

Nicht nur Bundesbürger werkelten als West-IM für Erich Mielkes Stasi. Eine neue Studie der Birthler-Behörde beschreibt, wie das MfS in der Bundesrepublik auch unter türkischen Gastarbeitern und anderen Ausländern jede Menge Spitzel warb. Ein Spezialauftrag: DDR-Frauen ködern, die dem SED-Staat durch Heirat entkommen wollten.
Von Hans Michael Kloth
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Es muss schon ziemlich frustig für die selbstbewussten Jungs von der DDR-Grenztruppe gewesen sein - wenn einer der 115 000 türkischen Gastarbeiter in West-Berlin zwischen Ost- und Westteil der geteilten Stadt wechselte, machten sie beim Filzen wieder und wieder den gleichen Fund: "Hunderte von Kontaktanschriften und Telefonnummern von DDR-Bürgerinnen", registrierte 1981 eine MfS-Bilanz, würden jedes Jahr bei ein- und ausreisenden Türken aus West-Berlin sichergestellt.

Den Erfolg bei der DDR-Damenwelt neideten die Genossen den Besuchern aber nicht nur persönlich. Noch mehr fürchtete die Stasi, dass die "kaum zu kontrollierenden operativen Kontakte" der monatlich 6000 türkischen Tagesbesucher zur ostdeutschen Weiblichkeit Spionageaktivitäten oder "gesetzwidrige Antragstellungen zur Ausreise" nach sich ziehen könnten: Sich einen Westler zu angeln war schließlich eine der wenigen wirklich viel versprechenden Methoden, die SED-Diktatur ohne langes Warten oder gar Knast zu verlassen.

Mielke selbst hatte es schon immer geahnt; bereits Anfang der siebziger Jahre argwöhnte er, "viele asoziale und kriminell aufgefallene Ausländer" könnten bei Besuchen in der "Hauptstadt der DDR" die Sicherheit des Arbeiter- und Bauernstaates gefährden. Es sei "nicht einfach, diese Leute zumindest soweit unter Kontrolle zu halten, dass sie uns keinen Schaden zufügen können".

So gab er mit einem eigenen "Ausländerbefehl" 1981 den Startschuss für eine Anwerbungskampagne unter Nichtdeutschen speziell in West-Berlin, um "von dort ausgehende feindliche und politisch schädigende Aktivitäten gegen die DDR" zu verhindern. Als die DDR 1989 unterging, waren dann immerhin fünf Prozent der West-IM Ausländer, schätzt die Birthler-Behörde in einer aktuellen Studie - eine Quote, die nicht weit unter dem Ausländeranteil an der westdeutschen Gesamtbevölkerung von 7,7 Prozent lag. Richtig eingesetzte "Ausländer-IM", so die Erkenntnis der MfS-Führung, könnten "Unglaubliches leisten".

Besonderes Interesse hatten die Schlapphüte in der Lichtenberger Normannenstrasse an den politischen Aktivitäten innerhalb der türkischen Gemeinde im Westen. Spätestens seit dem Tod eines türkischen Anhängers des West-Berliner SED-Ablegers SEW bei einer Straßenschlacht zwischen rivalisierenden türkischen Gruppen in Kreuzberg im Januar 1980 beobachtete die DDR-Führung "faschistisch-nationalistische, rechtsradikale und religiös-fanatische Tarnorganisationen" der türkischen Diaspora in Westdeutschland genauestens.

Zwar gab es in der DDR gerade einmal 94 Türken, doch 38 davon waren Funktionäre der am Bosporus verbotenen Türkischen Kommunistischen Partei. Die saß in Leipzig, betrieb mit SED-Geld einen eigenen Radiosender nebst Druckerei und galt als potenzielles Anschlagsziel politischer Gegner. Auch fürchtete die DDR angesichts der 40 000 Türken, die jährlich über den Flughafen Berlin-Schönefeld in die Heimat reisten, das Risiko von Flugzeugentführungen durch Extremisten. Um "leichter oder überhaupt erst" in die "Konspiration feindlicher Ausländer bzw. Ausländergruppen eindringen" zu können, setzten die Stasi-Chefs folglich voll auf die IMA - trotz merklicher Skepsis bei den eigenen Hauptamtlichen.

Eingesetzt wurden die "'Gastarbeiter' beim MfS" (so der doppelbödige Titel der Birthler- Studie) auch gegen die DDR-Bevölkerung. So lieferte ein Iraner mit dem Decknamen "Amir" nicht nur allerlei Wissenswertes über Aktivitäten des iranischen Geheimdienstes in Berlin, sondern horchte auch Politiker der "Alternativen Liste" über deren Kontakte zu DDR-Oppositionellen aus. Er selbst traf zum Teil über Jahre DDR-Oppositionelle wie Bärbel Bohley oder Ulrike Poppe und berichtete darüber brühwarm der Stasi. Für "wertvolle Informationen, die mit dazu beitrugen feindliche Aktivitäten zu verhindern" sollte "Amir" zum 40. Jahrestag des MfS 1990 die NVA-Verdienstmedaille und 1000 Mark bekommen; aus bekannten Gründen musste die Feier allerdings ausfallen.

Andere IMA dienten als "Fliegenfänger", wie die MfS-Offiziere jene Romeos nannten, an denen ausreisewillige Ostfrauen bappen bleiben sollten wie an den gleichnamigen klebrigen Hängestreifen. So konnten viele DDR-Damen, die ihrem Staat untreu zu werden drohten, von den Sicherheitsorganen problemlos eingesammelt werden.

Gelegentlich lief es allerdings auch andersherum: Als dem IM-Kandidaten "Kemal", einem linken West-Berliner Türken, Anfang der achtziger Jahre die Abschiebung in seine Heimat drohte, half ihm das MfS bei der Suche nach einer heirats- und ausreisewilligen Ost-Berlinerin; die Erwählte durfte ohne Formalitäten ausreisen und sicherte dem Agenten durch die Eheschließung das Aufenthaltsrecht in Berlin (West). Bis Herbst 1989 berichtete "Kemal" anschließend bei monatlichen Treffs mit seinem Ost-Berliner Führungsoffizier unter anderem über türkische Vereine und übergesiedelte DDR-Bürger.

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