Stoiber-Wahlkampf: Der lädierte Supermann - DER SPIEGEL
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Stoiber-Wahlkampf Der lädierte Supermann

Wie vermarktet man einen Helden, der keiner ist? Die drohende Kirch-Pleite wird zum Drama für die CDU-Strategen, der Wahlkampfauftakt von Unionskandidat Stoiber ist gründlich vermasselt. Das Image des Bayern als erfolgreicher Wirtschaftsführer ist vorerst dahin.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Derjenige, der sich sonst mit markigen Sprüchen gerne zu Wort meldet, schweigt. Edmund Stoiber ist auf Tauchstation gegangen. Erst die Pleite beim Flugzeugbauer Fairchild Dornier, jetzt auch noch der Medienriese Kirch. Die Pleitewelle rollt - auch im ehemaligen Boomland Bayern.

Nachdem die Gläubigerbanken am Freitagmorgen signalisierten, dass sie keine Rettung mehr für den angeschlagenen Medienkonzern sehen, steht eines der größten Aushängeschilder bayerischer Wirtschaftsmacht vor dem Aus. Bayerns Ambitionen, Nordrhein-Westfalen den Rang als Medienstandort Nummer eins abzulaufen - sie erhalten mit der Krise des Kirch-Konzerns einen gehörigen Dämpfer.

Für den Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten kommt das Ganze einem Debakel gleich. Wollte der Bayer doch - angesichts des stotternden Konjunkturmotors und steigender Arbeitslosenzahlen - Bundeskanzler Gerhard Schröder im laufenden Wahlkampf als wirtschaftliches Leichtgewicht attackieren und sich selbst als Macher empfehlen, als Erfolgsmann mit Durchschlagskraft.

"Kantig, echt, erfolgreich"

Angesichts der Hiobsbotschaften aus Bayern lässt sich das allerdings kaum glaubhaft beim Wahlvolk vermitteln. Eher blass wirkte denn auch am Donnerstag in Berlin die Vorstellung des Wahlkampfmottos, mit dem für Stoiber geworben werden soll: "Kantig, echt, erfolgreich" - zumindest beim letzten Attribut dürften Zweifel angebracht sein, ob dies der richtige Zeitpunkt für einen derartigen Slogan war.

Auch wenn Stoiber nicht persönlich für die Mega-Pleite bei Kirch verantwortlich gemacht werden kann: Die Verwicklungen der CSU-Regenten aus München, die dem Konzern jahrelang ihr Wohlwollen entgegenbrachten, sind offensichtlich. Die Bayerische Landesbank hat Kirch mehr als zwei Milliarden Euro Kredite gewährt und das finanziell angeschlagene Unternehmen unterstützt - genehmigt von den Aufsichtsgremien des Geldinstituts, in denen auch zahlreiche Mitglieder aus dem Kabinett Stoiber sitzen.

Sechs Monate vor der Wahl will der augenscheinlich alles vermeiden, um nicht mit den Turbulenzen um Kirch in Verbindung gebracht zu werden. Sein Staatskanzleichef Erwin Huber verabschiedete sich denn auch still und leise Ende Januar aus dem Verwaltungsrat der Landesbank, die zu 50 Prozent im Besitz des Landes Bayern ist. Offensichtlich der Versuch, den Stoiber-Vertrauten aus dem turbulenten Umfeld des Kirch-Desasters herauszubringen.

"Kein großer Wurf"

Wahlkampfmanager Michael Spreng, einst beim Springer-Konzern Chefredakteur der "Bild am Sonntag", gibt sich trotz der Rückschläge für den Kanzlerkandidaten optimistisch: Die Union präsentiere einen Mann, der sich "treu bleibt, der sich auch als Kanzlerkandidat nicht verbiegt oder verbiegen lässt." In hohen Tönen pries Spreng auch das Wahlkampfplakat an: Darin rahmen zwei Stoiber-Porträts das Bild von zwei Händen ein. Es solle, so die Unionswahlkämpfer, den "authentischen" Stoiber zeigen - im Gegensatz zum "glatt geschmirgelten" Schröder.

Eine überzeugende Kampfansage ist das Stoiber-Plakat aus Sicht von Medienexperten jedoch nicht. Mit ihm, moniert der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach, sei der Union "kein großer Wurf gelungen." Das Bild sei zudem nicht gut genug, um das Stereotyp des kalten Analytikers zu überwinden, analysiert Donsbach. "Das Plakat ist ein akzeptabler Versuch, aber wohl noch nicht das Markenzeichen für die Marke Edmund Stoiber."

Genau das aber ist zurzeit offensichtlich das größte Problem der Opposition: Stoiber hat seine Linie als Herausforderer noch nicht gefunden. Das verdeutlicht auch das Hickhack um das Thema Zuwanderung.

Niederlage für Stoiber

In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erklärte Stoiber am Wochenende: "Sicher werden bei der Bundestagswahl, aber auch jetzt in Sachsen-Anhalt, die unterschiedlichen Ansätze in der Ausländerpolitik mit zur Abstimmung stehen."

SPD und Grüne reagierten mit lautstarkem Protest. Und auch in den eigenen Reihen sah sich Stoiber ungewohnt harscher Kritik ausgesetzt. Die deutlichsten Worte fand - wie so oft - Heiner Geißler: "Wer eine Kampagne aus dem Thema Ausländer mache, wer das Thema mit Fernsehspots und Plakaten in den Vordergrund stelle", wetterte der CDU-Mann, sei "reif für die Psychiatrie".

Auch Rita Süssmuth redete den Unions-Oberen ins Gewissen. Im Interesse eines friedlichen Miteinanders müsse alles daran gesetzt werden, die Stimmung gegen Ausländer nicht anzuheizen, warnte sie. Selbst Sachsen-Anhalts CDU-Spitzenkandidat Wolfgang Böhmer müpfte gegen den Christsozialen und dessen Ankündigung auf und versuchte, das Streitthema klein zu reden. Das Thema Zuwanderung, so Böhmer, werde man "den Menschen in Sachsen-Anhalt nicht einfach aufdrängen können".

Die parteiinterne Kritik kommt einer herben Niederlage für Stoiber gleich. Angeschlagen ruderte der Unionsfrontmann zurück. Von der angekündigten Unbeugsamkeit keine Spur. Nach Beendigung des internen Streits erklären führende Politiker der Union nun, die Zuwanderung werde weder bei der Bundestagswahl noch im laufenden Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt zum zentralen Thema gemacht. Damit haben die gemäßigten Unionspolitiker offenbar an Einfluss gewonnen. Stoiber selbst steht ramponiert da. Sein vorgeblicher Trumpf, die Zuwanderung, ist ausgestochen.

Nun müssen die Wahlkampfstrategen überlegen, wie sie ihren Kandidaten in den kommenden Monaten in ein gutes Licht rücken können. Punkten konnte Stoiber bislang in allen Kompetenzfragen. Im direkten Vergleich mit Amtsinhaber Schröder, ergab eine Infratest-Umfrage, lag Stoiber im Februar bei der Bewertung vorn. Unklar ist, ob er diese Bonuspunkte auch nach der drohenden Kirch-Pleite verteidigen kann.

Eines der wichtigsten Anliegen für die Wähler bei der anstehenden Bundestagswahl ist die Glaubwürdigkeit in der Politik. Die habe aber, so Infratest-Geschäftsführer Richard Hilmer, mit der Bundesratssitzung, bei der über das rot-grüne Zuwanderungsgesetz nicht nur abgestimmt, sondern auch nach allen Regeln der Theater-Kunst gestritten wurde, parteiübergreifend erheblichen Schaden genommen: Gerade mal 15 Prozent der Befragten halten laut einer Forsa-Umfrage die deutschen Politiker für glaubwürdig. Rund 21 Prozent sind der Meinung, die Stoibers, Schröders, Müllers und Gabriels seien "gar nicht glaubwürdig".

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