Strauß-Freispruch Jetzt ist der Clan clean
Nach dem Freispruch glühen seine Bäckchen so rot wie einst beim Vater. "Ich bin erleichtert. Das Verfahren ist zwölf Jahre wie ein Schatten über meinem Leben gelegen", sagt Max Strauß. Seine Stimme kann mit der Gesichtsfarbe noch nicht mithalten. Der Sohn von CSU-Patriarch Franz Josef Strauß spricht dünn und monoton. Dafür dreht sein Anwalt Bernd Müssig die Lautstärke hoch, betont jede Silbe: "Für Herrn Strauß war das ein Weg existentieller Not, er wäre fast vernichtet worden."
Das klingt saftig. Kämpferisch. Es klingt nach Strauß.
So wie damals, als Strauß senior mit brachialer Rede die Bierzelte erbeben ließ. Als der CSU-Chef und Ministerpräsident politische und persönliche Gegner niedermachte. Er glühte, er schwitzte, er lebte. Strauß betrieb Nebenaußenpolitik, besuchte auch die Diktatoren dieser Welt. Der älteste Sohn Max sollte sein Erbe werden. Noch nicht einmal volljährig, war er international schon an Vaters Seite, knüpfte Beziehungen insbesondere in die arabische Welt.
Gewaltiges Strauß-Erbe
Doch das Erbe war zu gewaltig. Es hat den Sohn zweimal bis in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts zu Augsburg geführt, schon Mitte der neunziger Jahre begannen die Ermittlungen gegen ihn. Im ersten Prozess wurde Strauß 2004 zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung auf.
Als Richter Manfred Prexl heute, nach achtmonatiger Revisionsverhandlung "in der Strafsache gegen Strauß, Max Josef" verkündet: "Der Angeklagte wird freigesprochen" da gibt es keinen Gefühlsausbruch bei Strauß junior. Er zieht kurz die Brauen hoch, dann schaut er auf sein großes High-Tech-Handy, das während all der Prozess-Jahre immer vor ihm lag, setzt sich, lächelt knapp ins Publikum - und tippt SMS.
Der 48-Jährige wirkt wie ein geschlagener Mann. Seine Zukunftsplanung beginne erst "in diesen Sekunden", sagt er nach der Urteilsverkündung. Er wolle weiter in München leben, derzeit sei er "wirtschaftlich beratend tätig". Mehr möchte Strauß nicht sagen. Er müsse sich "jetzt erst einmal zurücklehnen". In Kürze beginne überdies das Scheidungsverfahren seiner Frau gegen ihn.
Es ist offensichtlich: Der Freispruch erster Klasse erleichtert ihn zwar, macht die Vergangenheit aber nicht vergessen. Strauß scheint jetzt abhängig von seinen letzten verbliebenen Freunden: "Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt", sagt er. Früher wirkte der Name Strauß wie eine Lebensversicherung. Heute ist er eine Belastung.
Strauß: "Neues Spiel, neues Glück"
Zwölf Jahre wurde gegen Max Strauß ermittelt. Es ging um Provisionen und Schmiergeld, um Rubrikkonten und Tarnnamen, um Waffen-Deals mit den Saudis und Airbus-Flugzeuge für Kanada und Thailand, es ging um den CDU-Spendenskandal. Der Strauß-Prozess war ein Teil des juristischen Puzzles um Ex-CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber, Ex-Staatssekretär Holger Pfahls und die Thyssen-Manager Winfried Haastert und Jürgen Maßmann.
Schreiber, der sich in Kanada seit acht Jahren gegen seine Auslieferung an Deutschland wehrt, war im Augsburger Prozess in Abwesenheit die zentrale Figur. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Strauß habe über das auf Schreiber laufende Schweizer Konto mit der Bezeichnung "Master"/"Maxwell" rund 2,5 Millionen Euro Provisionen am deutschen Fiskus vorbeigeschleust, sah das Gericht nicht als belegt an. Richter Prexl: "Der Angeklagte hat nichts von Karlheinz Schreiber erhalten, also muss er auch nichts zahlen." Das Gericht ist der Meinung, Schreiber habe das Geld ausgegeben, der Waffenhändler habe über das Guthaben "zuletzt wie ein Giro-Konto verfügt".
Auch die Strauß vorgeworfene gewerbsmäßige Lobbyistenarbeit verneinte das Gericht. Allein in seiner Studentenzeit in den achtziger Jahren "schien er durchaus bereit, seine Beziehungen einzubringen", so Prexl. So habe Strauß etwa im Jahr 1986 da war er gerade mal 27 Jahre alt den deutschen Botschafter in Saudi-Arabien zusammengestaucht, weil der sich gegen Waffengeschäfte Deutschlands mit dem arabischen Land wehrte. Mit Beginn seiner Anwaltstätigkeit 1989 aber habe es bezüglich des Lobbyismus einen "Sinneswandel" bei Strauß gegeben, so Richter Prexl.
"Vielleicht hat er wieder eine Chance auf ein normales Leben"
Trotz des klaren Urteilsspruchs die Augsburger Staatsanwaltschaft hat noch nicht aufgegeben: "Wir prüfen eine Revision", sagt deren Sprecher Günther Zechmann. Das sei aber nicht leicht zu entscheiden, man müsse über die Erfolgsaussichten nachdenken. Dafür hat die Staatsanwaltschaft eine Woche Zeit.
Unterdessen gewittert es drei Meter weiter Blitzlichter. Strauß-Tochter Monika Hohlmeier hat gerade Bruder Max in den Arm geschlossen. Sie hat ihre Familie einmal mit Arktisbewohnern verglichen: "Wir sind wie die Eisbären, die verteidigen ihre Familie, wenn es sein muss, gegen den Rest der Welt." Und so haben sie heute wie die Eisbären dagesessen, in Reihe vier des Schwurgerichtssaals: Bruder Franz Georg Strauß und Schwester Monika. Auch sie hatte eine Niederlage zu verkraften, musste vor drei Jahren als bayerische Kultusministerin zurücktreten.
Heute hofft sie für Max: "Vielleicht hat er jetzt wieder eine Chance auf ein normales Leben." Man werde den Freispruch jetzt erst einmal feiern. Max Strauß bedankt sich postwendend bei seinen Geschwistern: "Wie die Wacht an der Isar" hätten die all die Jahre zu ihm gestanden. Jetzt haben die Journalisten keine Fragen mehr, und ein bisschen unentschlossen steht Max Strauß da vor der schweren Gerichtstür mit seinen roten Bäckchen. Dann sagt er: "Neues Spiel, neues Glück." Er lächelt ein wenig: "Wieder ein neuer Anfang." Dann nickt er und geht.