Streit um Berlusconi: "Jeder hat sich schon mal vergaloppiert" - DER SPIEGEL
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Streit um Berlusconi "Jeder hat sich schon mal vergaloppiert"

Von einem Vertrauten Silvio Berlusconis hätte dieser Satz kommen können: "Jeder hat sich schon mal vergaloppiert." Doch es sind die Worte des deutschen Außenministers Joschka Fischer anlässlich der Entgleisung des italienischen Regierungschefs.
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Berlin - Ist das wirklich Joschka Fischer, der da spricht? Die Worte klingen entschuldigend, die der Außenminister im Bundestag für Italiens Regierungschef findet. Natürlich ist auch er der Ansicht, dass dessen Nazi-Vergleich inakzeptabel ist und dafür eine Entschuldigung fällig ist. Aber: "Wo Menschen sind, passieren Fehler", sagte Fischer. Das könne man mit einem offenen Wort gerade rücken. Schließlich gelte: "Jeder von uns hat sich schon mal vergaloppiert!"

Vergaloppiert? Berlusconis Entgleisung bei seinem Debüt als EU-Ratsvorsitzender im Europaparlament hat quer über alle Partei- und Ländergrenzen hinweg Entrüstung ausgelöst. Der SPD-Europaabgeordnete Klaus Hänsch bezeichnete den neuen Ratspräsidenten am Donnerstag als "geistig-moralisches Risiko für die Europäische Union" und brachte damit offenbar die Gefühle vieler Parlamentarier auf den Punkt.

Selbst in der eigenen Koalition in Rom musste sich Berlusconi dafür rüffeln lassen, dass er dem sozialdemokratischen Fraktionsvize Martin Schulz vorgeschlagen hatte, er solle doch die Rolle des KZ-Aufsehers in einem Film über Konzentrationslager übernehmen. Auch eine noch so scharfe Kritik rechtfertige es nicht, einen politischen Gegner einen Nazi-Aufseher zu nennen, rügte Gianfranco Fini, Vorsitzender der aus den Neofaschisten hervorgegangenen Nationalen Allianz.

Doch so hoch die Wellen andernorts auch schlugen - in Berlin war die Regierung bemüht, die Wogen möglichst schnell wieder zu glätten. Zwar sprach auch Bundeskanzler Gerhard Schröder am Morgen vor dem Bundestag von einer nicht akzeptablen Entgleisung, für die sich Berlusconi entschuldigen müsse. Doch jede weitere Schärfe wurde wohlweislich vermieden - zumal Berlusconi zu diesem Zeitpunkt bereits signalisiert hatte, dass er wegen der Angelegenheit am Nachmittag gern mit Schröder telefonieren wolle.

Ein ungünstiger Termin, wie sich erweisen sollte, zumal Schröder am Nachmittag vor dem so genannten Lügenausschuss des Bundestages erscheinen musste. So wurde das Gespräch kurzerhand auf den frühen Abend verschoben, wegen "Terminschwierigkeiten des Kanzlers", wie das Bundespresseamt betonte. Weitergehende Spekulationen sollten offenbar im Keime erstickt werden.

Dahinter steckt offensichtlich der Wille, den Streit nicht weiter eskalieren zu lassen. "Es ist der Wunsch beider Seiten, die Sache so schnell wie möglich vom Tisch zu kriegen", heißt es in Regierungskreisen. "Alle haben ein Ziel: Diese EU-Präsidentschaft soll vernünftig über die Bühne gehen." Dafür ist man offensichtlich bereit, die Zähne zusammenzubeißen - frei nach dem Motto: Diese sechs Monate, in denen Berlusconi den Vorsitz hat, gehen auch vorbei.

Diese Linie hatte sich schon am Mittwochabend abgezeichnet, als der italienische Botschafter ins Kanzleramt gerufen wurde. Er wurde keineswegs "einbestellt", sondern lediglich zu einem "Gespräch gebeten", was im diplomatischen Sprachgebrauch weitaus undramatischer ist.

Parallel dazu telefonierte Außenminister Joschka Fischer mit seinem italienischen Kollegen Franco Frattini. Die Hauptrolle spielt jedoch das Kanzleramt, da die umstrittenen Äußerungen von einem Regierungschef gemacht wurden. "Es gehe darum, dass auf derselben Augenhöhe gesprochen wird", heißt es dazu in Berlin.

Ob dies etwas nutzt, muss sich erst noch erweisen. Schröder und Berlusconi verbindet bekanntermaßen eine herzliche Abneigung. Und selbst wenn Berlusconi bisweilen öffentlich Demut bezeugt - im Großen und Ganzen gilt er als beratungsresistent. Eine kleine Kostprobe davon gab der Ministerpräsident, als er am Donnerstag in Rom die linksgerichtete Opposition im eigenen Land für die diplomatische Krise verantwortlich machte. "Das wurde angemessen von der Opposition vorbereitet", sagte er.

Von Uta Winkhaus, AP