Streit um Filbinger-Geburtstag Und mir feiere doch!
Berlin - Freiburgs grüner Oberbürgermeister Dieter Salomon hätte wissen müssen, welchen Ärger er sich mit diesem Empfang einhandeln würde. 300 Gäste hatte er geladen, um mit Sekt und Schnittchen den 90. Geburtstag eines Freiburger Bürgers, ehemaligen Gemeinderatsmitglieds und Ex-Ministerpräsidenten Baden-Württembergs zu feiern. Sein Name: Hans Filbinger.
Kaum waren die Einladungen verschickt, hagelte es Proteste. 25 Jahre nachdem Filbinger wegen seiner Vergangenheit im Dritten Reich aus der Politik ausschied, erregt allein die Nennung seines Namens immer noch die Gemüter. Der frühere Marinerichter musste 1978 als Ministerpräsident zurücktreten, als bekannt wurde, dass er sogar nach Hitlers Selbstmord noch Todesurteile unterzeichnet hatte.
Familie verzichtet auf Freiburger Feier
Ein Vierteljahrhundert nach diesem Ereignis war Salomon von der Heftigkeit der Reaktionen allerdings überrascht. "Dass es Proteste geben würde, war uns klar. Aber dass es so viele geben würde, das haben wir unterschätzt", verlautete es aus dem Freiburger Rathaus. Salomon übte sich in Schadensbegrenzung. Anfangs sprach er noch von einem "völlig normalen Vorgang" und verteidigte den Empfang. Dann sagte er plötzlich seine Teilnahme ab. Wochenlang lavierte er, bis ihn endlich die beleidigten Filbingers aus seiner misslichen Lage befreiten: Wegen "unqualifizierter politischer Angriffe aufgrund längst widerlegter Vorwürfe" verzichte die Familie auf den städtischen Empfang.
Der grüne OB nahm diese Nachricht "mit Erleichterung zur Kenntnis". Man werde nun in "kleinem Kreis" feiern, ließ Filbingers Tochter verlauten. Freiburgs CDU-Kreisverband verkündete derweil, dass Salomon nicht mit einer Einladung rechnen dürfe.
Doch die Diskussion um die Feierlichkeit ist damit nicht vorbei. Denn die CDU/FDP-Landesregierung in Stuttgart plant für den 16. September - einen Tag nach Filbingers 90. Geburtstag - ihrerseits einen Empfang für den umstrittenen Jubilar. SPD, Grüne und DGB kritisierten diesen Plan. Der Publizist Ralph Giordano warf der Landesregierung vor, mit dem geplanten Empfang "jemanden zu ehren, der Menschen zum Tode verurteilt hat". Was "sagen die Hinterbliebenen anlässlich dieser Feierlichkeiten? Wer fragt nach diesen Opfern?", erregte sich der Holocaust-Überlebende Giordano in den Stuttgarter Nachrichten.
Kleiner Kreis im schmucken Schloss
Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Günther Oettinger indes bleibt gänzlich ungerührt: "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht." Es sei nichts weiter als eine gute Gepflogenheit, dass das Land frühere Ministerpräsidenten an runden Geburtstagen ehre. Die Stuttgarter Landesregierung will auf jeden Fall mit Filbinger feiern, der festliche Empfang im Ludwigsburger Schloss stehe fest, versichert ein Regierungssprecher. "Im vernünftigen und üblichen Rahmen", dämpft er mögliche Erwartungen auf eine rauschende Filbinger-Fete. Tatsächlich ist der Kreis eher klein, nur hundert Gäste wurden eingeladen. Deren Namen werden nicht verraten - "aus Gründen des Vertrauens- und Persönlichkeitsschutzes".
Die grüne Landtagsfraktion wartet die Einladung erst gar nicht ab: Zwar sei an dieser "formal nichts auszusetzen", so die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Theresia Bauer und Brigitte Lösch, doch werde man der Einladung nicht "Folge leisten". Zweifelhaft auch, ob sich SPD-Mitglieder blicken lassen werden.
Die Filbingers zumindest haben ihre Teilnahme am Empfang im Ludwigsburger Schloss noch nicht abgesagt - trotz Anratens der Stuttgarter Zeitung: "Tatsächlich könnte nur Filbinger den Empfang verhindern", schreibt das Blatt. "Vielleicht wäre er gut beraten, es zu tun. "
Marcus Stölb