Terrorismusbekämpfung US-Verhörpapiere für BND?
Berlin - Die US-Seite soll dem Bundesnachrichtendienst (BND)
wiederholt Unterlagen und Befragungsergebnisse aus Gefangenenlagern im bosnischen Tuzla und im afghanischen Kandahar übergeben haben. Das berichtet die "Berliner Zeitung" am Samstag. Ein hochrangiger BND-Beamter äußerte demnach außerdem in einem schriftlichen Bericht an seine Behörde die Vermutung, dass deutsche Geheimdienstler in Tuzla an Verhören von Gefangenen beteiligt gewesen seien. Bei einer der Unterlagen handelt es sich der Zeitung zufolge um den Bericht eines BND-Mitarbeiters, der zwischen Mai und September 2001 als stellvertretender Chef der deutschen Geheimdiensteinheit Genic in Sarajevo eingesetzt war.
Im Zusammenhang mit der im September 2001 erfolgten Festnahme und brutalen Misshandlung des zu Unrecht unter Terrorverdacht geratenen Deutsch-Ägypters Abdel-Halim K. im US-Gefangenenlager im bosnischen Tuzla gab der BND-Beamte dem Bericht zufolge an, "umfangreiches
Material", das zum Teil "extrem blutverschmiert" gewesen sei, an
die BND-Zentrale weitergeleitet zu haben. Das Material hatten die US-Soldaten demnach bei dem damals 69-jährigen Deutsch-Ägypter beschlagnahmt. Der BND-Beamte äußerte laut "Berliner Zeitung" in seinem Report zudem auch die Vermutung, dass deutsche Geheimdienstmitarbeiter vom BND und vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) an Vernehmungen von K. und anderen US-Gefangenen in Tuzla beteiligt gewesen sein können.
Auch im afghanischen Kandahar, wo die US-Armee ein Gefangenenlager unterhält, profitierte der BND dem Zeitungsbericht zufolge von Vernehmungen.
Unter Berufung auf einen von Verteidigungsstaatssekretär Peter Wichert an den zuständigen Fachausschuss des Bundestages
erstatteten Geheimbericht schreibt die "Berliner Zeitung", dass der BND in mindestens einem Fall eine CD oder Diskette mit Ergebnissen von Gefangenenverhören erhalten hat. Auf diesem Datenträger seien laut Wichert möglicherweise auch Fotos und Namenslisten von Gefangenen gespeichert gewesen. Der Inhalt des Datenträgers sei seinerzeit sowohl dem von einem BND-Beamten geleiteten Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (ZNBw) wie auch der BND-Zentrale
übermittelt worden. Wichert zufolge seien die Daten jetzt "trotz
intensiver Nachsuche" weder beim BND noch beim ZNBw aufgefunden worden.
Frühere Berichte erhärten Verdacht
In dem Fall des Deutsch-Ägypters Abdel-Halim K. hatte es zuletzt wiederholt Berichte gegeben, wonach deutsche Sicherheitsbehörden nicht nur Informationen erhalten, sondern auch an der Vernehmung des Betroffenen beteiligt gewesen sein sollen. So hatte die "Welt" bereits im Juni unter Berufung auf eigene Recherchen darüber berichtet, dass ein Dolmetscher, der für deutsche Sicherheitsbehörden arbeitete, ausgesagt habe, ein US-Gefängnis in Tuzla mit Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) aufgesucht zu haben, um gemeinsam mit den Amerikanern eine Vernehmung durchzuführen. Dazu sei es jedoch nicht gekommen, da sich die BKA-Beamten verweigert hätten, als Abdel-Halim K. im Schlafanzug vorgeführt worden sei. Außerdem gab der Dolmetscher an, der Leiter des Gefängnisses hätte sich mit dem Namen "Sam" vorgestellt. Dieser Hinweis ist für die deutschen Ermittler von großem Interesse, weil sie seit Monaten nach einer Person gleichen Namens suchen, die den ebenso von der CIA verschleppten Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri in einem Gefängnis in Afghanistan verhört haben könnte.
Im Oktober hatte das Magazin "Stern" darüber spekuliert, ob deutsche Sicherheitskräfte nicht doch an der Vernehmung des Deutsch-Ägypters Abdel-Halim K. beteiligt waren - so Beamte des ebenso in der Gegend operierenden Militärischen Abschirmdienstes (MAD) der Bundeswehr. Der BND habe, so berichtet das Magazin damals , schon im Herbst 2001 von den Verhältnissen in dem Gefängnis in Tuzla gewusst. Die Pullacher Nachrichtendienstler hätten dazu einen "Bericht sowie "umfangreiches Material" erhalten.
Diese These scheint nunmehr der jüngste Bericht der "Berliner Zeitung", in dem auszugsweise aus dem Bericht eines BND-Mitarbeiters zitiert wird, u erhärten.
sev/afp/ddp