Treuhandanstalt Abwickler der Abwickler
Berlin - Bernd Halstenberg ist keiner, der von seinem Job viel Aufhebens macht. Öffentliche Beachtung empfindet der Manager als eher störend. Sein Geschäft braucht Stille und jene Nüchternheit, die auch sein Büro in der Berliner Markgrafenstraße ausstrahlt quadratisch, praktisch und über Nacht zu räumen.
Halstenberg hat nicht irgendeine Klitsche abgewickelt, sondern eine Institution, die Geschichte schrieb, die mit Milliarden jonglierte, als wären es Peanuts, die Staatsanwälte und Parlamentarische Untersuchungsausschüsse auf den Plan rief, Demonstrationen und Hungerstreiks auslöste und die Wirtschaft eines ganzen Landes umkrempelte. Halstenberg liquidiert ein einstiges Hassobjekt: die Treuhandanstalt oder, korrekt ausgedrückt, ihre Nachfolgeeinrichtung, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS).
Seit Anfang des Jahres 2004 ist der Diplom-Kaufmann im Auftrag des Bundesfinanzministeriums Abwickler der BvS. Er schreibt nun die letzten Seiten des letzten Kapitels der Abwicklung der DDR-Wirtschaft und macht all das, was Liquidatoren sonst auch so machen: Halstenberg treibt Gelder säumiger Schuldner ein und tilgt in Handelsregistern die letzten Spuren von Firmen, die keiner mehr braucht und die in 15 Jahren keinen Käufer gefunden haben.
Dabei ist er nicht allein, zumindest nicht ganz. Dieter Freund, ein langjähriger Beamter aus dem Finanzministerium, ist bei ihm, und eine Sekretärin, ausgeliehen von der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau, in deren Kreditabteilung der BvS-Liquidator drei kleine Büros bezogen hat. "Wir brauchen nicht mehr viel", sagt Halstenberg, "wir sind nur noch die Abwickler der Abwickler."
Im Jahr 1992 hat Halstenberg, damals Jungspund in der Haushaltsabteilung des Finanzministeriums, bei der Treuhandanstalt angefangen, zuständig für Finanzen und Personal. Er hat die Pöbeleien gegen Treuhand-Mitarbeiter erlebt, die im Osten lange Zeit nur als Plattmacher angefeindet wurden. Er hat den Umzug mitgemacht aus Hermann Görings altem Reichsluftfahrtministerium mit den düsteren Fluren, den muffigen Büros und dem knarzenden Paternoster in die renovierte Platte am Alexanderplatz und schließlich in den funktionalen Bürokomplex in der Markgrafenstraße am Gendarmenmarkt.
"Erst habe ich reihenweise eingestellt", sagt Halstenberg, "dann genauso schnell wieder entlassen", denn die Arbeit war von Beginn an auf Zeit und auf anschließenden Rückbau angelegt. 4600 Beschäftigte hatte die Treuhandanstalt in ihrer Hoch-Zeit 1993, als unter Präsidentin Birgit Breuel, der beinharten Bankierstochter mit Margaret-Thatcher-Attitüde, Volkseigene Betriebe und Kombinate wie am Fließband verkauft, saniert oder stillgelegt wurden.
Anfang 1995, als aus der Treuhandanstalt die BvS wurde, waren es noch etwas über 2000 und Ende 1999 gerade mal 182 Mitarbeiter. "Alle, die bei der Treuhand arbeiteten, wussten, sie sägen am eigenen Ast", sagt Halstenberg, "nur wusste niemand, wie dick der Ast ist." Der BvS-Abwickler und seine Mitarbeiter werden wohl erst 2008 oder 2009 endgültig abgewickelt sein.
Noch beschäftigen ungefähr 500 Rechtsstreitigkeiten und 70 ehemalige DDR-Unternehmen die Mini-Treuhand; vielfach handelt es sich um Firmen, die zwar bereits seit über einem Jahrzehnt nicht mehr existieren, längst liquidiert sind, aber aus formalen Gründen nicht in den Registern der Amtsgerichte gelöscht werden konnten.
Viel "Kleinkram" sei noch zu erledigen, sagt Halstenberg, langwierige Angelegenheiten, die manchmal aber dem Bund Hoffnung auf längst verloren geglaubte Millionen machen. So versuchen Anwälte im Auftrag des BvS-Abwicklers seit Jahren, 700 Millionen Mark zurückzuholen, die angeblich von der SED über die Kommunistische Partei Österreichs verschoben worden sind. Manchmal werden sogar Detektive angeheuert, wie im Fall eines Investors, der Mitte der neunziger Jahre ein Ostunternehmen ausgeplündert haben soll, in das die Treuhandanstalt hohe zweistellige Millionenbeträge gesteckt hatte.
Immer noch erreichen Halstenberg auch Beschwerdeschreiben von Menschen, die ihr Unternehmen im Osten zurückhaben oder finanziell entschädigt werden wollen. Für derartige Fälle ist der Abwickler aber nicht mehr zuständig: Wie auch die Sanierung von ökologischen Altlasten sind Restitutionsfragen längst ausgelagert ebenso wie die letzten Erinnerungsstücke aus der Treuhand-Zeit in Halstenbergs Büro.
Das Schiffsmodell aus einer privatisierten Werft in Wismar ist auf den Müll gewandert, und die Glocke, die der Vorsitzende des Treuhand-Verwaltungsrats Anfang der neunziger Jahre schwang, wenn es wieder mal heiß herging, hat Halstenberg verschenkt. Er ist eben der Abwickler.