TV Duell Schröder soll aggressiver sein
Berlin - Während der ersten Fernseh-Show der beiden Spitzenkandidaten am 25. August war Gerhard Schröder ungewohnt defensiv aufgetreten, was sogar viele seiner Unterstützer beklagten. Doch das soll sich am Sonntagabend ab 20.30 Uhr beim zweiten TV-Duell ändern, denn dann will sich der "Medienkanzler" wieder von seiner besten Seite zeigen.
"Wir erwarten einen aggressiven Schröder", sagte auch Michael Spreng im ZDF. Der Wahlkampfmanager der Union erwartet einen Schröder, der scharfe Attacken reitet. Aus dem Umfeld höre man, dass er "bereit ist, alle Regeln zu brechen".
Öffentlich-Rechtliche wollen Regeln nicht ändern
Doch die Regeln, die zwischen den Wahlkampfmanagern und den Sendern langwierig ausgehandelt wurden, sind keine Gesetze. Und damit das TV-Duell zwischen Schröder und Stoiber bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht genauso steif wird, wie die Premiere bei RTL und Sat.1, werden vermutlich sowohl beide Kandidaten als auch die Moderatoren versuchen, die Regeln flexibel zu handhaben und notfalls auch mal zu brechen.
Dennoch wird es auch beim zweiten TV-Duell, das zeitgleich in der ARD und im ZDF zu sehen sein wird, im Grundsatz nicht anders zugehen als beim ersten Mal. "Wenn wir die Regeln jetzt ändern, laufen wir Gefahr, einen der Kontrahenten zu begünstigen", sagt ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann. Auch für den Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, ist eine Regeländerung nicht notwendig, "weil die bestehenden Regeln sowohl den Kandidaten als auch den Moderatoren die Freiheiten lassen, die für ein spannendes Interview Voraussetzung sind".
So spannend fanden Zuschauer und Journalisten das erste TV-Duell allerdings nicht. Zu starr sei das Gespräch verlaufen, beklagten viele Kritiker. Vor allem das straffe Zeitreglement geriet nach dem ersten Duell unter Beschuss, da dadurch kein offener Schlagabtausch möglich war. Die "taz" titelte sogar: "TV-Duell - Das ist der Sieger" und schrieb an die tausend Mal "Zeitkonto" auf die erste Seite.
Die Organisatoren bei ARD und ZDF weisen nun darauf hin, dass die "Möglichkeiten des Konzeptes noch nicht ausgereizt sind". Auch ZDF-Chefredakteur Brender wünscht sich mehr Dialog und Streitgespräch. Dazu müssten die Duellanten so in Position gebracht werden, dass "sie sich Auge in Auge sehen und sich auch persönlich ansprechen können." Gerade das starre Blicken auf die Moderatoren wurde beim letzten Duell fast zur Realsatire, insbesondere dadurch, dass Stoiber seinen Kontrahenten mit "Herr Bundeskanzler" ansprach und dabei aber stur die Moderatoren Kloeppel und Limbourg ansah.
Spontanere Nachfragen
Wo noch vor zwei Wochen die beiden "Peter" saßen, werden nun am Sonntag die Damen sitzen. Im Studio B auf dem Gelände des einstigen DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof werden die Moderatorinnen Sabine Christiansen (ARD) und Maybrit Illner (ZDF) ab 20.30 Uhr 75 Minuten mit den Kanzlerkandidaten diskutieren. Dabei wird erwartet, dass die Moderatorinnen spontanere Nachfragen stellen - und das eine andere Atmosphäre herrscht. Doch von den großen Unterschieden zwischen den Geschlechtern halten die beiden Journalistinnen nicht viel - auch sind sie über die Diskussion ihrer Kleiderwahl erstaunt. Kloeppel oder Limbourg hatte vorher auch niemand danach gefragt.
Die Fragen für das TV-Duell sind selbstverständlich streng geheim und werden nach Angaben von ZDF-Moderatorin Illner in einem Safe aufbewahrt. Doch so viele Überraschungen wird es wahrscheinlich nicht geben. Schließlich sind die Top-Themen klar: Der Irak-Konflikt, die Arbeitslosigkeit und die Finanzierung der Hochwasserschäden. Gleich welches Thema tatsächlich diskutiert wird, die Kontrahenten Stoiber und Schröder betonen beide, dass sie sich keineswegs besonders vorbereiten werden.
Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide Politiker lieben Vergleiche mit dem Fußball. Während Stoiber sich gerne als besseren "Bundestrainer" bezeichnet, ist sich die SPD sicher, dass Schröder "die zweite Halbzeit" und damit das ganze Spiel gewinnen werde.
Beide Kanzlerkandidaten hoffen zwei Wochen vor der Wahl die unentschlossenen Wähler für sich gewinnen zu können - mit ihren Spezialthemen. Stoiber sieht sich selbst als Mann, der gegen die Arbeitslosigkeit kämpft und die Wirtschaft fördert. Und er hofft, dass das Thema Flutkatastrophe an Bedeutung verliert, denn die Flut brachte den Kanzler wieder nach vorne.
Matthias Machnig, Wahlkampfmanager der SPD, betont, dass Schröder bei der Flut Handlungsfähigkeit gezeigt habe, Stoiber hingegen derjenige gewesen sei, der im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit "das Land schlecht redet". Der bayerische Ministerpräsident bezeichnet die Arbeitslosigkeit gerne als "zweite nationale Katastrophe".
Stoiber kann nicht mehr auf Außenseiter-Bonus setzen
Das erste TV-Duell lief für Stoiber gut. Er war ungewohnt souverän (mit wenig "ähs" und "ähms") und konnte einen Überraschungseffekt erzielen. Stoiber habe die eher niedrigen Erwartungen vieler Zuschauer übertroffen, sagt Matthias Jung, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen. Beim zweiten Duell jedoch kann der Kanzlerkandidat seiner Meinung nach nicht mehr so sehr auf den Außenseiter-Bonus setzen.
Schröder dagegen muss lockerer werden, will er die unentschlossenen Wähler noch für sich gewinnen. Seine Stärke, in einem Streitgespräch spontan zu reagieren und dadurch zu punkten, wird ihm jedoch auf Grund der starren Redezeiten nur bedingt nützen. Die SPD hatte gefordert, diese Regeln aufzulockern, doch das wurde sowohl von der Union als auch von den Sendern abgelehnt.
Die Wirkung des ersten TV-Duell bei den privaten TV-Sendern auf die Wähler beurteilten die Umfrage-Institute letztlich als "unentschieden". Auch am Sonntag werden Meinungsforschungsinstitute wieder unmittelbar nach der Sendung ermitteln, wer als Sieger aus dem Streitgespräch hervorgegangen ist. Doch das sagt noch lange nichts über die tatsächliche Wahlentscheidung aus, glaubt auch Meinungsforscher Jung. "Die Fragen, wer den besseren Fernsehauftritt hat und wen man als Bundeskanzler will oder gar welche Partei man wählt, werden relativ unabhängig voneinander entschieden."
Studiodekoration soll ins Museum
Doch welche Bedeutung die TV-Duelle auf den Wahlausgang auch haben mögen, sie werden in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen. Und wenn es nach ZDF-Chefredakteur Brender geht, soll auch die Studiodekoration einen besonderen Platz in der Geschichte bekommen. Brender hat vorgeschlagen, die Ausstattung ins Bonner Haus der deutschen Geschichte zu stellen als "Symbol des Wahlkampfs 2002".