TV-Streitgespräch Duell des Vertrauens
Hamburg - Coaching? Der Kanzler machte ein Gesicht, als hätte ihn Peter Kloeppel nach einer ansteckenden Krankheit gefragt. "Coaching", sagte Schröder, das sei ein Wort, das er nur schwer aussprechen könne. "Also das, was die anderen da machen, das mach' ich nicht. Das brauch' ich nicht."
Ein Medienkanzler hat keine professionelle Unterstützung nötig, das stellte Schröder in der Nachrichtensendung "RTL aktuell" wenige Tage vor dem TV-Duell noch einmal klar. Dass das bei den anderen eben anders ist - "mit so einem ehemaligen ZDF-Journalisten, hab' ich irgendwo gelesen" -, diese Freude war ihm deutlich anzumerken.
Am Sonntag erreicht die seit Ausrufung der Neuwahlen grassierende "akute Duellitis" ("Frankfurter Rundschau") im deutschen Fernsehen ihren Höhepunkt. 90 Minuten lang soll das Zwei-plus-vier-Gespräch dauern, gleichzeitig übertragen in vier Sendern aus zwei Fernsehwelten - Staatsfernsehen für bis zu 20 Millionen Zuschauer, ohne Werbeunterbrechung.
Eigentlich sollte es das einzige direkte Aufeinandertreffen von Kanzler und Herausforderin sein. Doch jetzt hat Schröder angekündigt, anstelle seines Parteichefs Franz Müntefering auch an der ARD-Runde der Spitzenkandidaten am 12. September teilzunehmen. Schröder hat sich ein zweites Duell mit Statisten durch die Hintertür erschlichen. Ein kleiner Coup, der Angela Merkel nicht gefallen dürfte, wollte sie doch ein Rückspiel unbedingt vermeiden.
Für den Schlagabtausch am Sonntag frisst Schröder Akten, das ist alles, versichert er. Dass Gattin Doris Schröder-Köpf ihrem Mann Tipps für den Auftritt geben würde, ließ der über Regierungssprecher Béla Anda dementieren. Die Unions-Kanzlerkandidatin, so berichtete der SPIEGEL unwidersprochen, lässt sich vom früheren "heute journal"-Moderator Alexander Niemetz für das Streitgespräch fit machen. Sprechtraining und das Auftreten vor der Kamera stehen auf dem Stundenplan.
Niemetz hatte auch schon die Parteifreunde Peter Harry Carstensen und Jürgen Rüttgers vor ihren TV-Duellen beraten, und die sind heute immerhin Ministerpräsidenten. Offiziell will sich Merkel nicht in die Karten schauen lassen. "Ich bereite mich ordentlich vor, und das ist es", sagte sie im RTL-Interview. Auch sie rüste sich mit Aktenstudium.
Die Fragen sind vorher nicht bekannt
Gut vorbereitet sollten die Kontrahenten sein, denn Spickzettel sind verboten. Nur ein bisschen Papier und ein Kugelschreiber werden auf den Pulten liegen, für Notizen. Die genauen Fragen sind Merkel und Schröder vor der Sendung nicht bekannt, lediglich acht bis zehn Themenblöcke, um die es gehen soll. Wichtige Sachgebiete wie etwa die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit werden ausführlicher behandelt als vermeintlich weichere Themen wie Bildung.
Das Zeitkorsett für die Kandidaten wird diesmal nicht so eng geschnürt wie noch bei den ersten Duellen vor drei Jahren zwischen Schröder und seinem damaligen Herausforderer Edmund Stoiber. Kein Alarmlicht blinkt, weil Merkel oder Schröder ein 90-Sekunden-Limit überschritten haben. Jeder darf so lange antworten, wie er will. Alle 15 Minuten wird die Stoppuhr ausgewertet, um trotzdem eine ausgeglichene Redezeit für beide zu gewährleisten. Das Los hat entschieden: Schröder beantwortet die erste Frage, gestellt vom Moderatoren-Duo Sabine Christiansen/Thomas Kausch. Maybrit Illner und Peter Kloeppel erteilen am Ende Angela Merkel das letzte Wort.
Im Studio D in Berlin-Adlershof sind Boden und Kulisse in blau gehalten, im Hintergrund wacht der Bundesadler. Die Rednerpulte stehen auf einem erhöhten, in Weinrot gehaltenen Podest. Drei Meter davor sitzen die vier Moderatoren an zwei Tischen. Regisseur Volker Weicker dirigiert zehn Kameras, die jedes noch so unauffällige Augenrollen einfangen sollen. Weicker hat bereits große Boxkämpfe und Fußballspiele inszeniert und auch bei der Duell-Premiere 2002 Regie geführt.
Es ist angerichtet. Kein Detail, das nicht geplant oder zumindest diskutiert wird. Die "Bunte" fragte jetzt sogar Modemacher, was die Kandidaten am besten tragen sollten. Für Angela Merkel böte sich danach ein "rehbraunes Kostüm mit britischem Karomuster, taillierter Jacke und blauer Hemdbluse" an. "Eine perfekte Symbiose aus Power, Selbstbewusstsein und einer Prise Ironie." Für Schröder empfehlen die Designer unter anderem "einen dunkelblauen Baumwollanzug, der bereits leicht getragen wirkt". Das vermittle Volksnähe. Die Frisuren der Duellanten sind laut "Bunte"-Stylisten übrigens top. Schröders Look sei "perfekt", Merkel könne ihre Haare "vielleicht noch lässiger gefönt" tragen.
"Drollige Versprecher"
Gott sei dank müssen die Zuschauer bei so viel Theater am Ende nicht selbst entscheiden, wer gewonnen oder verloren hat. Eine ganze Armee von Experten, Wissenschaftlern, Kommentatoren und Demoskopen wird nach dem letzten Wort in die Interpretationsschlacht ziehen. Hat der Kanzler den Macho raushängen lassen? War er zu lässig? Hat "Angie" zu wenig gelächelt? Oder hat sie einen ihrer "drolligen Versprecher" gebracht, zu denen sie unter Stress neige, wie der Politikwissenschaftler Jürgen Falter unlängst urteilte?
Wie wichtig die Nachberichterstattung ist, zeigte eine Untersuchung der Meinungsforscher von Infratest dimap nach den Duellen von 2002: Eine Woche nach dem zweiten Streitgespräch behauptete auch eine Mehrheit derjenigen, die überhaupt nicht zugesehen hatten, dass Schröder gegen Stoiber gewonnen habe.
Dass die B-Note entscheidend sein wird, liegt nicht zuletzt daran, dass nach gefühlten 129 bereits ausgestrahlten Interviews mit den Spitzenkandidaten die Argumente seit drei Wochen in der Endlosschleife laufen. Überraschungen dürften ausbleiben. "Ich weiß nicht, woher sie diese Informationen nehmen", diesen Satz, den er zuletzt gerne Journalisten entgegnete, die eine gewisse Distanz zwischen Kanzler und Partei diagnostiziert hatten, wird Schröder vermutlich auch am Sonntag mindestens einmal sagen - Variationen nicht ausgeschlossen. Genauso dürfte Angela Merkel ihre Strategie, mit den einleitenden Worten "zunächst einmal" die direkte Beantwortung einer Frage zu umgehen, nicht vollends aufgeben.
Also alles nur Show, Personalisierung pur? Ein Vorteil für Schröder, den Staatsschauspieler? Schon hundert Mal haben das die Experten gesagt. Genauso oft haben sie gesagt, dass gerade dieser Vorteil zum Nachteil werden könnte, wenn seine Gegnerin besser abschneidet als erwartet.
Noch einmal kann der Kanzler alles auf die Frage zuspitzen: "Sie oder ich?" Die SPD liegt in den Umfragen rund zehn Prozentpunkte hinter der Union, doch in den persönlichen Werten führt Schröder noch immer vor der CDU-Chefin. Nur: "Eins ist klar: Sympathie alleine wird nicht ausreichen", sagt Infratest dimap-Chef Richard Hilmer. Es muss auch eine Botschaft geben. Die muss nicht einmal in die inhaltliche Tiefe gehen. Kopfpauschale, linear-progressives Steuermodell, Umlagesystem oder Kapitaldeckung - in einer immer komplizierter werdenden politischen Welt ist die Orientierung an Personen nur allzu normal.
Wähler, du kannst mir vertrauen, das ist die Botschaft. Nach einer Emnid-Umfrage würden 34 Prozent der Deutschen lieber von Angela Merkel einen Gebrauchtwagen kaufen, 33 Prozent stimmten für Schröder. Zur Lösung dieser Vertrauensfrage kann das TV-Duell beitragen. Die Wahl entscheiden, das kann es nicht.