Ulla Schmidt Das "Großfamilientier"
Berlin - "Wenn es sein muss, lächelt Ulla freundlich ihre Gegner nieder", urteilen anerkennend auch diejenigen in der SPD-Fraktion, die in den vergangenen Jahren nicht immer auf der Seite von Ulla Schmidt standen.
Härte wie Wärme wird die im Sternkreiszeichen Zwilling geborene Ministerin in ihrem neuen Amt auch brauchen können, einmal in der Auseinandersetzung mit der einflussreichen Ärzte- und Pharma-Lobby, zum anderen mit den Patienten, die unter dem Kostendruck der Gesundheitsreform den Verlust vieler gewohnter und lieb gewordener Leistungen fürchten.
Jahrelang im Schatten von Dreßler
Dabei stand Schmidt in ihren zehn Jahren als Bundestagsabgeordnete oft genug zwischen allen Fronten: Als Frauenpolitikerin griff sie moderierend ein, als die Kontroverse um den Abtreibungsparagrafen 218 auch die SPD-Frauen zu spalten drohte, in jene, die damals den schnellen Kompromiss mit der Union suchten und die anderen, die bis zuletzt auf eine klarere Lösung pochten. Als Sozialpolitikerin stand Schmidt jahrelang im Schatten des "SPD-Sozialpatriarchen" und Gewerkschafters Rudolf Dreßler, der ihr meist zu dogmatisch vorging.
Als "Rentenfachfrau" ihrer Fraktion musste sie jetzt für Arbeitsminister Walter Riester (SPD) die Kastanien aus dem Feuer holen und das in ihrer Partei zunächst völlig ungeliebte Reformwerk den eigenen Genossen schmackhaft machen. Viele entscheidende Änderungen tragen dabei ihre Handschrift.
Dabei hat sie wohl aus Sicht von Kanzler Gerhard Schröder ihre "Feuertaufe" bestanden. Dennoch hatte Schröder wohl schon früher einen Blick auf die Abgeordnete geworfen - die vor zwei Jahren den als "tiefschwarz" geltenden Wahlkreis Aachen-Stadt nach jahrzehntelanger CDU-Dominanz für die SPD direkt gewinnen konnte. Wiederholt war Schmidt ernsthaft für verschiedene Ministerposten gehandelt worden, einmal bei der Neubesetzung des Bauressorts.
In Scharpings Schattenkabinett
Die frühere Sonderschullehrerin, die erst mit 34 Jahren zur SPD
stieß, hat in der Partei schnell Karriere gemacht:
Ortsvereinsvorsitzende, Mitglied im Unterbezirksvorstand und 1990
dann der Sprung in den Bundestag. Fast von Anfang an gehörte sie dem
geschäftsführenden Fraktionsvorstand an. Rudolf Scharping holte als
damaliger Oppositionschef Schmidt in seine engste Wahlkampfmannschaft
und stellte sie im Schattenkabinett als Familienministerin vor. Seit
1998 ist sie auf Vorschlag von Peter Struck Fraktions-Vize.
Privat gilt Schmidt, die in ihrer Heimatstadt Aachen nach dem
Abitur zunächst Psychologie studierte und das Lehrerexamen ablegte,
als "absolutes Großfamilientier", wie Freunde berichten. Viele Jahre
lebte sie mit Mutter, Schwester und ihrer Tochter unter einem Dach
zusammen, was ihr als allein erziehende Mutter auch erst das
berufliche wie politische Engagement ermöglichte. Dass Ulla Schmidt
nun bald selbst Großmutter wird, sieht sie mit großer Freunde.