Unicef-Kinderstudie Gutes Leben, schlechtes Leben
Hamburg/Berlin - Baden-Württemberg ist spitze - dieses häufig benutzte Etikett kann sich der Südwesten jetzt ein weiteres Mal zu Eigen machen: In der Unicef-Kinderstudie schneidet Baden-Württemberg in einem Vergleich der 16 Bundesländer mit Abstand am besten ab. Es folgen Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Bremen erhält dagegen die schlechtesten Werte, nur geringfügig besser schneidet Sachsen-Anhalt ab. Manche Bundesländer seien nicht imstande, "den Kindern die gleichen Lebenschancen" zu ermöglichen wie in anderen Bundesländern, heißt es in der Studie.
Vier Kategorien wurden bei der Bewertung der Lage der Kinder in den Bundesländern berücksichtigt: Die materielle Situation, die Gesundheit, die Bildung und die Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen. In sämtlichen Kategorien zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. So scheinen etwa die Risiken für Kinder, "gesund aufzuwachsen, in Deutschland regional sehr unterschiedlich verteilt zu sein", heißt es in der heute veröffentlichten Studie - verwiesen wird in diesem Zusammenhang etwa auf das Geburtsgewicht von Kindern, das ein Indikator für den Gesundheitszustand der Mütter ist: Bremen und das Saarland weisen hier schlechte Werte auf, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg schneiden dagegen gut ab.
Auch bei der ökonomischen Situation gibt es erhebliche Unterschiede, besonders in den Stadtstaaten gibt es für Kinder ein hohes Armutsrisiko: Kinder in Bremen, Hamburg und Berlin seien "in hohem Maße armutsgefährdet, während selbst auf der Basis des Bundesdurchschnitts arme Bundesländer wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern besser dastehen", heißt es in der Studie. So sei das Risiko in einem Haushalt zu leben, in dem weder Vater noch Mutter Arbeit haben, in Bremen rund viermal so hoch wie in Bayern.
Um die Lebensbedingungen für Kinder zu verbessern, muss sich nach Auffassung von Hans Bertram ein Wandel im Politikverständnis vollziehen: "Wir müssen aufhören, Familie und Staat als Gegensätze zu begreifen", sagte der Professor von der Berliner Humboldt-Universität. Bertram hatte den internationalen Vergleich durch eine vertiefende Studie für Deutschland ergänzt. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland Bildung deutlich von der Erziehung und Betreuung getrennt wird: "Die Schule bildet, aber die Betreuung und die Erziehung der Kinder ist nach wie vor die Aufgabe der Eltern." In einer Gesellschaft mit heterogener Bevölkerung mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund sei eine solche Vorstellung allerdings problematisch.
Deutschlands Eltern schnitten bei der Studie schlecht ab: Mehr als die Hälfte der 15-Jährigen gab an, dass Eltern sich nur selten Zeit nehmen, um mit ihnen zu reden. Dagegen sagen in Ungarn 90 Prozent der Teenager, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen sprechen; in Italien über 85 Prozent. Als "erschreckend niedrig" bezeichneten die Autoren die Erwartungen, mit denen Jugendliche in der Bundesrepublik in ihre berufliche Zukunft blicken: Gut ein Drittel der Jugendlichen rechne damit, keine qualifizierte Arbeit zu finden. Deutschland liege bei dem Vergleich mit am Ende.
Bei der Bereitschaft, in frühkindliche Betreung zu investieren, sei es gar Schlusslicht. "In Schweden", so ein Erklärungsversuch von Heide Simonis, Vorsitzende von Unicef-Deutschland, würden die "Bürozeiten, ja selbst die des Parlamentes nach den Öffnungszeiten der Kindereinrichtungen ausgerichtet". So hätten die Eltern mehr Zeit für ihre Kinder. In Deutschland sei dies bislang undenkbar.
Die Analyse auf Ebene der Bundesländer offenbart zudem, dass bislang wichtige Daten in der vorgestellten Studie fehlen - beispielsweise zu eigenen Einschätzungen der Kinder und Jugendlichen, "um verlässliche Aussagen über das Gefälle innerhalb Deutschlands treffen zu können", so Bertram.
Bertram hält es für fraglich, ob die Bundesländer mit besonders schlechten Ergebnissen aus eigener Kraft in der Lage sind, ihre Probleme zu überwinden. So würden beispielsweise 15-jährige Schüler aus Bremen in ihrem schulischen Leistungsvermögen gegenüber Kindern in Bayern oder Sachsen so weit zurück hängen, wie Kinder aus Portugal gegenüber Kindern aus Finnland oder Japan.
Das Problem der territorialen Unterschiede ist aber offenbar kein typisch deutsches: "Schottland schneidet schlechter ab als England, der Süden Frankreichs schlechter als der Norden und das Problem in Paris ähnelt dem der deutschen Stadtstaaten", sagte Bertram.