Verdun: Die Welt als Schlachthaus - DER SPIEGEL
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Jakob Augstein

meinung •S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Welt als Schlachthaus

Die Schlacht von Verdun ist das Sinnbild des menschlichen Frevels. Wir feiern die Gedenktage des Erstens Weltkriegs. Gleichzeitig steuern Ost und West mit Lust in einen neuen Großkonflikt. Wir sind nicht in Sicherheit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer den Krieg immer noch für die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln hält, sollte nach Verdun fahren. Die vom Tod durchpflügten Felder sehen. Der Journalist Frank Schirrmacher ist einmal gemeinsam mit Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, über diese Felder gegangen. Er schrieb nachher: "Die Antwort auf die Frage, warum es ein geeintes Europa geben müsse, hat man eigentlich immer mit einem Wort beantworten können: Verdun." Aber der Mensch vergisst. Europa zerfällt vor unseren Augen. Und gegen Russland rüsten wir schon wieder auf. Der Krieg ist nicht vorüber.

Am 1. Januar des Jahres 1901 blickte die "Chicago Tribune" dem neuen Jahrhundert mit Hoffnung entgegen: "An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sieht es so aus, als könne es das Jahrhundert der Humanität und der Brüderschaft aller Menschen werden."

Nichts war weiter von der Wirklichkeit entfernt. Die Moderne war auf ihrem kreischenden Gipfel angekommen. Sie war bereit zur Explosion. Die Lektion in Demut, die die Kollision des unsinkbaren Ozeanliners "Titanic" mit einem Eisberg in der Nacht des 14. April 1912 hätte sein können, wurde nicht gehört. Das Brausen und Rauschen und Klirren und Prasseln der neuen Zeit war zu laut.

Mit welcher Begeisterung man sich der Vernichtung hingab! Thomas Mann jubelte: "Krieg! Es war eine Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, eine ungeheure Hoffnung." Max Weber ehrfürchtete: "Dieser Krieg ist bei aller Scheußlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich, ihn zu erleben." Und Ernst Jünger ästhetisierte: "Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel."

Sinnbild für den menschlichen Frevel

Da war der Franzose Louis-Ferdinand Céline dichter dran, als er schrieb: "Sollte ich denn der einzige Feigling auf Erden sein?, dachte ich. Und mit so was von Angst! Verloren in mitten von zwei Millionen heldenmutigen, entfesselten, bis an die Zähne bewaffneten Verrückten! Behelmt waren die, unbehelmt, ohne Pferde, auf Motorrädern, brüllend, in Autos, pfeifend, als Schützen, Verschwörer, fliegend, auf Knien, buddelnd, in Deckung, über die Wege tänzelnd, knatternd, auf der Erde eingesperrt wie in der Klapsmühle, um alles auf ihr zu zerstören, Deutschland, Frankreich und sämtliche Kontinente, alles, was atmet, tollwütiger als Hunde, in ihre Raserei verliebt, hundert-, tausendmal tollwütiger als tausend Hunde und so viel gemeiner!"

Verdun ist Sinnbild für den menschlichen Frevel. Diese totale Schlacht begann am 21. Februar 1916 mit dem Trommelfeuer aus 1250 deutschen Kanonenrohren. Am 19. Dezember 1916 endete sie. Niemand kennt die genaue Zahl der Toten. Mehr als 300.000 Soldaten ließen ihr Leben. Die Deutschen hatten keinen Meter gewonnen.

Das Muster der Gräben von Verdun legte sich wie ein mahnendes Zeichen über das Antlitz der europäischen Geschichte. Allein, wir können die Schrift nicht mehr lesen.

Die Menschen der Jahre 1914 fort folgende wussten, dass sie mit dem Feuer spielten, und dennoch versuchte jeder von ihnen, die drohende Gefahr zum eigenen Vorteil zu nutzen. Ist uns das so fremd? Der Historiker Christopher Clark nannte die Akteure von 1914 "unsere Zeitgenossen".

Ja, die Bereitschaft, sich zu verfeinden, ist ungebrochen. Und ebenso ungebrochen ist der Hang zur Unlogik der Gewalt. Die Vorstellung, wir seien zu vernünftig, um uns zu vernichten, ist absurd. Da hatte sich schon der britische Friedensaktivist Norman Angell geirrt, der noch 1913 auf einen Pazifismus der Vernunft setzte. In einer wirtschaftlich verflochtenen Welt, so Angell, mache Krieg einfach keinen Sinn mehr. Es werde dann "der Einfluss der gesamten deutschen Finanzwelt gegenüber der deutschen Regierung zum Tragen kommen..., um eine für den deutschen Handel ruinöse Situation zu beenden".

Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass Krieg auch in Europa wieder möglich ist. Das Kosovo und die Ukraine gehören zu Europa. Dennoch verhält sich der Westen gegenüber Russland so, als müsse man nie wieder miteinander ins Geschäft kommen. Natürlich immer mit den besten Argumenten. Aber es hatte bislang noch jeder, der sich zum Kampf rüstete, die besten Argumente.

Als Barack Obama Russland als "Regionalmacht" verspottet hat, da war das eine Geringschätzung, die einem amerikanischen Präsidenten nicht hätte unterlaufen dürfen. Wir erleben in Syrien, was aus solchen Gesten hegemonialer Arroganz werden kann.

100 Jahre Verdun - unsere Beiträge

Augenzeugen von Verdun

Historiker Krumeich

7 Min

Fotos Verdun heute

21 Bilder

Man kann eine Kultur, in der nationaler Stolz zu den Währungsreserven gerechnet wird, lächerlich finden. Aber man darf sich dann nicht wundern, dass es für ein friedliches Nebeneinander nicht mehr reicht.

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Foto: SPIEGEL ONLINE