Vilshofen Platzecks Heuschreckenrede
Vilshofen - Die Luft steht schon, als Matthias Platzeck morgens um kurz nach zehn in den bis zum letzten Platz gefüllten Wolferstetter Keller einzieht. Auf den Tischen reiht sich Masskrug an Masskrug, man frühstückt auf Vilshofener Art. Auch der Ehrengast bekommt gleich seinen Masskrug auf den Tisch gestellt. "Stoiber-Bier", also Wasser, sei drin gewesen, empört sich später Lokalmatador Ludwig Stiegler. Der Matthias habe sich aber gleich echtes Weißbier bestellt.
Der Brandenburger ist bestrebt, in der fremden Umgebung eine gute Figur zu machen. Er sei "leibhaftiger Preuße" und "bekennender Ostdeutscher", stellt Platzeck sich vor. "Ihr wisst ja, das sind die, die euren Soli da nehmen." Er lobt das "wunderschöne Bayern", doch es dauert noch ein bisschen, bis die Verbrüderung geglückt ist.
Es ist der hundertste Tag der Großen Koalition in Berlin, ein Jubiläum, das es zu feiern gilt - doch gleichzeitig ist politischer Aschermittwoch, an dem eigentlich Kuschelverbot herrscht. Der Balanceakt des SPD-Chefs war daher mit Spannung erwartet worden. Platzeck entscheidet sich für die bisher deutlichste Attacke auf den Koalitionspartner in Berlin. Nicht nur die beiden CSU-Minister Michael Glos und Horst Seehofer geraten ins Visier, wie auf einer Veranstaltung der Bayern-SPD zu erwarten ist, sondern auch die CDU-Minister. Sakrosankt ist einzig und allein die Kanzlerin.
Stoiber als Lachnummer des Tages
Die Union sei im Bundestagswahlkampf angetreten, um dem Land einen "merkbaren Stempel" in Wirtschaft und Sozialem aufzudrücken, sagt Platzeck. "Der Stempel heißt Michael Glos". Die auffälligste Tat des Wirtschaftsministers in den hundert Tagen sei ein Handkuss für Frau Merkel gewesen. Auch Agrarminister Seehofer habe versagt, als es um die im Koalitionsvertrag vereinbarte Rente ab 67 ging. Seehofers Widerstand sei "Populismus" gewesen. "So sieht Verantwortung für Deutschland nicht aus." Als Paradebeispiel der Unzuverlässigkeit muss ein ums andere Mal Edmund Stoiber herhalten. Der CSU-Chef, der zur gleichen Zeit im nur 30 Kilometer entfernten Passau auf die SPD eindrischt, ist in Vilshofen die Lachnummer des Tages. Mit einem Bumerang wird er verglichen, der Richtung Berlin geworfen wurde und wieder in Bayern landete. Die CSU, hält Platzeck fest, sei aus der Berliner Wahrnehmung "komplett verschwunden".
Um die Zusammenarbeit in der Großen Koalition zu beschreiben, bemüht Platzeck wieder das Bild von Maschinenraum und Sonnendeck. Bei den SPD-Ministern Ulla Schmidt, Franz Müntefering und Peer Steinbrück wisse jeder: "Hier wird geackert." Von den CDU-Ministern habe man hingegen seit ihrer Vereidigung nichts mehr gehört. Bildungsministerin Annette Schavan sei abgetaucht, Innenminister Wolfgang Schäuble nur mit dem abstrusen Vorschlag aufgefallen, die Bundeswehr vor WM-Stadien einzusetzen. Dabei sei die größte Gefahr im Moment doch ein über die Stadien fliegender "mecklenburgischer Höckerschwan", unkt Platzeck. Und Familienministerin Ursula von der Leyen betreibe bloß die Fortsetzung der sozialdemokratischen Politik ihrer Vorgängerin Renate Schmidt. "Viel Glück wünschen wir ihr mit den Machos in ihrer Partei. Die werden wieder rauskommen", so Platzeck.
In Teilen ist es eine furiose Rede, die Platzeck in Vilshofen hält, sichtlich motiviert von der ohnmächtigen Wut über die schlechten Umfragewerte der SPD. Im Moment "dringen wir nicht durch", räumt er ein. Das sei ungerecht angesichts der Tatsache, dass der Koalitionsvertrag durch und durch sozialdemokratisch sei. Als Kronzeugen zitiert Platzeck FDP-Chef Guido Westerwelle.
"Gefasel von der neuen Gerechtigkeit"
Die SPD als eigentlicher Motor der Koalition - das war schon die Botschaft der Bilanz-Pressekonferenz des SPD-Trios Platzeck, Müntefering und Struck am vergangenen Samstag. "Wir stehlen uns nicht weg", betont Platzeck auch heute. Der Union hingegen wirft er Opportunismus vor. Ganz schnell habe sie nach der Wahl, bei der ihre liberale Rhetorik abgestraft worden sei, "ihr Mäntelchen in den Wind gehängt". Immer dann, wenn sie in ihre "wahre Seele" habe blicken lassen, entdecke sie das C im Parteinamen und rede vom "christlichen Menschenbild". Das "Gefasel von der neuen Gerechtigkeit" könne er nicht mehr hören, wütet Platzeck. Es gebe nur eine soziale Gerechtigkeit, und dafür stehe die SPD, basta.
Wie um das zu belegen, steigert er sich in eine Rhetorik, die an die "Heuschrecken"-Reden seines Vorgängers Franz Müntefering erinnert. In den Führungsetagen deutscher Unternehmen mache sich ein "moralischer Verfall" breit. "Wo sind wir hingekommen, wenn die Entlassung von 6000 Arbeitern Fitnessprogramm genannt wird?", fragt er. Wie "Schlachtermeister" zerstückelten Vorstände ihre Unternehmen. Dabei hätte die Medizin vor langer Zeit erkannt: "Amputation und Aderlass sind nicht der Gipfel der Heilkunde."
Am Ende erntet Platzeck großen Applaus. "Der beste Redner seit zehn Jahren" sei Platzeck gewesen, lobt einer, der auch schon Müntefering und Gerhard Schröder im Wolferstetter Keller erlebt hat. Es sei gut gewesen, dass Platzeck die Veranstaltung nicht so sehr als "Gaudi" sehe, sondern inhaltlich Position beziehe. Ein anderer Aschermittwochs-Veteran meint, Platzeck habe sich gut "hineingefunden".
Ein bisschen Gaudi gibt es dann aber doch noch, als SPD-Landeschef Stiegler dran ist. "Wir haben uns gefreut, dass der brandenburgische Adler in die Höhle des bayerischen Löwen geflogen ist", fängt er an. Zum ersten Mal an einem politischen Aschermittwoch präsentiert sich der Haudrauf Stiegler handzahm. An seiner Wandlung wird am deutlichsten, dass in Berlin jetzt eine Große Koalition regiert. Platzeck und Struck hätten ihm seine Pauke und seine Trompete weggenommen, erklärt er, dafür habe ihm Müntefering eine Panflöte angeboten. "Ich muss alles umkomponieren", witzelt er. Das Leben mit den "neuen Verwandten" in Berlin sei gewöhnungsbedürftig. "Der Söder nennt uns schäbige Verwandtschaft", klagt er.
Die schlechten Umfragewerte müssten die Genossen nicht beunruhigen, tröstet Stiegler die Anwesenden. Im Moment sei die SPD das "bilanzielle Gegengewicht zur Merkel-Mania". Aber bis 2009 drehe sich das wieder. Dann darf Stiegler auch endlich wieder wettern.