Wahlkämpfer Clement: "Ein bisschen technokratisch" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wahlkämpfer Clement "Ein bisschen technokratisch"

Unter dem Motto "Arbeitnehmer für Clement" hat sich der SPD-Ministerpräsident zu einem der Wahlkampf-Höhepunkte in der Arena Oberhausen aus Berlin Verstärkung mit Gerhard Schröder und Franz Müntefering geholt. Doch das potenzielle Wahlvolk bestand überwiegend aus angehenden Rentnern.
Von Petra Nölkensmeier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oberhausen - "Ich bin das Wölfchen - und wer bist Du?" - Die NRW-SPD verteilt auf ihren Wahlkampfveranstaltung ein "Familienalbum"  des Ministerpräsidenten. Darin lässt Wolfgang Clement selbst seine Anmache aus Teenagerzeiten die Wähler wissen. Clement bei der Einschulung, Clement vor dem Traualtar - Der 59-Jährige Nachfolger des jovialen Landesvaters Rau "menschelt" gegen sein Image als trockener Macher an. Dabei soll ihm auch das NRW-Wahlkampflied von Wolf Maahn helfen: "Hier stürzt man sich ins Leben, und lässt es einfach raus. Lass' Dich nicht beirren. Bleib einfach - geradeaus."

Geradeaus, so sieht sich Wolfgang Clement: "Ein Wort ist ein Wort, klare Kante", loben ihn die SPD-Werber. Große Posen liegen ihm nicht. Der Kanzler reckt die Arme zum Victory-Zeichen. Wenn Clement sachte winkt, sieht es eher wie eine Beschwichtigung aus: "Lasst mal gut sein". Dementsprechend sind die Rollen verteilt an diesem Abend. Das Grobe übernimmt Generalsekretär Franz Müntefering, der heftig mit dem CDU-Herausforderer Rüttgers ins Gericht geht. Der Kanzler greift ans Gemüt der Genossen. Er selbst wisse, was es heißt, ohne ein dickes Portemonnaie der Eltern auszukommen. Clement gibt sich sachlich, bisweilen kämpferisch: "Aus diesem Ruhrgebiet heraus ist die Bundesrepublik erst das geworden, was sie - zumindest im Westen - jetzt ist."

Das Bild von den Menschen aus NRW, die ihre Ärmel hochkrempeln und das Land nach dem Krieg aufgebaut haben: So was kommt an bei den etwa 4000 Zuschauern in der Arena Oberhausen - ein Heimspiel. In Oberhausen regieren noch immer die Sozialdemokraten, in anderen Revierstädten sorgten die Kommunalwahlen im letzten Herbst dagegen für lange Gesichter. Kein Wort verliert Clement über dieses Desaster - auch kein Wort über die Flugaffäre der SPD, die er bislang als reine "Flugnummer" abtut.

Die Sozialdemokraten sehen sich in "Richtung Zukunft", der Ministerpräsident erst recht. Gebetsmühlenartig wiederholt er die jüngsten Erfolge der Landesregierung bei der Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit. Sie ist sein politisches Steckenpferd. "Arbeitnehmer für Clement" heißt denn auch die Veranstaltung - gekommen sind allerdings solche, die das Arbeitsleben bereits beendet haben oder bald beenden.

Geduld gehört nicht zu Clements hervorstechenden Eigenschaften. Seine Hände geben Auskunft über die Unruhe, die in ihm herrscht, während die anderen reden. Wohin mit den Händen? Je länger der Abend dauert, desto häufiger ertappt sich Clement dabei, die Arme verschränken zu wollen. Mitten in der Bewegung zuckt er dann zurück. Jedes Rhetorikseminar lehrt, dass verschränkte Arme abweisend wirken. Also wieder in die Jackentasche mit der einen Hand, die dort sofort wieder heraus will. Als würde er von einer Sekunde auf die nächste aufspringen, so sieht Clement dann aus. Sein angestrengter Gesichtsausdruck hellt auch dann nur schwach auf, wenn Schröder und Müntefering ihn als "Besten im Westen" anpreisen. Kurzes Nicken in die Menge, das Kinn nach oben gereckt, dann die Hände hinter den Rücken, tiefer Blick auf die eigenen Schuhe.

"Ein bisschen technokratisch" findet Heinz Kroll aus Bottrop den ehemaligen Wirtschaftsminister. Der gehöre eben einer anderen Politikergeneration an als sein Anekdoten versprühender Vorgänger Rau. Seit sechs Jahren arbeitslos, hofft Kroll darauf, dass wenigstens sein Sohn eine Stelle bekommt. Er traut Clement zu, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Die Jugendlichen sind da offenbar nicht ganz so sicher. "Wie er die Jugendarbeitslosigkeit konkret senken will, hat er nicht gesagt", kritisiert der 17-jährige Patrick aus Oberhausen. "Alles nur Wahlkampfparolen", pflichtet sein Mitschüler Kemal bei.

Am Ende erhält Clement soliden Applaus. Einen Triumph hat er hier nicht erlebt, die Halle leert sich schnell. Weitgehend unbeobachtet gibt es schließlich doch noch eine kleine Gesangseinlage. Während der Kanzler längst enteilt ist, bleibt Wolfgang Clement zurück auf der Bühne, gibt Autogramme. Die Anspannung ist gewichen. Als die Wahlkampfhymne von Wolf Maahn erklingt, stimmt er für sich selbst in die Melodie ein: "Volle Kraft voraus ..." - Den Text kann er offenbar auswendig.

Mehr lesen über