Weizsäcker: Kohl-Attacke ist "schäbig" - DER SPIEGEL
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Weizsäcker Kohl-Attacke ist "schäbig"

Politische Bücher von Rita Süssmuth und Kurt Biedenkopf heizen die Diskussion um Kohl wieder an. Alt-Bundespräsident Weizsäcker nannte Kohls Angriffe auf die SPD "schäbig".
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Berlin - "Meine Truppen stehen", lautet das Helmut Kohl zugesprochene Zitat zum Höhepunkt der Spendenaffäre. Die seiner Gegner auch, möchte man meinen. Sie schießen nicht, aber sie schreiben. Im politischen Berlin ist es Pflichtübung geworden: Politische Bücher werden nur noch von befreundeten Politikern vorgestellt. Schon die Auswahl der Laudatoren gibt im politischen Berlin Anlass zur Kaffeesatzleserei. Hans-Dietrich Genscher lobte kürzlich die erste Biografie über Angela Merkel. Sie selbst feierte vergangene Woche Wolfgang Schäubles "Mitten im Leben". Beide Male schnitt sie sehr gut ab, durfte die Balance halten zwischen dem "Kanzler der Einheit" und dem "Kanzler der schwarzen Kassen". Nachdem es ihr gelungen war, Kohl mittels des zehnten Jahrestages der deutschen Einheit zurück ins Herz der Partei zu hieven, wurde ihr aber am Montag schmerzlich bewusst gemacht, dass die Partei eine offene Flanke behält.

Dafür sorgten die alten Rebellen der CDU. Heiner Geißler präsentierte in Berlin die politischen Erinnerungen von Rita Süssmuth. Und Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker streichelte das Ego des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf für sein nun veröffentlichtes Wende-Tagebuch von 1989/90.

Beide Termine dürften in der CDU für Aufruhr sorgen. Denn Kohl wurde an diesem Montag aus prominentem CDU-Munde nicht nur für die schwarzen Kassen, sondern auch für seine Rolle während der Wiedervereinigung kräftig angegriffen. Weizsäcker erzählte im Bundesrat, wie Biedenkopf in seinem Buch schildert, dass Kohl als Prototyp der Westparteien die Fähigkeit zur Integration fehlte. "Warum besitzt Kohl weder die Größe noch die Weisheit, die SPD einzubinden?", zitiert er Biedenkopf. Die Antwort: "Kohl hatte nur das Ziel, erster Kanzler des geeinten Deutschlands zu werden. Dafür nimmt er alles in Kauf, auch Fehler und Stilbrüche."

Aber der ehemalige Bundespräsident legt auch mit eigenen Einschätzungen nach. Kohls Angriffe auf die SPD rund um den 3. Oktober bezeichnete er als "unsägliche Leier von vaterlandslosen Gesellen und Verfassungsverrätern. Schäbig sind solche Vorwürfe." Nach dem Satz sprangen die Agenturjournalisten im Bundesrat auf. Sie hatten ihre Nachricht. Eine Nachricht, die Angela Merkel einige Bauchschmerzen bereiten dürfte. Sie will Kohls Verdienste um die Einheit nicht angetastet sehen, weil sie ihr nutzen, um ihn mit der Partei zu versöhnen. Nur Kurt Biedenkopf moderierte: "Mit dem Helmut Kohl als Parteivorsitzenden hatte ich immer meine Probleme. Mit dem Staatsmann Kohl keineswegs. Dieses Buch ist keine Abrechnung."

Weizsäcker bekam am Montag jedoch Unterstützung von Geißler und Süssmuth. Der von Kohl abgesägte Generalsekretär schlug auch in die Einheitskerbe: "Mit Sicherheit hat Helmut Kohl nicht die deutsche Einheit gerettet, sondern die deutsche Einheit hat Helmut Kohl und die CDU gerettet."

Behauptete Geißler zu Beginn seiner Laudatio noch, es ginge nicht um eine Abrechnung mit Kohl, so leitete er später geschickt über zu seinem Lieblingsfeind. Er gab vor, über das Thema Neid zu sprechen, und sagte: "Politiker und Journalisten ertragen ihre eigene Mittelmäßigkeit nicht." Und im nächsten Satz: "Jetzt mache ich einen Sprung zu Helmut Kohl." Da lachte der Saal in Haus der Bundespressekonferenz. Aber Geißler verstand keinen Spaß und legte nach an der Stelle, an der es Merkel besonders weh tun wird: "Wenn jemand die Herkunft von Spenden in Millionenhöhe nicht angeben will, ist das kein Pipifax, sondern ein Verstoß gegen die Substanz der Demokratie", sagte Geißler. "Ich kann nur an den neuen Bundesvorstand appellieren, sich an den Beschluss des Vorstandes vom Januar zu erinnern", erklärte er in Richtung Merkel. Sie hatte im Januar als Generalsekretärin den Beschluss mitgetragen, dass Kohl seinen Ehrenvorsitz ruhen lassen soll, solange er die Spender nicht nennt. Heute sprechen Merz und Merkel hingegen auffällig oft davon, es mache die Sache nicht besser, die alte Forderung jeden Tag zu wiederholen.

Rita Süssmuth hielt sich am Montag mit Bemerkungen über Kohl zurück. Dafür ist ihr Buch mit wenig schmeichelhaften Passagen über den Altkanzler gespickt, die Geißler knapp so kommentierte: "Es ist alles richtig." Für Merkel sind die beiden Bücher und deren Präsentation durch Geißler und Weizsäcker alles andere als eine Gute-Nacht-Lektüre. Am Dienstag wird übrigens in Berlin ein Buch von Hans-Olaf Henkel vorgestellt. Laudatio: Wolfgang Schäuble.