Westerwelle Gewonnen und doch verloren
Hamburg - Nirgendwo ist die Stimmung an diesem Abend besser: Vor jubelnden Anhängern präsentierte sich FDP-Chef Guido Westerwelle am frühen Abend als Wahlsieger. Als einzige der bisher in Fraktionsstärke dem Parlament angehörenden Parteien erzielten die Liberalen am Sonntag einen deutlichen Zuwachs und erstmals seit 15 Jahren wieder ein zweistelliges Ergebnis. Selbstbewusst, mit breitem Lachen trat der Chef-Liberale auf die Bühne, bedankt sich bei seinen Wählern dafür, dass sie die FDP zur "drittstärksten Kraft" im deutschen Bundestag gemacht haben.
Dennoch sieht es so aus, als ob die Liberalen an der nächsten Regierung nicht beteiligt werden. Eine schwarz-gelbe Koalition hätte keine Mehrheit, eine Ampelkoalition schloss Westerwelle kategorisch aus: "Wir werden unseren Kurs klar fortsetzen. Wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht, dann in der Opposition."
Nach diesem Abend sitzt Westerwelle als Parteivorsitzender fester denn je im Sattel, denn der Triumph vom Sonntag ist nur die Krönung einer einzigartigen Erfolgsserie. Dabei hat der Oberliberale noch auf dem Berliner FDP-Parteitag eine Woche vor der Bundestagswahl alles auf eine Karte gesetzt: Unmissverständlich legte er fest, dass die Partei nur für eine Koalition mit den Unionsparteien zur Verfügung steht. Alle anderen Konstellationen, vor allem eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen, schloss er kategorisch aus, und die Delegierten folgten einstimmig dem entsprechenden Wahlaufruf. Nach der Wahl wiederholte er dieses Diktum. Zugleich hatte er eine Zweitstimmenkampagne eingeläutet, die offensichtlich gefruchtet hat.
Für den Fall, dass seine Strategie nicht aufgegangen wäre, hatten einige der durchaus noch vorhandenen Gegner Westerwelles in der FDP schon das Messer gewetzt. Schließlich hatte es schon zum Jahresanfang mit Hinweis auf den "Spaßwahlkampf" 2002 erste Versuche gegeben, den betont seriösen FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt gegen Westerwelle in Stellung zu bringen. Doch der ließ sich nicht darauf ein und verwendete alle Energie daran, sich als Kandidat für das Amt des Bundesaußenministers zu profilieren.
Der gewiefte Taktiker und Stratege Westerwelle war klug genug, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und Gerhardt eine Woche vor der Wahl offiziell als Anwärter für die Nachfolge Joschka Fischers zu benennen. Geradezu demonstrativ trat er mit ihm gemeinsam auf, Seite an Seite zogen Westerwelle und Gerhardt in die Parteitagshalle ein.
Im Wahlkampf blieb der FDP-Chef betont seriös. Selbst an heißen Sommertagen kam er nur in dunklem Anzug und mit Krawatte auf die Kundgebungen seiner Partei. Vom Guidomobil oder Schuhsohlen mit der Aufschrift "18" wie bei seiner Kanzlerkandidatur 2002 war keine Rede mehr. Westerwelle warb für den Regierungswechsel, der unbedingt auch einen Politikwechsel einläuten müsse - hin zu einer wirtschaftsfreundlichen Linie, einem weitgehenden Umbau der Sozialsysteme und zu mehr Eigenverantwortung und Steuersenkungen.
Noch vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hatte Westerwelle auf dem Parteitag in Köln die FDP wieder stärker als Bürgerrechtspartei positioniert. Die Liberalen besannen sich auf ihre alte Tradition in der Innen- und Rechtspolitik und brachten sich so gegen Innenminister Otto Schily (SPD) wie auch seinen bayerischen Rivalen Günther Beckstein (CSU) in Stellung.