Westerwelle und Co: It's Showtime - DER SPIEGEL
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Westerwelle und Co It's Showtime

Ein spaßiger TV-Auftritt, eine sportliche Fallschirm-Einlage - die Liberalen proben die Entertainment-Revolution. Inhalte sucht man vergebens, doch das scheint das Wahlvolk nicht zu stören. Seit dem Düsseldorfer Parteitag verbucht die Partei die besten Umfrageergebnisse seit Jahren.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Zwar redete er etwas stockend und vorsichtig, aber eigentlich fühlte er sich so richtig in seinem Element. Guido Westerwelle vor der Kamera. Kein ungewohntes Bild, schließlich ist der neue FDP-Chef in allen deutschen Talkshows - von Sabine Christiansen über Beckmann und "Berlin Mitte" - zuhause. Mit seinem Debüt als Nachrichtensprecher betrat der medienerprobte Liberale Anfang der Woche dann allerdings doch ungewohntes Terrain. Als Austausch-Praktikant schwitzte er in der Sendung "Die Nacht" beim Privatsender Sat.1. Chefredakteur Jörg Howe mäkelte zwar anschließend: "Da müssen wir noch ein bisschen üben", doch der Terminkalender des Multifunktions-Liberalen war um einen medienwirksamen Auftritt reicher.

Der Rollenwechsel des Politikers gehört zum Projekt des Vereins "Werkstatt Deutschland", mit dem das Miteinander von Politik und Medien gefördert werden soll. So heuert Chefredakteur Howe für einen Tag bei der FDP an, Sparminister Hans Eichel rutscht auf den Chefsessel bei der "Bild"-Zeitung, und Bundeswirtschaftsminister Werner Müller verdingt sich für einen Tag bei der Illustrierten "Max".

Westerwelle als "Big Brother"

Für die Liberalen ist das Austausch-Programm indes ein willkommener Anlass, ihre großangelegte Inszenierungskampagne fortzusetzen. Hier eine kleine mediale Unterhaltungsnummer, da eine nette Selbstinszenierung. Immer witzig, immer präsent.

Den Auftakt machte Westerwelle im vergangenen Jahr mit seinem Besuch im "Big Brother"-Container. Eine Stunde lang plauschte er - damals noch Generalsekretär - auf dem angeschmuddelten Sofa mit der Crew der zweiten Staffel, mit dabei Steffi, "Hexe Hanka" und Rocker Harry. Buhlen um Wählerstimmen, und das um jeden Preis. Westerwelles Tribut an die Spaßgesellschaft.

In der bunten Polit-Truppe fühlt sich neuerdings auch Peter Bond zu Hause. Der einstige Moderator der Sat.1-Glücksrad-Show, der sich nach dem Ausscheiden auch als Schauspieler und Werbemann für ein Münchener Autohaus verdingte, wird die Partei künftig in PR-Fragen beraten. Erster Protagonist der FDP-Showcrew ist allerdings der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen FDP, Jürgen W. Möllemann. Der bekennende Fallschirmspringer, der sich bereits häufiger öffentlichkeitswirksam zu inszenieren wusste, dabei jedoch auch mitunter die Grenzen zur Politclownerie überschritt, gesteht: "Mein Freund Wolfgang Kubicki und ich haben uns ganz bewusst für Infotainment als Wahlkampfsystem entschieden". Das bedeutet für den Schöpfer des "Projektes 18" vor allem Volksnähe.

Sport, Spaß und Spiel

Erst am Wochenende stellte Möllemann seine Talente als Showtalent unter Beweis. Mit siebzehn anderen Fallschirmspringern schwebte der Aufsichtsratsvorsitzende von Fußball- Bundesligist Schalke 04 im Gelsenkirchener Parkstadion ein. Wo immer und wann immer er kann gibt der leidenschaftliche Hobby-Springer die Parole aus: 18 Prozent bei der nächsten Bundestagswahl. Bei der letzten waren es noch schlappe 6,2 Prozent.

Zwar erreichen die Liberalen, die sich früher als feine, aber kleine Partei der Besserverdienenden zu profilieren suchten, diese Zielvorgabe noch nicht ganz. Doch die Westerwelles und Möllemänner sind im Aufwind. Dem neuen ZDF-Politbarometer zufolge legten die Liberalen im Mai im Vergleich zum April von sechs auf zehn Prozent zu - immerhin ihr bestes Umfrageergebnis seit März 1991. Und auch ihr neuer Frontmann Westerwelle wird zum Abräumer des Monats: In der Liste der zehn wichtigsten Politiker konnte sich der Selbstdarsteller von plus 0,2 auf plus 0,8 verbessern und liegt damit immerhin auf Platz fünf - gleichauf mit CSU-Chef Edmund Stoiber.

"Wie" vor "Was"

Was aber haben die Liberalen neben ihren Spiel- und Spaßauftritten sonst noch zu bieten? Wofür steht die FDP programmatisch? Auch wenn Westerwelle auf dem Düsseldorfer Parteitag in seiner Rede Themen wie Bildungspolitik und das Engagement im Osten anriss - hängen blieb die Inthronisation Westerwelles zum Vorsitzenden und erneut Möllemanns "Projekt 18". Immerhin hatten die Delegierten dann doch noch Zukunftsweisendes zu vermelden: Künftig werde man, ganz modern, beim Schriftzug F.D.P. auf die Punkte verzichten. "Verkaufe" geht vor Programmatik, das "Wie" schlägt das "Was". Eine Politstrategie, die offenbar ankommt und den Liberalen aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit heraushilft.

Parteienforscher Jürgen Falter glaubt, dass die symbolische Polit-Inszenierung in der Wählerschaft ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt. "Das ist peppiger, das schaut nach Modernität aus", beschreibt er den Effekt. Auch wenn die FDP nach wie vor die klassische "Zahnärztepartei" sei, könnte sie durch ihr Auftreten doch auch jüngere Wähler anziehen. Politischer Tiefgang ist aus Sicht des Politologen in der Gesellschaft ohnehin nicht mehr in der Art gefragt, wie das früher der Fall war. "Man reagiert stärker auf Inszenierungen", betont er, und das macht sich im Augenblick bezahlt.

Das magische Ziel von 18 Prozent dürfte für Westerwelle und Co. trotzdem unerreichbar bleiben. Sollte die Partei sich künftig ausschließlich auf Show und nicht auf Sachthemen einschießen, würde sie ihre klassische Klientel, die traditionelle Mittelschicht der Handwerker, verprellen. Die Inszenierungskampagne könnte sich dann als Bumerang erweisen.