meinung •Einsatz von künstlicher Intelligenz Wir wollen Politiker und Autoren schwitzen sehen, nicht die KI
Politiker Voigt: Immerhin ist der Streit unterhaltsam
Foto: dts-Agentur / picture allianceEin zentraler Lehrsatz des wohltemperierten Konservativen entstammt Theodor Fontanes »Stechlin« und geht ungefähr so: Mit dem Alten so lange wie möglich, mit dem Neuen so bald wie nötig. Das mir so angenehm Entspannte daran ist, dass in diesem Denken weder das »Alte« noch das »Neue« ein imperativer Selbstzweck sind.
Daran musste ich denken, als vergangene Woche der CDU-Ministerpräsident von Thüringen und ein mir gut bekannter, sehr renommierter Journalist des »Tagesspiegel« ihre Havarie mit KI hatten. Dem einen zog die Redaktion der »FAZ« seinen Gastbeitrag aus dem Verkehr. Der andere wurde einstweilen auch persönlich suspendiert.
Was geht da vor? Eigentlich ist künstliche Intelligenz längst weitflächig im Einsatz, in manchen Vorstufen schon seit mehr als zehn Jahren. Aber lassen wir die Flanellmännchen (Copyright Axel Springer) mit ihren KI-gemachten Powerpoint-Präsen außen vor, ebenso Schüler, Studenten, Büroabschiede und Geburtstagsreden und all die anderen im weitesten Sinne privaten Anwendungs- oder Experimentierfelder. Jetzt geht es, seltsam late to the show, um den öffentlichen Vertrauensraum, um Medien und Politik. Es steht zu befürchten, dass selbst ernannte »Plagiatsjäger« umschulen und bestimmte Gruppen von KI-Nutzern aufs Korn nehmen. Ausgerechnet der Digitalminister Wildberger hat als Erster geblinzelt.
Aufs Neue lautet die Frage, und da spreche ich nur für mich: Wann und wobei ist der Einsatz von KI als ein Werkzeug zu sehen wie anno dunnemals Stift und Papier, zuletzt Word und Laptop? Wann und wobei als ein Hilfsmittel wie einst der Brockhaus, das Etymologische Wörterbuch oder zuletzt Google (ohne KI)?
Dass es im öffentlichen Raum eine Einsatz-Grenze gibt, jenseits derer wir von der Vorspiegelung falscher Fähigkeiten, plagiatsähnlich Aufschneiderei, mithin Betrug zu sprechen haben, steht nicht für jeden außer Frage. Es gelte, den »Kern« der journalistischen Arbeit KI-frei zu halten, schreibt zwar der »Tagesspiegel«. Aber was ist der Kern, und wird er immer gleich groß sein? Erlaubt ist, was geht, antworten die anderen, die KI kommt ja ohnehin über uns.
Hemmungslose Hingabe ist auch keine Lösung
Immerhin ist der Streit auch unterhaltsam. Die »FAZ« demütigt einen CDU-Ministerpräsidenten, der allem Anschein nach KI für seine Reden und Texte nutzt und daran trotzig nichts Falsches findet. Springer-Chef Mathias Döpfner attestiert daraufhin der »FAZ« in einem mit seinem Namen gezeichneten, wiewohl von einer KI verfassten Text den »verzweifelten Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten«.
Der Text, das muss man leider so sagen, ist ein schütteres one thought piece (»Man kann die Realität der KI-gestützten Welt ignorieren – man wird sie damit nur nicht aufhalten.«). Noch dazu bleibt das Ganze arg unterkomplex, denn es geht ja nicht um Autos oder Kutschen, sondern um die Verkehrsregeln. Nun ja, bei Springer, so war vor einiger Zeit zu lesen, muss sich ein Journalist nicht rechtfertigen, wenn er die KI benutzt, sondern wenn er sie nicht benutzt. Ob hemmungslose Hingabe wirklich der Weisheit letzter Schluss ist?
Allein: So stumpf, wie die »FAZ« zurückschreibt, wird es auch nicht lange gut gehen. Zitat: »Mathias Döpfner, von Beruf Vorstandsvorsitzender des Medienhauses Axel Springer, macht keinen Unterschied zwischen selbst denken und einen Apparat schreiben lassen. Denn was gedruckt ist, ist für ihn gedacht.« Ach je, eine Sandburg bei Flut zu bauen, mag eine gewisse Grandezza an Haltung haben. Ein Konzept ist es nicht, auch kein konservatives.
Vielleicht sollten alle jetzt ein paar Mal tief ein- und ausatmen und zumindest erkennen: Politiker und Medien sehen sich anders tradierten Ansprüchen an ihre Authentizität, Eigentümlichkeit und Eigenleistung konfrontiert als sonstige Milieus oder Arbeiter und Angestellte. Der Einsatz von KI ist also nicht mit jedem Berufsethos gleichermaßen vereinbar, nicht aus Sicht der Anwender und auch nicht aus Sicht von Kunden oder Publikum.
»Wir wollen euch schwitzen sehen«, das gilt nicht nur für Fußballer, sondern auch für Politiker. Wer das übersieht, hat nicht begriffen, wie Politik mehr denn je funktioniert, nämlich über persönliche Glaubwürdigkeit, über Identitätsstiftung. Denkt man bei diesen beiden Begriffen zuerst an Menschen oder an Maschinen? Vor Jahren hat mir ein Kollege einmal den Satz seines brillanten wiewohl immer auch sehr, sehr selbstbewussten Chefredakteurs zitiert. Es käme nicht so sehr darauf an, wann oder wie etwas geschrieben wird, sondern von wem.
Kurzum: Konservative sind oftmals late adopter, ganz selten nur first mover. In letzter Zeit ist das nicht immer von Vorteil, angesichts des rigorosen Tempos, das Populisten, Rosstäuscher und Disruptionsniks vorlegen. Doch bislang ist gesellschaftlich nicht einmal vorläufig ausgehandelt, ob oder wie viel künstliche Intelligenz – federführend – in markanten Texten von Politikern und Medienschaffenden akzeptiert ist.
So lange ist Abwarten und Abstinenz eine kluge Haltung. Man muss in der öffentlichen Anwendung auch einmal die Finger von etwas lassen können, nicht weil, aber derweil sie sich andere verbrennen. Wer das nicht so sieht, möge sich versuchshalber einmal auf Störgefühle prüfen bei dem Gedanken, die nächste SPIEGEL- oder »Welt«-Namenskolumne über KI würde von einer KI geschrieben.