Zivildienst: Trittins stille Reserve - DER SPIEGEL
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Zivildienst Trittins stille Reserve

Krötenbiotope anlegen und Essen ausfahren - das war gestern. Seit Anfang des Monats können Kriegsdienstverweigerer ihren Zivildienst im Bereich der erneuerbaren Energien ableisten. Für einige gilt es nun, Solardächer zu zählen und Windparks instand zu halten. Beim Bundesamt für Zivildienst herrscht Skepsis.
Von Daniel Freudenreich
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Sie sind jung und billig. Man kann gar nicht genug von ihnen haben. Die meisten arbeiten im Pflegebereich - 42.824 von insgesamt 152.452, um genau zu sein - oder fahren Personen und Essen von A nach B.

Vor kurzem haben Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis90/Grüne) und Familienministerin Renate Schmidt (SPD) einen weiteren Arbeitsbereich für Zivildienstleistende ersonnen. Künftig können Deutschlands Kriegsdienstverweigerer auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien ihren sozialen Dienst ableisten. Rund um die Solarenergie, Wasser- und Windkraft sowie die energetische Nutzung von Biomasse und Geothermie. Eine Ergänzung im Merkblatt des Bundesamtes für den Zivildienst (BAZ) schafft die Voraussetzung dazu.

Darf der umweltbewusste Zivildienstleistende in Zukunft Windräder ankurbeln oder einen Bottich Biomasse umrühren? Bisher gibt es im Familienministerium und bei der BAZ nur vage Vorstellungen über den Öko-Einsatz der jungen Staatsdienenden. Ein Beispiel: Ein Betreiber eines großen Windparks richtet ein angeschlossenes Informations- und Forschungszentrum ein. Dort könnten die Kriegsdienstverweigerer Besucher betreuen, die Einrichtungen Instand halten und in der Forschung assistieren.

"Umweltgestaltung anstatt Umwelterhaltung"

In den kommenden Wochen sollen konkrete Einsatzstellen konzipiert werden, die das BAZ dann prüfen wird. Schon jetzt ist klar: Anerkannt werden die Stellen nur, wenn die Träger gemeinnützig sind und die jungen Männer keine Arbeitsplätze vernichten. Damit bleiben die großen Strombetreiber im Rennen um die Billigarbeiter von vornherein außen vor.

Die Neuregelung kam auf Initiative des Vorsitzenden der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien "Eurosolar", Hermann Scheer (SPD), zustande. Wiederholt hatten sich Zivildienstleistende nach einer Stelle bei der gemeinnützigen Organisation erkundigt, die das Ziel vertritt, atomare und fossile Energie vollständig durch erneuerbare Energieformen zu ersetzen. "Das ist Umweltgestaltung, nicht nur Erhaltung", charakterisiert der SPD-Bundestagsabgeordnete die neu geschaffenen Ziviplätze, die über das "Anlegen von Krötenbiotopen" hinausgehen. Die Zivildienstler könnten etwa für Solarinitiativen auf die systematische Suche nach Dächern für den Aufbau von Solarzellen gehen oder Infobroschüren erstellen. Bei Eurosolar könne man recht kurzfristig einige Leute anstellen, so Scheer.

Auch der Bundesverband Wind Energie bekundet Interesse an den preiswerten Kriegsdienstverweigerern, für die der Staat monatlich rund 800 Euro und der Träger 400 Euro berappen muss. "Wir werden uns bei der BAZ bewerben", kündigt der stellvertretende Geschäftsführer Rolf Bischof an. Er weiß zwar noch nicht, wie die Aufgaben aussehen, doch ein Konzept soll in den nächsten Wochen Klarheit bringen. Der Verband will bis zu zehn Plätze bereitstellen.

"Die zweitbeste Lösung"

Der stellvertretende Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Ulrich Petzold (CDU), hält es für "durchaus sinnvoll", Zivildienstleistende im Bereich der erneuerbaren Energien einzusetzen. Dennoch spricht der Umweltexperte der Union von der "zweitbesten Lösung", weil für reguläre Stellen kein Geld vorhanden sei. Einen Aufgabenbereich hat er auch schon gefunden: "Die Zivildienstleistende könnten darüber informieren, wie man zu Hause Energie einsparen kann." Vorausgesetzt, deren Qualifikation stimmt.

Beim Bundesamt für den Zivildienst hält sich die Begeisterung über den Vorstoß der beiden Bundesministerien angesichts 73.265 Zivildienststellen, für die sich zurzeit keine Kriegsdienstverweigerer finden, in Grenzen. "Wir haben freie Plätze satt", sagt BAZ-Sprecher Rüdiger Löhle. Lediglich 48 Prozent der insgesamt 152.452 Zivildienststellen sind belegt, schon jetzt ist die Besetzung aller Posten ein Ding der Unmöglichkeit.

Löhle geht davon aus, dass es "keinen großen Run" auf den Zivildienst im Bereich der erneuerbaren Energien geben wird: "Das ist nur eine Ergänzung auf dem Gebiet des Umweltschutzes." Dort befassen sich derzeit 2924 junge Männer mit Tierbeobachtung, Deichbau, der Rekultivierung von Abfalldeponien oder der Pflege von öffentlichen Grünanlagen. Auch ohne die neue Sparte werden hier 1768 Zivildienstleistende Hände ringend gesucht. Abgesehen vom Personalmangel zweifelt Löhle, ob die ausgewählten jungen Männer die notwendigen Qualifikationen für den Bereich der erneuerbaren Energien mitbringen.

Wie das Familienministerium mitteilte, soll die Prüfung der Anträge durch das Bundesamt für Zivildienst rund sechs bis acht Wochen dauern. BAZ-Mann Löhle rechnet mit den ersten Stellen im Februar kommenden Jahres.

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