Zuwanderung paradox: Adios High Potentials - DER SPIEGEL
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Zuwanderung paradox Adios High Potentials

Künftig sollen qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland angeworben werden, um den Arbeitskräftemangel zu beseitigen. Dabei leben hierzulande bereits Tausende hoch qualifizierte ausländische Akademiker, die aber nicht arbeiten dürfen - oder das Land gar verlassen müssen.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Botschaft der Wirtschaft und der Universitäten ist eindeutig: Wir brauchen hoch qualifizierte Studenten und Arbeitskräfte aus dem Ausland. Der künftige Bedarf an Arbeitskräften könne mit Einheimischen nicht gedeckt werden, künden Wirtschaftsexperten und Politiker aller Parteien unisono. Die Bedürfnisse sind klar, dennoch ringen die Parteien weiter über einen Kompromiss für ein Zuwanderungsgesetz, das Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) noch bis September vorlegen will.

Grundlage dafür ist zum einen der Bericht der von der Regierung eingesetzten Süssmuth-Kommission. Danach sollen zunächst jährlich bis zu 50.000 Zuwanderer nach Deutschland geholt werden, ausgesucht nach ihrer beruflichen Qualifikation, ihrem Alter und ihren Sprachkenntnissen. Für Eingliederungsmaßnahmen wie Sprachkurse werden mehrere Millionen Mark avisiert. Die SPD setzt in ihrem Konzept dagegen ausschließlich auf den Zuzug von Höchstqualifizierten. Im Vordergrund stehe allerdings, so der Vorsitzender der Arbeitsgruppe Zuwanderung, Ludwig Stiegler, "die Eingliederung der hier lebenden Ausländer". Die SPD-Fraktion läutet das "Jahrzehnt der Integration" ein.

In der Praxis sieht das anders aus, hier ist von einem Paradigmenwechsel nichts zu spüren. Die einen sollen rein, die anderen müssen raus - das ist noch immer die widersprüchliche Lage in der deutschen Ausländerpolitik - trotz aller Erkenntnisse. Für viele kommt das neue Gesetz möglicherweise zu spät.

"Erst produzieren, dann exportieren"

Elena Dinescu (Name von der Redaktion geändert) lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Seit Monaten kämpft die Rumänin für eine Einbürgerung, da sie bislang nur ein befristetes Studentenvisum besitzt. Die diplomierte Physikerin feilt gerade an ihrer Doktorarbeit, ihr Schwerpunkt ist die Experimentalphysik. Nach ihrem Abschluss muss die Physikerin Deutschland verlassen. Ihre bisherigen Bemühungen, dauerhaft hier bleiben zu können, sind gescheitert. Und das, obwohl die Deutsche Physikalische Gesellschaft bescheinigt, dass es derzeit einen "extremen Physikermangel" in Deutschland gebe. Auch die Bundesanstalt für Arbeit dokumentiert für junge und mobile Physiker "sehr gute" Perspektiven am Arbeitsmarkt.

Für Elena Dinescu, die von sich selber sagt, sie gehöre "zum Bodensee wie die Obstbäume" ist eine Rückkehr nach Rumänien unvorstellbar. Eher, so die zierliche Frau, werde sie versuchen, mit ihren Physik-Kenntnissen in Amerika Fuß zu fassen. Dinescus Fazit ihrer bisherigen Erfahrungen als ausländische Studentin in Deutschland: "Erst werden Akademiker produziert, dann exportiert". Von der Bundesregierung fordert sie daher, ein "Bleiberecht für ausländische Absolventen, das uns ermöglicht, eine Stelle zu finden und die in Deutschland erworbenen Kenntnisse ebenfalls hier fruchten zu lassen".

"Einen Skandal" nennt auch Frank Niethammer, Vizepräsident a.D. des Deutschen Industrie- und Handelstages, gegenüber SPIEGEL ONLINE die Ausreisepflicht für ausländische Absolventen. "Kanada und die USA sagen: Danke, Deutschland, für deine Investitionen" und nähmen die Spezialisten mit Handkuss. Niethammer fordert daher, ausländischen Studenten mindestens zwei Jahre die Zeit zu geben, einen Job zu finden. "Das hätte", betont er nachdrücklich, "längst geändert werden müssen".

Gute Chancen, keine Garantie

Aus Sicht Ludwig Stieglers können Betroffene wie Dinescu nach dem künftigen SPD-Konzept in das Zuwanderungsverfahren hinüberwechseln. Sie hätten dann "gute Chancen" eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Eine Garantie dafür gibt es, so Stiegler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, jedoch nicht, da es im Wesentlichen auf eine "Fall-zu-Fall-Entscheidung" hinauslaufe. Dass viele "High Potentials" möglicherweise allein aus Zeitgründen nicht mehr in den Genuss der neuen Zuwanderungsregeln kommen, weil ihre befristeten Aufenthaltsrechte in der Zwischenzeit auslaufen, ist aus Sicht des SPD-Mannes "an der Schnittstelle zwischen altem und neuem Recht" nicht zu ändern. High Potentials - adios!

Über eine zweifelhafte Werbeaktion für ausländische Studenten und den paradoxen Umgang mit höchstqualifizierten Flüchtlingen lesen Sie im zweiten Teil des Artikels.

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