Die Geißel Gottes - DER SPIEGEL
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Die Geißel Gottes

Der blutige Machtkampf unter den Geistlichen der Pilgerstadt Nadschaf hat mit dem Prediger Mohammed Bakir al-Hakim sein prominentestes Opfer gefunden. Aus dem im Chaos versinkenden Irak wollen junge Extremisten einen schiitischen Gottesstaat nach dem Vorbild Irans schmieden.
Von Dieter Bednarz, Erich Follath, Claus Christian Malzahn, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand
• aus DER SPIEGEL 36/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zerstörungen, die der Diktator Saddam Hussein der heiligen Stadt Nadschaf hinterlassen hat, müssten die Gläubigen als tiefe Schmach empfinden, gäbe es nicht die seit Jahrhunderten glänzende Kuppel auf der Grabmoschee des Imam Ali. Es scheint, als könnte das goldene Dach des Gebetshauses alles Elend überstrahlen, das der irakische Staatschef gerade den schiitischen Gläubigen seines Volkes angetan hat.

Brutal unterdrückte Saddam die Geistlichkeit, trostlos hat er ihr geistiges Zentrum hinterlassen: Ruinen zerstörter Karawansereien und seit Jahren gähnende Baugruben verunstalten Nadschafs heiligen Bezirk.

Doch das Ziel aller Pilger, die Moschee des hochverehrten Imam Ali über der Euphrat-Stadt, kündet nicht nur von Nadschafs glorreicher, sondern auch von seiner blutigen Geschichte. 1342 Jahre ist es her, dass Ali, der Schwiegersohn des Propheten und Begründer der schiitischen Glaubensrichtung des Islam, beim Gebet im nahe gelegenen Kufa erstochen und hier bestattet worden ist.

Wie ein Fluch liegt seither das Märtyrertum über Nadschaf. Dutzende schiitischer Geistlicher sind hier von Mörderhand ums Leben gekommen, ganze Dynastien von Gottesmännern wurden ausgelöscht - von religiösen Widersachern ebenso wie von grausamen Tyrannen.

Das mit Abstand blutigste Massaker ereignete sich am vergangenen Freitag, als Tausende Gläubige nach dem Gebet auf den Vorplatz der Moschee hinausströmten und plötzlich eine gewaltige Detonation die Stille zerriss: Bis zu hundert Menschen kamen bei der Explosion einer Autobombe ums Leben - unter ihnen Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, 64, einer der drei wichtigsten Schiiten-Führer des Irak.

Nun driftet das Land, das die Amerikaner und Briten vom Terror befreit zu haben glaubten, als sie den Tyrannen von der Macht vertrieben, immer tiefer ins Chaos. Der Irak nach Saddam: ein Brandherd, in dem nichts und niemand mehr heilig zu sein scheint; nicht die Uno, nicht die Botschaften befreundeter arabischer Staaten, nicht die Geistlichen. Gleichzeitig gehen auch die Attentate auf amerikanische Soldaten unvermindert weiter. 144 GIs sind seit dem offiziellen Ende der Kämpfe umgekommen, mehr als während des Krieges.

Seitdem vor vier Monaten Saddam Hussein und seine Paladine von der Macht vertrieben wurden, herrscht in weiten Teilen des Landes Anarchie. Die Hauptstadt Bagdad gleicht unter dem Protektorat der Weltmacht USA einer Stadt im Belagerungszustand. Strom und Wasser funktionieren nicht, Plünderer und Kriminelle sorgen für Angst und Schrecken. US-Statthalter Paul Bremer ist schon stolz, dass im Irak »niemandem mehr die Zunge herausgerissen« wird. Die Supermacht Amerika ist bescheiden geworden am Tigris und bemüht, die Verluste in den eigenen Reihen möglichst gering zu halten. An den Schutz schiitischer Geistlicher hatte in Washington niemand gedacht.

Und auch Ajatollah Hakim glaubte sich unter seinen eigenen Leuten leidlich sicher, obwohl er nur zu gut wusste, wie gefährdet er war. Seit Monaten lebte der Führer des »Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak« (Sciri) zurückgezogen in seinem Hauptquartier, wenige Minuten von Nadschafs Stadtzentrum entfernt - hinter Mauern und dicken Stahltüren verbarrikadiert und von einer kleinen Armee von Leibwächtern beschützt. Ausführliche Sicherheitschecks musste jeder über sich ergehen lassen, der zur Audienz vorgelassen wurde. Hakim hatte viele Feinde - seine Hauptgegner allerdings, so wähnte er nach dem Sturz Saddams, würden fortan die Besatzer sein, die er so schnell wie möglich aus dem Irak vertreiben wollte.

»Die Geschichte des irakischen Volkes ist eine Geschichte des Kampfes gegen die Invasoren«, sagte er Anfang Juni dem SPIEGEL: »Wir dürfen keine Anstrengung scheuen, die Präsenz der Besatzungstruppen im Irak so bald wie möglich zu beenden.«

Zumindest den Rückzug der Amerikaner aus Nadschaf hat der kämpferische

Mullah noch erlebt. 20 Kilometer vor der

heiligen Stadt hatten die nach Bagdad stürmenden Amerikaner ursprünglich ihren Stützpunkt errichtet. Sie haben ihn »Bushmaster« genannt und mit Sandwällen und Stacheldraht abgesichert. Zwei Monate lebten die Soldaten hier, doch Ende Mai zogen sie mit ihren Panzerwagen, Feldküchen und Zelten wieder ab - weniger aus Angst vor jenem Terror, der bislang vor allem den sunnitischen Gürtel rund um die Hauptstadt Bagdad erschütterte. Die US-Armee hat ihre Präsenz in der Pilgermetropole Nadschaf vor allem reduziert, um die schiitischen Gläubigen nicht allzu offenkundig zu provozieren. Nur der Stacheldraht vor »Bushmaster« ist geblieben.

»Wir brauchen die Amerikaner nicht. Wir sorgen selbst für Ordnung«, sagte noch Anfang voriger Woche der Vorarbeiter Ali, der einen Maurertrupp über das Gelände führt. Ali und seine Männer renovieren ein Industriegebäude. Es soll der vor kurzem gegründeten »Ölpolizei«, die Pipelines und Raffinerien bewacht, als regionales Hauptquartier dienen.

»Wir gehorchen unseren Imamen. Wenn sie uns in den Dschihad führen, werden wir dem Ruf folgen«, sagt Ali. Er gehört zu den Anhängern von Muktada al-Sadr, einem jungen Theokraten aus vornehmer Familie, der in Nadschaf vor allem durch radikale Predigten von sich reden macht - möglicherweise aber auch durch Mordaufträge, denen nun auch Hakim zum Opfer gefallen sein soll, wie unter dessen Anhängern sogleich vermutet wurde. Muktadas Männer sind gefürchtet für ihren Fanatismus.

»Muktada ist unser Führer!«, sagt der etwa 30-jährige Ali und präsentiert seinen Spaten wie ein Gewehr. Auf der Baustelle in der Salzwüste wirkt die militärische Geste lächerlich. Doch mitten in der Stadt ist der martialische Auftritt von Sadrs Eiferern längst bitterer Ernst. Gerade wegen seiner radikalen Politik gewinnt Sadr immer mehr Anhänger. In Bagdad demonstrierten im August allein 30 000 Sympathisanten des jungen Klerikers gegen die Amerikaner, nachdem US-Soldaten religiöse Transparente von einem Turm gerissen hatten. Den von Bremer eingesetzten Regierungsrat akzeptiert Sadr nicht - und hetzt bei jeder Gelegenheit gegen das 25-köpfige Gremium.

Mit der Herrschaft über die heiligen Stätten allein werden sich die meisten Schiiten des Irak nicht zufrieden geben. Welch ein erbitterter Flügelkampf um die Vormacht im Irak innerhalb des schiitischen Klerus tobt, lässt die Bombe auf Hakim allenfalls erahnen. Nicht auszuschließen, dass die »Armee des Mahdi«, die Sadr im Juli ins Leben gerufen hat, bereits auf dem Weg ist, die mächtigste Partei in diesem Konflikt zu werden.

Seine Anhänger stammen meist aus kleinen Verhältnissen. Junge Männer aus Kerbela, Basra und Bagdad reisen nun nach Nadschaf, um sich der heiligen Miliz anzuschließen, deren Gründung er in einer Freitagspredigt unter dem Jubel seiner Anhänger bekannt gegeben hatte.

Die Truppe soll die Pilgerstätten beschützen, erklärt Sadr - doch in Wirklichkeit ist sie die Keimzelle für die Verwirklichung seiner Vision, im Irak eine religiöse Diktatur nach iranischem Vorbild zu errichten. Dieses Ziel teilen nicht alle schiitischen Geistlichen in Nadschaf - insgesamt leben etwa 3000 Prediger in der heiligen Stadt. Ob man sich mit den Amerikanern arrangieren oder sie bekämpfen soll, ist unter ihnen weiterhin höchst umstritten. Und dieser Streit wird mehr und mehr mit Bomben ausgefochten.

Im Visier haben Sadrs Kämpfer vor allem die verhassten amerikanischen Besatzer - aber eben auch die Glaubensbrüder, die ihnen »zu gemäßigt« erscheinen. Und dem jungen Eiferer muss es da geradezu ein Dorn im Auge gewesen sein, wie erfolgreich sein Gegenspieler Hakim es verstanden hat, schon gleich nach seiner Rückkehr aus dem Teheraner Exil die Gläubigen zu mobilisieren.

Mehr als 10 000 Demonstranten in Bagdad feierten mit der bis dahin größten Kundgebung im Nachkriegsirak am 18. Mai den Geburtstag des Propheten. »Amerikanische Besatzer, verlasst sofort unser Land!« stand auf den Plakaten oder schlicht »USA, no, no, no!« Manche Poster zeigten neben Hakims Gesicht noch ein anderes - das des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini. Eine Manifestation für einen Gottesstaat, eindrucksvoll für die Fernsehkameras. Doch Hakim wusste, dass der Kampf um die Macht im künftigen Irak nicht auf den Straßen Bagdads stattfindet, sondern im schiitischen Vatikan - in und um den Schrein von Nadschaf. Und da war schon im Frühjahr längst nicht alles im Sinne der iranischen Geistlichkeit gelaufen.

Mohammed Bakir al-Hakim hatte vor allem im ländlichen Süden des Irak seine glühendsten Anhänger. Auch in Nadschaf wurde ihm zugejubelt, und doch war der Empfang hier nicht so überwältigend. Bei weitem nicht alle wollten sich dem Ajatollah anschließen, der seit mehr als 20 Jahren nicht mehr im Irak gelebt hat und zumindest als »iranisch beeinflusst« gilt.

Die Gefühle gegenüber dem Nachbarland sind zwiespältig, zwischen Arabern und Persern existieren historische Differenzen. Der hohe Blutzoll im acht Jahre dauernden Krieg, den Saddam 1980 begann, den aber Chomeini schuldhaft in die Länge zog, bleibt unvergessen. Und beim Schiiten-Aufstand gegen Saddam 1991 hat Iran die Glaubensbrüder im Stich gelassen (ebenso wie die Amerikaner es taten, die zum Aufruhr angestachelt hatten). »Viele Schiiten des Irak sind in erster Linie Iraker und erst in zweiter Linie Schiiten«, sagt der Bagdader Politologe Wamid Nadhmi, den sein unabhängiges Urteil unter Saddam mehrmals ins Gefängnis gebracht hat.

In der heiligen Stadt Nadschaf belauerte sich die religiöse Konkurrenz von Anfang an. Neuankömmlingen ging es nicht immer gut. Das ließ sich besonders deutlich am Fall des Schiiten-Führers Abd al-Madschid al-Chui ablesen - einem Drama um Dollar-Millionen, CIA-Intrigen und klerikale Mörder.

Der amerikanische Geheimdienst hatte den 1991 aus Nadschaf geflohenen Geistlichen, der aus einer berühmten Gelehrtenfamilie stammt, über sein Exil-Land Großbritannien und Bahrein heimlich in den Irak eingeflogen und ihn »mit 13 Millionen Dollar Aufbauhilfe ausgestattet«, wie »Newsweek« zu berichten wusste. Der gemäßigte, westlich orientierte Schiit war einer der wichtigsten Figuren in den Washingtoner Nachkriegsplänen. Doch Chui, 41, machte sich mächtige Feinde. Er beschaffte sich die Schlüssel zum goldenen Schrein von Nadschaf und damit auch zu den Millionen Spendengeldern, die dort aufbewahrt werden. Er weigerte sich, die Schlüsselfrage mit dem eifersüchtigen Sadr auch nur zu diskutieren.

Was dem jungen Radikalen noch an religiöser Ausbildung fehlen mag, macht er durch seine Radikalität wett - und durch beste Beziehungen zu radikalen Glaubensbrüdern im Nachbarstaat Iran: Sadr ist der Adressat der scharfmacherischen Verlautbarungen aus Iran, er solle »Saddamisten töten und gegen den Großen Satan arbeiten« lassen.

Die Anhänger des jungen Wilden waren es wohl, die am 10. April den aus London zugereisten religiösen Konkurrenten ermordeten. Der Amerika-Freund Chui wurde an der goldenen Moschee in einen Hinterhalt gelockt und mit Messern zu Tode gemetzelt. Muktada al-Sadr bestreitet, die Tat befohlen zu haben, und lässt erklären, ein »aufgebrachter Mob« sei verantwortlich gewesen. Von seinem Hauptquartier an der Straße zum Markt hat er ständig den Schrein in Sichtweite: Er wartet ab, trinkt Tee, intrigiert.

In den Teehallen und auf dem Markt flüstern die Menschen inzwischen, wenn sein Name fällt.

Erst ein paar Tage vor dem blutigen Freitag vergangener Woche war ein Onkel Hakims, ebenfalls ein Schiiten-Führer, einem Bombenattentat nur knapp entgangen. Drei seiner Leibwächter kamen bei dem Anschlag ums Leben.

Viele Menschen in Nadschaf glauben durchaus zu wissen, wer hinter den Attacken steckt, zu denen sich offiziell niemand bekennt. Schon bei der Beerdigung der Leibwächter von Hakims Onkel verfluchten viele Trauernde den Namen Muktadas. Auch auf schwarzen Transparenten, die an den Mauern des riesigen Friedhofs von Nadschaf im Wind flattern, wird Sadr für den Terrorakt verantwortlich gemacht.

Will der junge Eiferer tatsächlich mit Gewalt die Amerikaner des Landes verweisen und klerikale Konkurrenz aus dem Weg räumen, um seine Position zu sichern?

Seine rhetorischen Fähigkeiten gelten als begrenzt, seine theologische Ausbildung als ungenügend. Dafür spricht Sadr eine deutliche Sprache. Die Mordvorwürfe weist der Mann mit dem schwarzen Turban jedoch entnervt von sich. »Ich erteile keine Schießbefehle« (siehe Seite 102). Der Elder Statesman unter den Nadschaf-Ajatollahs geht in diesen Tagen gar nicht mehr aus dem Haus, lässt sich rund um die Uhr von bewaffneten Bodyguards bewachen: Großajatollah Ali al-Sistani, gebürtiger Perser, ist als Chef der Hausa, des theologischen Seminars von Nadschaf, die höchste religiöse Autorität. Er hat sich bisher zurückgehalten und gilt als gemäßigt - umso bedenklicher für die Besatzungsmächte, dass auch Sistani vor zwei Monaten in einer Fatwa die Zusammenarbeit mit den fremden Herren ausdrücklich verboten hat. Als Gelehrter genießt er bei allen Fraktionen höchsten Respekt, hat über Mittelsmänner immer Kontakt zu moderaten iranischen Kräften gehalten. Die Frage ist, ob Sistani, 73, noch die Kraft und den Willen besitzt, die Zukunft des Irak wesentlich mitzugestalten - der geistliche Führer gilt als wenig interessiert an der großen Politik. Oder übt er sich nur in der »Takija«, dem im schiitischen Glauben erlaubten Tarnen und Täuschen?

In den politischen Fragen des Alltags ist der Großajatollah jedenfalls erkennbar die letzte Instanz. Zu den regelmäßigen Sitzungen mit den Gläubigen schickt er seinen Vertreter, Mohammed al-Hakkani. Vornehme Kühle herrscht in dessen Bet-, Lehr- und Arbeitszimmer. Drei Telefone, ein halbes Dutzend Brillen, dosenweise deutsche Vitamintabletten und ein Stapel religiöser Schriften umgeben den Gottesmann, der bescheiden auf einer Matte hockt - und aufmerksam vermeidet, seinen Besuchern beim gelegentlichen Gewichtsverlagern die nackte Fußsohle entgegenzustrecken, was als unhöflich gilt.

Hakkani spricht über die Zukunft des Landes, erwähnt vage einen »islamisch geprägten Staat«, der sich an den Vorschriften des Propheten ausrichten müsse. Doch der Irak sei ein schwieriges Land, viel komplexer als der fast ausschließlich von Schiiten bevölkerte Nachbarstaat Iran. Wer immer eines Tages regiere, müsse Rücksicht nehmen auf die anderen Konfessionen, die städtischen Sunniten, die Christen, die Kurden.

Wie denn künftig mit den Frauen der Christen zu verfahren sei, will ein Theologiestudent wissen, die weigerten sich doch, einen Schleier zu tragen. Und wie mit den Dieben, ruft ein anderer dazwischen, die sich unter Saddam mit Schmiergeldern an korrupte Richter von jeder Strafe freikaufen konnten: »Schreibt der Koran nicht vor, ihnen die Hand abzuhacken?«

Da lächelt der Sprecher der letzten Instanz und rät, nicht alle Vorschriften »gar zu wörtlich zu nehmen«. Es ist Sistanis Stellvertreter anzusehen, dass er sich der Tragweite jeder seiner Aussagen bewusst ist. Manchmal prescht er vor, klingt sozial und weltoffen wie ein katholischer Befreiungstheologe, dann rudert er wieder ins ideologisch Konservative zurück. »Wir werden keine Bars und schmutzigen Filme im Irak dulden«, fasst er zusammen. »Doch genau wie wir Schiiten Respekt vor unserem Glauben verlangen, müssen wir unsererseits auch die Lebensgewohnheiten der anderen tolerieren. Sonst könnte dieser Staat auseinander brechen.« Alle lauschen gespannt. Einige machen sich Notizen. Nicht alle wirken überzeugt. Kann es mit Gewaltlosigkeit à la Gandhi weitergehen, wenn die religiöse Konkurrenz mordet, wenn militante Saddam-Anhänger die Schiiten zum Aufstand provozieren, wenn die Amerikaner ihre Besatzung fortführen?

Im Alltag trägt der Irak schon heute Züge eines islamischen Staates. Selbst Saddams Regime hatte sich in den letzten Jahren bei der Verwaltung des schiitischen Südteils des Landes nur mehr auf Polizei- und Geheimdienstkräfte beschränkt. Die Zivilverwaltung wurde, sofern sie »unpolitisch« blieb und sich nicht gegen den Diktator richtete, weitgehend den Mullahs überlassen. Heute haben die gut organisierten Religiösen in Städten wie Nadschaf, Kerbela, Kut und Nassirija das gesamte Gesundheits- und Bildungswesen übernommen. Auch die Rechtsprechung ist ihre Domäne. Wer südlich von Bagdad Erbschaftsangelegenheiten zu regeln hat, verlässt sich auf das Urteil seines lokalen Geistlichen. Allein der Gedanke, sich einer weltlichen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen, gilt den mehr als 14 Millionen irakischen Schiiten als pervers.

Ob aus diesem religiös geprägten und organisierten Gemeinwesen ein Gottesstaat wird, hängt vom Machtkampf der Schiiten ab - und von der Bereitschaft der Amerikaner, Mehrheitsentscheidungen zu respektieren. »Wir werden auf keinen Fall zulassen, dass in Bagdad ein Regime nach iranischem Muster entsteht«, hat der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schon verkündet. Wie er das - nach einem späteren Abzug der US-Streitkräfte - verhindern will, hat er nicht gesagt.

Eines jedenfalls haben sich die Schiiten aller politischen Glaubensschattierungen in Nadschaf fest vorgenommen: An ihnen, an den gut 60 Prozent der Gesamtbevölkerung, wird künftig im Irak nicht mehr vorbeiregiert. Aus dem schiitischen Spektrum wird sich eine Führungspersönlichkeit herauskristallisieren. Seit Freitag beten viele Schiiten, dass es nicht der machthungrige Sadr sein möge, der mit aller Gewalt an die Spitze drängt.

Angeblich sollen sogar schon gewaltbereite junge Libanesen längst in den Irak eingesickert sein, die ihre Befehle aus Teheran erhalten - und ausgebildet wurden in den Lagern der libanesischen »Hisbollah« (Partei Gottes), die bislang aus dem Süden des Zedernstaats Israel unter Feuer nahm. »Was wir unter Saddam nie hatten, das kriegen wir jetzt: eine enge Verbindung schiitischer Terroristen mit al-Qaida, ein Dreieck Iran-Irak-Libanon, einen schiitischen Gürtel im Nahen Osten«, sorgt sich ein westlicher Geheimdienstexperte. Und sagt dann, sarkastisch: »Thanks, Mister Bush.«

Die Schiiten stellen eine Glaubensrichtung innerhalb des Islam dar, die gut zehn Prozent aller Muslime umfasst, 150 Millionen Menschen von etwa 1,3 Milliarden Muslimen. Gefürchtet aber werden sie im Westen überproportional: »In amerikanischen Augen sind die Schiiten ein Synonym für Terrorismus«, weiß die »New York Times«, eine Geißel Gottes.

Deshalb tauchen auch stets Bilder auf aus der Erinnerung; aus dem Jahr 1979, als die vom schiitischen Ajatollah Chomeini aufgehetzten iranischen Studenten die US-Botschaft in Teheran besetzten, Diplomaten mit verbundenen Augen der Weltöffentlichkeit vorführten und sie 444 Tage gefangen hielten; aus dem Jahr 1983, als schiitische Terroristen die US-Botschaft und das Hauptquartier der U. S. Marines in Beirut angriffen und die Weltmacht nach dem Verlust von knapp 300 Menschenleben zu einem demütigenden Abzug aus dem Libanon zwangen. Und diese Bilder aus der Vergangenheit vermischen sich mit mittelalterlich anmutenden, blutigen Flagellantenszenen aus dem Irak im April dieses Jahres: Menschen, die sich mit religiöser Inbrunst geradezu genießerisch quälen, dabei aber organisiert auftreten, mit Plakaten für einen Gottesstaat und gegen die »amerikanischen Besatzer«.

Die Schiiten sind für Religionswissenschaftler wie den Tübinger Orientalisten Heinz Halm oder den Pariser Arabisten Gilles Kepel keinesfalls durch die Bank fanatische Glaubenskrieger, sondern meist Angehörige einer Respekt gebietenden, partiell sogar sozial fortschrittlichen Konfession - so etwa die winzige Minderheit der zwei Millionen Ismailiten unter ihrem Führer Karim Aga Khan IV. Es gibt schiitische Minderheiten in Pakistan, Afghanistan und Ostafrika, aber vor allem im Nahen Osten hat die Glaubensgemeinschaft ihr Zentrum: Im Gottesstaat Iran (90 Prozent), in Aserbaidschan (70 Prozent) und Bahrein (65 Prozent) stellt sie die Mehrheit; auch im Libanon (19 Prozent) spielen sie eine bedeutende Rolle.

Aber erst der Sturz Saddam Husseins, der die schiitische Bevölkerungsmehrheit immer besonders unterdrückte, hat in der Region den großen Bogen geschlossen. Die Glaubensführer der einzelnen Länder, die bisher nur im Geheimen kommunizierten, können nun eher unbehindert gemeinsam pilgern, beten, Gedanken (und eben auch Waffen) austauschen. Zudem beginnt sich der Pol ihrer Welt zu verschieben, von Iran Richtung Irak: Die beiden wichtigsten schiitischen Heiligtümer, Nadschaf und Kerbela im Zweistromland, sind weitgehend wieder allen zugänglich.

Weit bedeutender als die reine Zahl der Schiiten ist ihr religiöses Fieber, ihr Zusammenhalt - und ihre Konzentration in den rohstoffreichsten Gebieten der Welt. Auf den Ölfeldern Irans und des Südirak, aber auch auf denen Kuweits und der besonders ertragreichen saudi-arabischen Ostprovinz Hassa arbeiten hauptsächlich Schiiten. Sie »sitzen« auf diesen wichtigen Erdölreserven; stellten sie von heute auf morgen in einer konzertierten Aktion ihre Arbeit ein, bräche der Weltmarkt in kürzester Zeit zusammen.

Aber gibt es sie überhaupt, die Schiiten? Ist diese Konfession ein Monolith oder ein Mosaik, Einheitsmacht oder Tausendundeine Macht? Und predigt die Glaubensgemeinschaft wirklich den Hass auf den Westen, so dass der die Renaissance dieser Glaubensrichtung fürchten muss wie der Teufel das Weihwasser?

Um die Welt der Schiiten, ihre Bereitschaft zum Martyrium, das Gefühl ihres

Auserwähltseins, zu begreifen, muss man sich in eine Zeit zurückversetzen, die gut 1300 Jahre zurückliegt. Für viele Schiiten ist es kein Sprung zurück in eine ferne und mysteriöse Historie, es ist Teil eines stän-

dig wiederkehrenden, zu feiernden, zu erleidenden Glaubenserlebnisses.

Mohammed hat für sich beansprucht, Allahs Wort zu verkünden, ja, der letzte und endgültige aller Propheten zu sein. Aber er wäre nie auf die Idee gekommen, sich selbst für göttlich oder unsterblich zu halten. Sein Reich war von dieser Welt: Der Kaufmannssohn feierte bereits zu Lebzeiten große militärische und politische Erfolge. Er schuf in Medina ein neues Gemeinwesen und eroberte dann auch seine Heimatstadt Mekka, aus der er hatte fliehen müssen. Er kommandierte Armeen, erhob Steuern, übte Recht aus. Während christliche Gesellschaften über Jahrhunderte ganz selbstverständlich akzeptierten, dass es zwei Autoritäten gab, Gottes Stellvertreter und den Kaiser, war Mohammed von Anfang an Interpret des wahren Glaubens und weltlicher Herrscher in einem. Eine Trennung von Staat und Kirche ist zumindest im Ur-Islam undenkbar.

Ein Großteil der Muslime glaubt bis heute, dass Mohammed in seiner Eigenschaft als »Siegel der Propheten« darauf verzichtete, einen Nachfolger zu benennen. Für eine Minderheit aber steht fest, dass er sich im März des Jahres 632, drei Monate vor seinem Tod, sehr wohl festgelegt hat. Es war bei seiner letzten Mekka-Wallfahrt, die Karawane rastete auf halbem Weg nach Medina bei einem Teich, als nach schiitischer Überlieferung Mohammed zu seinen Getreuen sprach: »Habe ich euch nicht mehr zu sagen als alle anderen?« Und als seine Anhänger freudig zustimmten, fuhr er fort: »Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten!«

Ali war der Vetter des Propheten und wurde sein Schwiegersohn, als er Fatima heiratete. Er kämpfte bei mehreren Feldzügen als militärischer Stellvertreter Mohammeds und stand ihm sehr nahe. Aber er war nicht der einzige enge Weggefährte des Propheten: Abu Bakr setzte sich nach Mohammeds Tod als Kalif (Nachfolger) durch, mit Omar und Osman folgten zwei weitere muslimische Herrscher aus der alten Stadtaristokratie von Mekka, die Mohammed das Leben einst so schwer gemacht und sich erst spät für ihn entschieden hatte. In den Augen der Anhänger Alis waren diese Männer Unrechtsherrscher, ihr Mann allein entstammte dem religiösen Medina-Uradel: ein Muslim der ersten Stunde.

Nach der Ermordung Osmans kam 656 dann endlich Ali zum Zug. Doch seine Regentschaft war so umstritten, dass er sich in die Stadt Kufa nahe Nadschaf im heutigen Irak zurückziehen musste. Es sollte noch schlimmer kommen: Eine Mehrzahl der muslimischen Glaubensbrüder erkannte den Syrer Muawija als wahren Kalifen an. Tapfer behauptete sich eine kleine Zahl gegen die Übermacht; sie nannte sich »Schiat Ali«, die »Partei Alis« - Geburtsstunde der Schiiten. Fortan trennten sich ihre Wege von den Sunniten. Im Jahr 661 wurde der Schwiegersohn des Propheten in der Moschee Kufas niedergestochen, der erste in einer langen Reihe von Schia-Märtyrern.

Ali lebte fort, als erster Imam (Führer), als überlebensgroße Kultfigur. Seine Anhänger bilden ihn ab mit dem »Dhu al-Fikar«, dem »Schwert des Propheten«. Ganze Stadttore habe er aus den Angeln heben können, berichten Legenden. Auch bei seiner Bestattung sei ein Wunder geschehen, ein Felsen erstrahlte plötzlich in leuchtendem Weiß. An dieser Grabstelle erhebt sich bis heute Nadschafs prächtiger Schrein, die bedeutendste Pilgerstätte im Irak.

Im Frühjahr 680 bestieg in Damaskus mit Jasid zum ersten Mal ein Mann den Kalifenthron, der den Propheten nicht mehr persönlich gekannt hatte. Die Parteigänger Alis witterten eine letzte Gelegenheit, die Macht an sich zu reißen. Sie schickten Abgesandte zu dem in Medina lebenden Prophetenenkel Hussein, boten ihm für eine Entscheidungsschlacht gegen den Usurpator ihre Hilfe an. Obwohl Hussein gewusst haben muss, dass er sich einer Übermacht gegenübersah, zog er in den Kampf. Mit seinen, wie es heißt, 32 Reitern und 40 Mann zu Fuß hatte er nicht den Hauch einer Chance, zumal die versprochene Militärhilfe seiner Parteigänger ausblieb. Bei Kerbela wurden die Opferbereiten niedergemetzelt. Am Ort des Massakers wurde später eine weitere goldene Moschee errichtet: Pilgerstätte Nummer zwei im heutigen Irak.

Bis dahin war es der Partei Alis nur um die Macht gegangen; durch ihr politisches Scheitern und den Märtyrertod ihres Helden wurde sie zu einer religiösen Bewegung. Die Männer, die den Prophetenenkel so schmählich im Stich gelassen hatten, ergingen sich in endlosen Selbstvorwürfen. Sie erwogen, die Schande durch einen kollektiven Suizid zu sühnen. Doch der Koran verbietet, so meinten sie, Selbsttötung ebenso wie die Tötung von Muslimen. Nach langen Diskussionen erkannten die meisten, dass ihnen nur ein Ausweg blieb: der Sühnetod auf dem Schlachtfeld, im Kampf gegen einen »ungläubigen« Feind.

Wem sich keine Gelegenheit bietet, dieses Martyrium auf sich zu nehmen, der kann die Kollektivschuld seiner schiitischen Brüder durch ein symbolisches Bußritual wenigstens teilweise abtragen. Bei diesen alljährlichen Selbstgeißelungen, ausgeführt an Husseins Todestag, kann sich der eifrige Gläubige mit der Hand, Ketten oder Peitschen schlagen oder sich mit Schwertern die Stirn ritzen. Das »Aschura«-Ritual ist Passionsspiel, eine Art weltweites, blutiges Oberammergau. Und doch weit mehr. Denn dem wahren Schiiten ist bewusst, dass sein Sühnetod auch tatsächlich eingefordert werden kann - wenn es gilt, sich wie Hussein gegen eine Armee von übermächtigen Unterdrückern aufzulehnen.

Keine Religion lebt so durch ihren Märtyrerkult. Die Schiiten glauben, dass all ihre Imame nach Ali einen Opfertod gestorben sind. Einige wenige erkennen nur sieben Imame an (so die Ismailiten); die meisten rechnen sich zur Zwölfer-Schia, wobei die Nummer zwölf in der Reihe ihrer Führer ein merkwürdiges Schicksal ereilt haben soll. Der kleine Mohammed, 869 geboren, sei von seinem Vater versteckt worden und dann verschwunden. Der »verborgene Imam«, der »Mahdi«, werde eines Tages wieder auftauchen und dann an die Spitze der Partei Alis treten, glauben die meisten Schiiten, um die legitimen Rechte seines Hauses geltend zu machen und seine Gläubigen ins Paradies zu führen.

Mit den Assassinen brachte die Schia einen Geheimbund hervor, der den Terror systematisch und kontinuierlich als Waffe einsetzte - etwa vom Ende des 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Wegen ihres angeblichen Drogenkonsums wurden die Männer aus den unzugänglichen Bergfestungen von den Kreuzfahrern »Haschischesser« getauft, woraus das spätere englische wie französische Wort für Mörder ("assassin") wurde. Entgegen weit verbreiteten Legenden richteten diese besonders radikalen Kämpfer die Dolche bei ihren Selbstmordeinsätzen selten gegen die Kreuzfahrer, sondern meist gegen einheimische Kriegsherren und die muslimischreligiöse Konkurrenz. Innerhalb der Schia repräsentierten diese »Ur-Terroristen« allerdings nie eine Hauptströmung.

Immer wieder in den nachfolgenden Jahrhunderten flammten Schiiten-Aufstände auf. Doch ob in den mittelalterlichen Glanzzeiten des sunnitischen Islam oder in den späteren Perioden christlichwestlicher Überlegenheit: Die traditionelle Schia blieb meist unpolitisch, eher verfolgte als verfolgende Minderheit. Allerdings eine Minderheit, die sich das Recht zur Täuschung der Herrschenden vorbehielt: »Takija« ("Verschwiegenheit") gehört zu den Grundzügen der Konfession, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorwiegend still in der Erwartung des Mahdi verharrte. Bis Ruhollah Chomeini kam.

Lange Zeit hatte der iranische Ajatollah in der irakischen Märtyrerstadt Nadschaf gelehrt. Ihm gelang es, große Teile der Schiiten seiner Heimat aus ihrer Lethargie zu reißen und gegen eine verwestlichte, korrupte Monarchie aufzuwiegeln. Seine besondere Leistung aus schiitischer Sicht besteht darin, den Anspruch der Geistlichkeit auf die politische Herrschaft im Staat formuliert zu haben: Chomeini machte das Schiitentum zu einer revolutionären Ideologie, indem er sich zum Staatschef wie zum religiösen Führer, gleichsam zum Stellvertreter Gottes auf Erden, deklarierte - ein Ersatz-Mahdi, der den Verborgenen bis zu dessen Wiederauftauchen zu ersetzen trachtete. Es war eine Revolutionierung des schiitischen Glaubens, die nach der glanzvollen Rückkehr Chomeinis nach Teheran 1979 zur Gründung des Gottesstaates führte.

Bald begnügte sich der gnadenlose Ajatollah nicht mehr mit den symbolischen Bußritualen am Aschura-Tag. Er forderte im Krieg gegen den Irak den realen Märtyrertod - auch den von minderjährigen Kindern, die er in Minenfelder schickte. Und Chomeini wollte seine schiitische Revolution exportieren. Die Begeisterung seiner Nachbarn hielt sich in Grenzen. Es gelang dem Glaubensrevolutionär in Teheran nicht, Nachahmer für das iranische Modell zu finden; wo er, wie in Bahrein, die Regierungsübernahme durch terroristische Aktivitäten versuchte, scheiterte er.

Immerhin waren Abgesandte des Ajatollahs wesentlich an der Gründung der Hisbollah im Libanon beteiligt: Die Miliz, 1982 entstanden zur Bekämpfung der israelischen Besatzungsmacht in Beirut, wird bis heute wesentlich aus Teheran finanziert. Von ihrem ursprünglichen Ziel, aus dem Libanon einen schiitischen Staat zu machen, ist die Hisbollah-Mehrheit längst abgerückt und agiert heute als »normale« Partei im Parlament. Ein radikaler Flügel hat allerdings jetzt wieder Aufwind.

Dabei schien das revolutionäre Feuer der Schiiten erloschen; Teheran war vor allem mit sich selbst beschäftigt, Bagdad durch den Diktator gelähmt, Beirut auf Westkurs. Der Sturz Saddam Husseins hat nun die lange unterdrückten Gläubigen befreit, womöglich in eine andere Richtung gedrängt, als die Amerikaner sich das dachten.

Wollen die irakischen oder gar die libanesischen Schiiten einen neuen nahöstlichen Gottesstaat nach iranischem Vorbild erzwingen? Schüren schiitische Fanatiker den weltweiten Terror - oder sind sie dabei, sich wie vermutlich jetzt in Nadschaf, gegenseitig in einem innerkonfessionellen Machtkampf zu zerfleischen?

Die wichtigsten Antworten auf diese Fragen dürften in Iran liegen, im ersten und bisher einzigen schiitischen Gottesstaat.

Wenn einer die Geschichte der iranischen Revolution von ihren Ursprüngen bis heute symbolisiert, dann ist es Großajatollah Hossein Ali Montaseri, 80. Er wurde von den Schergen des Schahs wegen seiner aufrührerischen Reden gegen die korrupte Monarchie gefoltert; er dachte sich die Verfassung des Gottesstaats mit aus, die den Religionsführer zur letzten staatlichen Instanz machte; er zog 1979 an der Seite Chomeinis im Triumphzug durch Teheran. »Die Frucht meines Lebens« nannte der seinen »jüngeren Bruder« und designierte Montaseri zum Nachfolger.

Doch dann entzweiten sich die Männer. Montaseri kritisierte den Blutrausch der Revolution wie die Selbstherrlichkeit der Mullahs und weigerte sich, den Mordaufruf gegen den Schriftsteller Salman Rushdie zu unterstützen. Chomeini stellte ihn kurz vor seinem Tod 1989 kalt. Heute sitzt der Scharfmacher Ali Chamenei auf dem Schild.

Als Montaseris Kritik an den Versäumnissen der Theokratie immer lauter wurde, verordnete der neue Religionsführer 1997 strengen Hausarrest für seinen Konkurrenten. Montaseris Lehrinstitut in Ghom, der heiligen Stadt Irans, wurde von islamistischen Schlägertrupps verwüstet. Selbst Chamenei wagte es allerdings nicht, den hoch angesehenen (und vom religiösen Status her eher überlegenen) Gelehrten ins Gefängnis zu werfen. Seit sieben Monaten ist nun auch der Hausarrest aufgehoben - ein Gnadenakt, wie es heißt, Montaseri soll dem Tode nahe sein.

Sein früher rundes Gesicht ist eingefallen, der Händedruck seiner kleinen Hand schlaffer geworden. Aber sonst macht der Greis, ganz in Blütenweiß gewandet, einen höchst vitalen Eindruck. Was er sagt, ist so revolutionär, dass es in Iran sonst keiner öffentlich zu äußern wagte. »Unsere Revolution war richtig und gut, doch unser Gottesstaat wurde zum Misserfolg. Chamenei hat schwere Fehler gemacht, sollte alle politischen Gefangenen sofort freilassen und wirkliche Reformen einleiten. Wir haben durch unsere Exzesse die Achtung der Welt verloren.«

Also empfiehlt er nicht die Übertragung des iranischen Modells auf den Irak?

»Ich freue mich über die neuen Freiheiten der Schiiten, aber unsere Nachbarn sollten um Gottes willen nicht unsere Fehler wiederholen. Ein wahrhaft pluralistisches System wäre in Bagdad das Richtige - aber ich denke nicht, dass die amerikanischen Besatzer das zulassen werden.«

In Ghom brodelt es. Hitzig diskutieren die Religionsstudenten mit ihren Lehrern in der Feisije-Medresse über Hinweise in den heiligen Schriften, wie man sich gegenüber den neuen Freiheiten der Glaubensbrüder im Irak zu verhalten hat. Der Aufbruch in die mittelalterliche Vergangenheit geschieht mit modernsten Mitteln. »Computer-Ajatollahs« entwickeln neue Software mit Stichworten zu alten Textstellen, aber erstellen auch E-Mail-Karteien mit Adressen Tausender irakischer Glaubensbrüder. Es gibt zahlreiche Familienbeziehungen zwischen Ghom und den heiligen Stätten des Irak; besonders frühere Theologiestudenten aus dem Nachbarland haben sich hier über die Jahre niedergelassen, von Saddam Hussein ins Exil getrieben.

Der radikale Ajatollah Kadhim Hussein al-Hairi stammt aus Kerbela und lebt seit 1973 in Ghom. Er hat im April eine Fatwa erlassen, in der er seine irakischen Glaubensbrüder auffordert, alle Anhänger des alten Regimes umzubringen und auch den »Großen Satan« USA aktiv zu bekämpfen - der Irak müsse zu einem strikten schiitischen Gottesstaat werden. Wenn schiitische »Kompromissler« im Weg stünden, seien auch die zu eliminieren - ein Hinweis auf den Urheber der Mordtat vom letzten Freitag?

Andere Geistliche sehen eine solche Entwicklung mit Misstrauen, die Gründe für ihre Skepsis sind manchmal ganz weltlich. Sie fürchten eine Marginalisierung ihrer Stadt: Ghom ist zwar ein mehr als 1200 Jahre alter Ort und beherbergt den Schrein der Fateme, Schwester des Schiiten-Märtyrers Imam Resa; aber im Vergleich zu Nadschaf und Kerbela ist Ghom religiös drittrangig. Wenn nun die irakischen Heiligtümer wieder zugänglich sind, wird da der Pilgerstrom und Spendenfluss nicht dramatisch abnehmen?

Ob sich das Zentrum der schiitischen Welt von Iran wieder zurück an seinen Ausgangspunkt an Euphrat und Tigris verlagert - nichts könnte den Jugendlichen in Teheran gleichgültiger sein. Manche untergraben ihren Gottesstaat, indem sie ihn einfach nicht mehr ernst nehmen. Sie feiern private Partys mit Pornovideos und Whisky. Sie provozieren die Sittenwächter mit subversivem Händchenhalten.

Die Theokratie hat sich längst selbst gerichtet - auch durch ihren Kindersegen. Nach Chomeinis Diktum sollten die Iraner so viel Nachwuchs wie möglich in die Welt setzen. Heute muss das Land die doppelte Zahl Menschen wie zu Schah-Zeiten ernähren; von den 70 Millionen Iranern sind fast zwei Drittel jünger als 25 Jahre und haben keinerlei Erinnerung an revolutionäre Großtaten. Viele suchen verzweifelt einen Job, für die zahlreichen Universitätsabsolventen - über die Hälfte Frauen - ist der Konkurrenzkampf besonders hart.

Allein schon um sich das Private zurückzuerobern, wurde die Jugend politisch. Sie hat in Wahlen mit überwältigenden Mehrheiten den weltoffenen Mohammed Chatami zum Präsidenten gemacht und ihm immer wieder bei Demonstrationen den Rücken gegen die verhassten Ultrareligiösen gestärkt. »Nieder mit den Taliban, ob in Kabul oder Teheran«, riefen die Studenten auf den Straßen.

Doch Präsident Chatami konnte sich mit seinen Reformplänen nicht durchsetzen: Revolutionsführer Chamenei kontrolliert mit seinem Wächterrat Justiz, Geheimdienst und Armee. Der Präsident gleicht in seinen Aktionen eher einem Oppositionsführer als einem Regierungschef - zwangsweise im Widerspruch zu einem System, das den Volkswillen zu vergewaltigen droht, weil es seine ganze Autorität von Gott herleitet.

Reformen im Schneckentempo aber genügen vielen Iranern nicht mehr. Bei der Kommunalwahl im Februar erhielt Chatami einen herben Denkzettel verpasst. Die Wahlbeteiligung in Teheran sank von 64 Prozent im Jahr 1999 auf unter 12 Prozent; es waren die Reformgläubigen, die wegblieben und damit den Stadtrat den Erzkonservativen überließen.

Die US-Regierung behauptet, die iranischen Führer strebten aktiv nach Atomwaffen und unterhielten geheime Kontakte zu Qaida-Terroristen. Immer wieder sollen in den Hinterzimmern der radikalen Prediger Terroristen gesehen worden sein, gerade in letzter Zeit: der Qaida-Sprecher Suleiman Abu Gheith, Osama Bin Ladens Sohn Saad sowie Seif al-Adil, der wohl für den Anschlag am 12. Mai auf die Ausländer-Wohnanlagen im saudi-arabischen Riad verantwortlich war. Außenminister Kamal Charrasi wies diese Vorwürfe in einem SPIEGEL-Gespräch als »haltlos und unverschämt« zurück. Iran mische sich entgegen den US-Vorwürfen auch beim Machtkampf im Nachbarland Irak nicht aktiv ein.

In Ghom, wo noch immer die Fäden der frommen Macht zusammenlaufen, lächelt man über solche Dementis. »Natürlich brauchen wir die Bombe und haben mit unseren unterirdischen Anlagen in der Stadt Natans die Voraussetzungen dafür gelegt«, sagt einer der radikalen Ajatollahs. »Und warum in aller Welt sollten wir uns die einmalige Chance entgehen lassen, jetzt die schiitische Revolution in unser Nachbarland zu tragen und den Großen Satan dabei zu demütigen?«

Seit 1982 fördern iranische Behörden allein zu diesem Zweck den bisher von Bakir al-Hakim geleiteten »Obersten Rat der Islamischen Revolution im Irak« mit Millionengeldern. Chamenei hält nachweislich enge Beziehungen zur Spitze der Organisation. Einige aus dem Sciri-Führungsrat stiegen nach Annahme der iranischen Staatsbürgerschaft in ranghohe Ämter auf; der frühere Sciri-Sprecher Mahmud al-Haschimi Schahrudi ist als Chef der Judikative sogar in die engste Führungsmannschaft um den Religionsführer aufgestiegen: die Nummer vier in der Machthierarchie. Chamenei muss auch aus innenpolitischen Gründen für einen rigiden Gottesstaat Irak kämpfen. Nur so kann er den »weltlichen« Reformern um Chatami endgültig das Wasser abgraben, die Entpolitisierung der Schia bekämpfen.

Die Radikalen in der iranischen Mullahkratie haben den nun in Nadschaf ermordeten Mohammed Bakir al-Hakim wohl für ihren Mann gehalten, für ihr »Trojanisches Pferd« im Irak. Waren sie enttäuscht über die mäßigenden Worte des Klerikers in Nadschaf, so enttäuscht, dass sie das Feuer auf ihn freigaben?

Riath al-Hakim, 43, der Neffe Bakirs, ist als Statthalter des Sciri in Ghom geblieben - vorläufig. Seinem Vater und seinem Onkel gehe es vor allem darum, eine pluralistische Regierung mit Vertretern aller Religionsgemeinschaften und Ethnien aufzubauen, sagte Riath dem SPIEGEL wenige Wochen vor dem Attentat. Dabei solle das iranische Modell nicht kopiert werden. Eines allerdings sei klar: »Im Irak gibt es über 60 Prozent Schiiten, die werden ihre Ansprüche geltend machen. Der Irak wird ein von der islamischen Religion geprägter Staat.«

Riath al-Hakim ist ein sanfter Mann mit leiser Stimme. Früher, erzählte er, habe er viel geschrien - gegen die Wände seiner Einzelzelle im Bagdader Zentralgefängnis. Vor allem wenn morgens im nahen Hof gefoltert wurde, hieß es, das Weinen und Wimmern der Frauen, alten Männer und Kinder zu übertönen. Acht Jahre saß er in Saddam Husseins Kerkern, wurde von sadistischen Wärtern mit Peitschen und Elektroden gequält. »Ich habe das nur ausgehalten, weil ich an unsere schiitischen Märtyrer und ihr Vorbild dachte.«

1991 kam Riath al-Hakim frei, floh mit Hilfe seiner Verwandten und deren iranischen Freunden über Kurdistan nach Ghom. Seitdem hat er seine in Nadschaf aufgenommenen Religionsstudien beendet, schreibt in religiösen iranischen Blättern Kommentare.

Im Hinausgehen zeigte Riath al-Hakim auf Porträtfotos, die wie Erinnerungsstücke an einer Wäscheleine hängen. »Das sind die 14 aus unserer Familie, die Saddam umgebracht hat - eine unvollständige Galerie. In Massengräbern bei Bagdad hat man gerade noch weitere Opfer aus unserem Clan gefunden, unter anderen meine achtjährige Nichte.« Dann ballte der sonst so Sanfte die Fäuste. »Keiner wird uns daran hindern, den neuen Irak nach unseren religiösen Vorstellungen zu gestalten. Saddams Ehemalige nicht und auch nicht die Amerikaner: Sie haben keine Vorstellung von unserer schiitischen Glaubensinbrunst.«

Ausgerechnet der Enkel des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini, der den Nachbarstaat des Irak nach dem Sturz von Schah Mohammed Resa Pahlewi 1979 in eine der finstersten Perioden seiner Geschichte führte, könnte im Irak nun zum Gegenspieler des radikalen Muktada al-Sadr und zum Fürsprecher der Besatzungsmacht USA werden - noch mehr Kopfschmerzen für Teheran.

Hussein Chomeini residiert in einem kleinen Haus in Nadschafs Innenstadt. Von hier aus fordert er Reformen in Iran - die blutige Theokratie seines Großvaters lehnt der Enkel ab. Staat und Religion, so predigt der 45-Jährige, der einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Nadschaf verbracht hat, sollen getrennt werden.

Solche Stellungnahmen sind Kampfansagen an Sadrs Extremisten. Wenige Tage vor den Anschlägen auf die gemäßigte Hakim-Familie verließ Chomeini mit seinem Gefolge Nadschaf. Er sei auf dem Weg nach Bahrein, hieß es, um die dort lebenden Schiiten zu besuchen. Die Abreise Chomeinis, so berichten Nachbarn, kam allerdings überstürzt. Hat sich der Gegenspieler Sadrs nach Warnungen in Sicherheit bringen wollen? Die Häuser aller religiösen Führer in Nadschaf jedenfalls gleichen inzwischen schwer bewachten Festungen.

Der Alptraum westlicher Geheimdienste ist nicht nur, dass der Irak, von den USA als Vorbild einer westlichen Demokratie im Nahen Osten erträumt, vollends in Chaos und Gewalt versinkt. Sie fürchten vor allem, Teile von Bin Ladens Qaida-Netzwerk könnten sich mit einer neu erstarkten Terrorgruppe um die von Teheran geförderte schiitische Hisbollah-Miliz zusammengeschlossen haben. Im Fadenkreuz dieser Fanatiker wären dann nicht mehr »weiche Ziele« wie Discotheken, Bars oder Apartmentblocks mit westlichen Geschäftsleuten, sondern die wirtschaftlichen und politischen Schlagadern Amerikas in dieser Region.

»Was in den letzten Monaten etwa in Riad und Casablanca passiert ist, das waren menschliche Tragödien«, sagt einer der Spionage-Experten. »Doch was einen möglichen Terror schiitischer Religionsfanatiker gegen die schlecht gesicherten saudischen Ölanlagen, kombiniert mit Angriffen auf US-Stellungen im Irak, angeht: Das wäre eine Katastrophe von der Größenordnung des 11. September.«

Immer wieder fällt in den Diskussionen westlicher Geheimdienstler der Name eines Mannes: Imad Mughnija, langjähriger Chef des »externen Sicherheitsapparats« der Hisbollah. US-Außenminister Colin Powell hat angeblich bei seinem Besuch in Beirut wie in Damaskus ultimativ die Auslieferung Mughnijas gefordert; die Amerikaner machen den geheimnisvollen Mann, von dem es auf der FBI-Internet-Seite nur ein altes Foto gibt, seit den achtziger Jahren für den Tod Hunderter Amerikaner in Beirut verantwortlich. Die Israelis jagten ihn, ermordeten 1994 sogar seinen Bruder, um dem Terroristen bei der Trauerfeier aufzulauern - vergebens.

Über Mughnija, heute 41, ist nur bekannt, dass sein Vater ein schiitischer Gelehrter aus dem Libanon war und dass er während der Bürgerkriegsjahre in Trainingscamps palästinensischer Radikaler ausgebildet wurde. Nach Jahren der Abstinenz hat sich der Gesuchte jetzt angeblich wieder in die Planung des internationalen Terrors eingeschaltet - über ein neu intensiviertes Netzwerk von Glaubensbrüdern, geknüpft von einer Gruppe von Religionskriegern aus dem iranischen Ghom, dem irakischen Nadschaf und der libanesischen Bekaa-Ebene. »Mughnija ist der Nutznießer einer schiitischen Welle, die den gesamten Nahen Osten nach dem Sturz Saddam Husseins erfasst und in ihren extremen Ausläufern der Gewalt neue Wege eröffnet hat«, heißt es in einem Geheimdienstpapier.

Für Professor Hamid Algar von der kalifornischen University in Berkeley ist »jeder Tag im Leben eines Schiiten ein Tag des Kampfs, an dem er entweder den Triumph oder das Märtyrertum suchen muss«. Und der Tübinger Professor Halm meint: »Die schiitische Geistlichkeit bildet über die Staatsgrenzen hinweg ein dicht verflochtenes Netzwerk, das bei Bedarf auch politisch genutzt werden kann.« Und vermutlich auch terroristisch.

Wo also ist Imad Mughnija, der weltweit wegen Mord und Entführung gesuchte frühere Operationschef der Hisbollah? Hat er sich, wie schon früher im Sudan, wieder mit Osama Bin Laden getroffen und die jüngsten Attentate - womöglich gemeinsam mit seinen Schiiten-Freunden in Iran - ausgeheckt?

Es gibt ein Alptraum-Szenario, vor dem sich westliche Politiker mehr fürchten als vor allem anderen, und das sieht so aus: Die Terroristen kommen übers Meer. Ihr Ausgangspunkt: ein geheimer Stützpunkt im Königreich Bahrein. Ihr Ziel: die im Persischen Golf der Küste vorgelagerte Plattform Nummer vier des wichtigsten saudi-arabischen Erdölterminals Ras Tanura. Der Komplex zerbirst nach der Kollision mit dem sprengstoffbeladenen Boot in einem Flammeninferno.

Gleichzeitig stürzt sich ein anderes Selbstmordkommando mit einem Kleinflugzeug auf den nur wenige Kilometer entfernten Abkeik-Komplex im Landesinneren. Das weltgrößte Verarbeitungszentrum für Erdöl wird weitgehend zerstört. Durch die Simultanattacke ist der Rohstoffexport Saudi-Arabiens um zwei Drittel dezimiert, dem Weltmarkt gehen täglich knapp fünf Millionen Barrel Öl verloren - fast ein Viertel der von den USA pro Tag benötigten Menge.

Aber die Terroristen begrenzen ihre Angriffe an diesem Tag nicht auf Saudi-Arabien. Sie greifen auch im Irak an, stürmen Erdölfelder bei Basra, attackieren die Befehlszentrale der amerikanischen Streitkräfte in Bagdad. Im Westjordanland sprengen Selbstmordattentäter jüdische Siedler in die Luft. Jerusalems Premier Ariel Scharon antwortet mit einem massiven Militärschlag. Die Welt steht in dieser Horrorvision vor einem neuen Nahost-Krieg - bei einem akuten Rohstoffengpass auf den Märkten und einem explodierenden Erdölpreis.

Zunächst einmal ist es aber an Nadschaf, Trauer zu tragen und den getöteten Ajatollah zu beerdigen.

Der Tod ist ohnehin allgegenwärtig in der heiligen Stadt, denn in Nadschaf gibt es mehr Gräber als Häuser. Vor einem Mausoleum zündet eine Gruppe junger Männer Räucherkerzen am Grab ihres Onkels an. Zweimal im Jahr kommen Ruhullah und seine Brüder aus Bagdad nach Nadschaf, so will es der Brauch.

Seit dem Sturz von Saddam strömen allein aus Iran täglich etwa 2000 Gläubige nach Nadschaf, nicht nur, um zu beten, was ihnen zwei Jahrzehnte lang verboten war. Manche schnallen Särge auf ihre Autodächer, um Angehörige in Nadschaf zu beerdigen. Kilometerweit bis zum Horizont erstrecken sich die sandsteinfarbenen Grabmale und Mausoleen des riesigen Friedhofs. Fromme Schiiten möchten am liebsten im Schatten des heiligen Schreins bestattet werden. Die Ehre ist Hakim sicher.

Seine letzte Ruhestätte soll der Ajatollah auf dem berühmten Märtyrer-Friedhof der heiligen Stadt finden - im Schatten der goldenen Kuppel der Imam-Ali-Moschee.

DIETER BEDNARZ, ERICH FOLLATH

CLAUS CHRISTIAN MALZAHN,

VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND

* Am vergangenen Freitag im Innenhof der Moschee.* Oben: Gemälde von Bruno Richter1915; unten: Hisbollah-Attacke auf das US-Hauptquartier 1983.

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