Die grüne Rebellion
Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad, 53, gibt gern den Demokraten, besonders vor den wenigen Gästen aus dem Westen, die er empfängt. Natürlich, so versichert er dem SPIEGEL am Ende eines exklusiven Gesprächs in Teheran, werde er das Ergebnis der Präsidentenwahl am 12. Juni respektieren. Obwohl er gut zwei Monate vor dem Urnengang als hoher Favorit gilt, will der für sein Machtdenken bekannte Ahmadinedschad sogar eine Niederlage nicht ausschließen: »Warten wir's ab, neun Wochen sind eine lange Zeit.«
Alles nur »tarof«, die iranische Form der gefälligen Heuchelei? Hatte der Hardliner Ahmadinedschad in Wirklichkeit nie vor, ein Ergebnis zu respektieren, das ihn um die Macht bringen würde?
Das ist zumindest der Eindruck, der schon wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale aufkommt. Denn obgleich die Stimmenauszählung in dem weiten Land mit seinen 74 Millionen Einwohnern schwierig ist, verkündet der amtierende Präsident bereits am Wahlabend seinen Sieg. Am nächsten Morgen werden Mahmud Ahmadinedschad offiziell gut 62 Prozent der Stimmen zugeschrieben. Damit hätte er fast doppelt so viele Wähler für sich gewonnen wie sein schärfster Herausforderer, der Ex-Premier Hossein Mussawi, 68.
Kann das sein? Ja, behauptet der nahezu unantastbare Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei und feiert den Sieg als »Triumph« des Gottesstaats und seines erklärten Schützlings Ahmadinedschad. Nein, versichern die Anhänger der Reformbewegung und verweisen auf dreiste Fälschungen der Ergebnisse zu Lasten Mussawis und von dessen Mitbewerbern Mahdi Karrubi und Mohsen Resai.
Unbestritten ist, dass Mussawi, der allenfalls mit Außenseiterchancen angetreten ist, in den letzten Tagen vor der Wahl Millionen Anhänger zu Sympathiekundgebungen auf die Straße treibt. Vor allem unter den Iranerinnen gewinnt er rasant Sympathien (siehe Kasten). Der Mann mit dem grauen Bart, der brüchigen Stimme und dem schlaffen Händedruck entfacht einen einzigartigen »Tsunami in Grün«, der Farbe des Islam, aber auch der Reformbewegung. Und dann soll jener Held der Straße nur halb so viele Stimmen erhalten haben wie der auch im eigenen Land umstrittene Ahmadinedschad?
Andererseits nutzt der Präsident seinen Amtsbonus schamlos aus. Immer wieder reist Ahmadinedschad in die Provinzen, verteilt Kartoffeln an die Armen auf dem Land und in den Großstädten, um sich ihre Stimmen zu sichern. Bei seinen Reden füllen seine Anhänger mühelos die größten Plätze.
Mussawi hingegen kennen anfangs nur die Älteren. Als Regierungschef unter dem Begründer der Islamischen Republik, Ajatollah Ruholla Chomeini, steuerte er das Land vergleichsweise erfolgreich durch die Wirren des Kriegs mit dem Irak.
Nach dem Tod des Schah-Bezwingers 1989 wird das Amt des Premiers abgeschafft, Mussawi zieht sich aus dem öffentlichen politischen Leben zurück. Der Architekt widmet sich der Kunst, gehört aber als Mitglied des Schlichtungsrats, der in Streitfällen zwischen Regierung und Parlament vermittelt, zum Establishment des Gottesstaats.
Dass ausgerechnet dieser Bannerträger des Gottesstaats zum Hoffnungsträger vieler Millionen Iraner wird, ist die Folge von vier Jahren Brachialpolitik Ahmadinedschads. Der hat Iran mit seinen Tiraden vom »Mythos des Holocaust« und seiner Hetze gegen das »zionistische Gebilde« Israel, das er am liebsten von der Landkarte wischen möchte, weiter in die internationale Isolation getrieben.
Misswirtschaft und Korruption, die Ahmadinedschad bekämpfen wollte, ufern unter seiner Führung eher aus. Mit seinem Konfrontationskurs im Atomkonflikt hat er Uno-Sanktionen provoziert, die der Wirtschaft weiter zusetzen. Viele Arme, denen er im Wahlkampf 2005 Teilhabe an den Profiten aus dem Erdölgeschäft versprochen hatte, sind enttäuscht von dem selbsternannten islamischen Robin Hood.
Und nach der dreisten Manipulation der Wahl, die mit jedem weiteren Tag immer offensichtlicher wird, steigt der vermeintliche Verlierer gar zum Volkstribun auf. Hemdsärmelig steht Mussawi im Heer der Demonstranten, fordert mit dem Lautsprechermikrofon in der Hand die gestohlenen Stimmen zurück und wird so - zumindest für die nächsten Wochen - eine Figur der Weltgeschichte.
Erst mit massivem Gewalteinsatz gelingt es dem Regime, die Rebellion auf den Straßen zu ersticken. An die 70 Todesopfer betrauert die Protestbewegung, Tausende werden verhaftet, Dutzende in Schauprozessen verurteilt. Klagen über vergewaltigte Häftlinge, Frauen wie Männer, schockieren die iranische Öffentlichkeit.
Als sie sich nicht mehr auf die Straße trauen, steigen die Protestler nachts auf die Dächer: Halb resigniert, halb trotzig rufen sie: »Allahu akbar« - Gott ist groß. Mit dem Ausruf aus dem Koran hatten die Iraner schon 1979 gegen den Schah protestiert. Jetzt wehren sie sich gegen den »Diktator« Chamenei und dessen Präsidenten Ahmadinedschad.
Während auch hinter den Kulissen ein erbitterter Kampf um die Macht im Mullah-Staat entbrennt, bei dem sich der mächtige ehemalige Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani ebenfalls auf die Seite Mussawis schlägt, beschränkt sich die Weltöffentlichkeit auf vorsichtige Appelle an die iranische Führung, »jedes gewaltsame und unrechtmäßige Vorgehen gegen ihr eigenes Volk zu beenden«, so US-Präsident Barack Obama.
Die Wahl nicht anzuerkennen, traut sich keine Regierung. Zu sehr braucht die Weltgemeinschaft einen Ansprechpartner in dem sich zuspitzenden Nuklearstreit mit Iran. Der Westen denke immer nur »an die eigene Sicherheit« und vernachlässige darüber die »massiven« Menschenrechtsverletzungen, kritisiert die Teheraner Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi die Fixierung auf den Nuklearstreit.
In dem Nervenkrieg mit Teheran kommt manchem Strategen im Westen die interne Revolte gegen das Regime gerade recht. Vielleicht, so wird in den Lagezentren von Washington bis London spekuliert, wäre eine innenpolitisch angeschlagene Führung nun sogar eher zu Kompromissen im Atomkonflikt bereit.
Die Auseinandersetzung hatte 2002 mit Satellitenbildern von einer geheimen Atomanlage bei Natans begonnen, in der Iran angeblich für zivile Zwecke Uran anreichert. Teheran verweist darauf, dass dies sein gutes Recht sei. Die USA und Europa aber fürchten, dass Iran die Technik nur beherrschen will, um das Uran auch für militärische Projekte aufzubereiten.
Die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien finden dafür zwar keine zwingenden Beweise, beklagen aber immer wieder die »mangelnde Kooperation« Teherans. Sanktionen, die der Weltsicherheitsrat in der Uno verhängt, sollen die Einstellung der Arbeit in Natans erzwingen. Israel, das sich vor einem Nuklearangriff der Mullahs fürchtet, droht sogar mit einem Militärschlag gegen die Anlage, wenn die Anreicherung nicht eingestellt werde.
Ob wachsender Druck, späte Einsicht oder das Geschick von US-Präsident Obama - nur gut zwei Monate nach seiner Amtseinführung signalisiert Präsident Ahmadinedschad erst einmal dem Westen auf einem geradezu historischen Treffen in der Schweiz Kompromissbereitschaft: In Genf kommt es zur ersten bedeutenden diplomatischen Begegnung zwischen den USA und Iran seit der islamischen Revolution vor 30 Jahren. Gut eine Stunde sprechen der US-Unterhändler William Burns und der Generalsekretär des iranischen Sicherheitsrats, Said Dschalili, miteinander in »konstruktiver Atmosphäre«, so ein Diplomat.
Doch die Forderung nach einem Anreicherungsstopp erfüllt Teheran nicht. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte die Führung sogar die Existenz einer zweiten Anreicherungsanlage bei Ghom einräumen müssen.
Auch der Plan, einen großen Teil des iranischen Urans an Russland und Frankreich zu liefern, um es dort anzureichern und es anschließend als Brennstoff für einen Forschungsreaktor in Teheran zu verwenden, scheitert an unakzeptablen Forderungen aus Teheran. Ende November verkündet die iranische Regierung, Teheran wolle zehn neue eigene Anlagen zur Urananreicherung bauen.
Ob es wirklich dazu kommt, bleibt offen - wie auch der Ausgang des Machtkampfs zwischen Ahmadinedschad und der Opposition. Mussawi-Mitstreiter Karrubi zumindest glaubt trotz der offensichtlichen Ruhe an der Demo-Front weiter an einen Erfolg der Reformbewegung: »Unter der Asche liegt die Glut.« DIETER BEDNARZ