»Die Leichen der Feinde düngen die Sümpfe« - DER SPIEGEL
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»Die Leichen der Feinde düngen die Sümpfe«

SPIEGEL-Redakteur Wolf Dieter Steinbauer über den Irak im fünften Kriegsjahr *
Von Wolf Dieter Steinbauer
• aus DER SPIEGEL 15/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn er an die Zukunft denkt, verdüstert sich das Gesicht des Druckereibesitzers Hassan Furad.

Daß er wie bisher buntbedruckte Verpackungen für das in seiner Heimatstadt Bagdad so beliebte Schmalzgebäck, Papptaschen für Socken, Schuhe und Damenwäsche herstellen kann, hält Furad nicht für sicher. Er flüstert: »Wenn die Perser nach Bagdad kommen, werden sie alle gläubigen Moslems, vor allem die Schiiten, blutig verfolgen.«

Warum die Schiiten, die doch ihre Glaubensgenossen sind? - »Den irakischen Schiiten verzeihen es die Iraner nicht, daß sie treu zu Saddam Hussein hielten.«

Von der Wand, neben dem Bild seines Vaters, aber ungleich prächtiger gerahmt, scheint ein anderer in die geöffnete Kasse herniederzuschauen, wohl auch ins Herz des Druckers: Saddam Hussein, Iraks Präsident.

Aber Hassan Furad hält dem Zwang der Chef-Augen stand. »Wenn es soweit ist, muß man laufen, fliehen, Unterschlupf suchen«, sagt der Drucker. Noch vor einem Jahr hätte sich kaum ein Iraker getraut, sich so viel Defätismus anmerken zu lassen.

Jetzt ist es anders. Seit fünf Jahren überfüttert mit Jubel und Optimismus, mit Nachrichten von Siegen und gewonnenen Schlachten, scheinen die Irakis plötzlich abgestumpft oder von Nervosität befallen. »Haben unsere Siege etwa den Krieg zu beenden vermocht?«

An allzu vielen Häusern weisen unübersehbar schwarze Inschriften darauf hin, daß hier ein Gefallener, nach offiziellem Sprachgebrauch ein »Märtyrer«, betrauert wird.

Irakische Tote sind keineswegs sogleich aus dem Dienst fürs Vaterland entlassen. Posthum erhält jeder Märtyrer die Mitgliedschaft in der »Partei der arabischen sozialistischen Wiedererweckung«, wie die Staatspartei Baath formell heißt, falls er ihr zu Lebzeiten noch nicht angehört hatte.

»Das ist auch als Trost für die Hinterbliebenen gedacht«, klärt ein Funktionär westliche Besucher auf. Den Drucker Furad zum Beispiel tröstet es nicht. Zwei nahe Verwandte hat er verloren, einen erst kürzlich bei der Schlacht in den Huweisa-Sümpfen im Südirak.

Ihm sagt es wenig, daß sie in einem Krieg starben, der offiziell nie erklärt wurde. Die diplomatischen Beziehungen hat der Irak zwar (wegen Camp David) zu Ägypten abgebrochen, das ihm heute Waffen liefert, nicht aber zum Iran, den Bagdad heute mit eben diesen Waffen bekämpft.

Auf dem iranischen Botschaftsgebäude am Tigris weht noch immer die Fahne Chomeinis. »Der iranische Geschäftsträger wird nach den Regeln des Protokolls behandelt«, ist im Außenministerium zu erfahren. Er darf »einkaufen und kulturelle Veranstaltungen besuchen«. Gesehen hat ihn freilich bis jetzt niemand bei einem solchen Tun.

Am Status des einsamen Geschäftsträgers aus Teheran hat auch die jüngste Offensive von Chomeinis Streitern nichts geändert. Wohl aber rief sie allen Irakern schmerzhaft ins Bewußtsein, daß seit geraumer Zeit alle großen Auseinandersetzungen des unerklärten Krieges auf irakischem Territorium ausgetragen werden - trotz der gewaltigen Überlegenheit an schweren Waffen, an Panzern und Flugzeugen, die Bagdad auch im fünften Kriegsjahr aufzubieten vermag.

Zudem hatten es die Iraker diesmal nicht mit einem regellosen Ansturm fanatisierter, oft minderjähriger Glaubenskrieger zu tun, sondern mit einer sorgfältig geplanten Operation, durchgeführt von 50 000 gut ausgebildeten Soldaten.

Erst jetzt, da allmählich die Wahrheit über den Verlauf jener Kämpfe durchsickert, erweist sich, daß der irakische Abwehrsieg weit weniger glanzvoll war, als Saddam Hussein wahrhaben will.

Tagelang dauerte das Artilleriefeuer, mit dem die Perser ihren Angriff vorbereiteten. Mehrere irakische Dörfer westlich der Straße Bagdad-Basra wurden zu Schutt geschossen.

Dann, auf japanischen Booten und mit deutschen Gasmasken im Gepäck, setzten die Iraner über die Sumpfgewässer. Es gelang ihnen, die dichte irakische Verteidigung zu durchbrechen, auf einer durchgehenden Linie, die westliche Experten auf 15 bis 20 Kilometer Breite schätzen, den Tigris zu überqueren und die Straße nach Basra zu besetzen.

Dort hielten sie entgegen irakischen Angaben mehrere Tage aus und fügten den Irakern offenbar schwere Verluste zu, wie die vielen zerschossenen Panzer und zerstörten gepanzerten Mannschaftswagen beweisen. Dann allerdings mußten sie einem irakischen Zangenangriff weichen, der mit überlegener Feuerkraft geführt wurde.

Etwa 3000 bis 4000 Iraker fielen. In langen Kolonnen brachten Taxis mit Flaggen bedeckte Särge auf dem Dachgepäckträger nach Bagdad.

Dort war die Führung aufgeschreckt. Erstmals wurden in den Frontkommuniques

auch die Namen der Truppenbefehlshaber bekanntgegeben, deren Einheiten in der Schlacht standen: Die Offiziere sollten offenbar zu Höchstleistungen angespornt werden. Aber damit scheint es zu hapern. Denn trotz Verlusten gelang es den Iranern offenbar doch, sich nach ihrem Rückzug unweit ihres operativen Zieles, der Straße Bagdad-Basra, festzusetzen.

Nur zwei bis drei Kilometer östlich der Straße zuckte Mündungsfeuer von Geschützen, suchten des Nachts Leuchtgranaten nach den Stellungen des Feindes. Der hätte eigentlich laut irakischen Siegesmeldungen schon weit zurückgejagt sein müssen. »Die Leichen der Feinde düngen die Sümpfe«, verkündete eine der großsprecherischen Phrasen.

Aber die mitreißende Begeisterung des ersten Kriegsjahres vermögen solche Parolen nicht mehr zu wecken. Iraks Soldaten, die früher nur zu gern die Hand zum Siegeszeichen emporreckten, zeigen sich jetzt ernst, wenn nicht deprimiert.

»Ich habe diesen Krieg satt bis obenhin - ich wünsche mir nichts als Frieden«, so ein Wachtposten in seinem Sandsack-Unterstand am Schatt el-Arab in Basra. Immer wieder blickt der Mann durchs Fernrohr auf das gegenüberliegende Ufer. Dort, rund 30 Kilometer weit in der Dunkelheit soll der Feind sein. Oder war er schon ganz nahe?

Plötzlich das Aufheulen einer Artillerie-Granate, dann der Einschlag, der den Boden erzittern läßt. »Ich muß jetzt weg«, sagt der Posten, holt ein altes Fahrrad hervor und verschwindet in einer der stillen Straßen Basras.

Seit Beginn des Krieges liegt die zweitgrößte Stadt des Irak im Bereich iranischer 130-Millimeter-Geschütze. Sie liefern sich Duelle mit der irakischen Artillerie, die im Stadtbereich konzentriert ist.

Auf die Frage, warum es der irakischen Armee angesichts ihrer Luftüberlegenheit bis heute nicht gelang, die iranischen Geschütze auszuschalten, die Basra beschießen, antwortet ein irakischer Parteifunktionär: »Oh, die Iraner sind schlau. Sie verlegen den Standort ihrer Geschütze immer blitzschnell - von hier nach da und dann nach dort.« Ja, so schlau ist der Feind.

Für die Bewohner von Basra wurde der Beschuß schlimmer, als vor wenigen Wochen der sogenannte Krieg der Städte begann - die gegenseitigen Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung. Fast sämtliche Bürgersteige der Innenstadt von Basra sind zur Straße hin mit Wällen aus Sandsäcken geschützt, hinter denen sich die Menschen wie in Schützengräben bewegen.

Basra zählte einmal 1,5 Millionen Einwohner, war eine lärmende Stadt. Jetzt liegt die Metropole des Südirak wie ausgestorben da. Viele haben sich davongemacht, weil sie den amtlichen Beteuerungen nicht mehr trauten.

Wie verschreckte Hühner hocken Greise, Frauen und Kinder in einem der wenigen Keller. Erst nach Zureden der Sicherheitsbeamten schwingen einige die Fäuste und schmähen die Perser: »Allah verderbe sie wie Ungeziefer.«

Der irakische Informationsminister Latif Nassif Dschassim beschreibt die Vergeltungsstrategie der eigenen Militärs so: »Wenn die Iraner ein ziviles Ziel bei uns angreifen, schlagen wir doppelt zurück. Wenn sie es nochmal tun, dann vierfach oder achtfach. Beim dritten Mal kommt die Vergeltung zwanzigfach.«

Bagdads Presse macht fast täglich mit der Überschrift auf: »Irakische Jets greifen Teheran an.« Genußvoll erzählen Regierungsbeamte: »Unsere Flugzeuge befinden sich täglich 24 Stunden über Teheran. Wenn eines wegfliegt, kommt schon das nächste.«

Solche News greifen die Bewohner der Hauptstadt begierig auf, erzählen sie zum eigenen und zu anderer Trost weiter. Denn in Bagdad, bisher fast verschont vom Krieg, schlagen jetzt ebenfalls iranische Granaten ein.

Für alle unübersehbar, ist das Hochhaus der Rafidain-Bank, ein Wahrzeichen des modernen Bagdad, wie von einem gewaltigen Handkantenschlag eingeknickt. Fast täglich zischen Raketen sowjetischer Bauart heran, die Libyen angeblich den Iranern geliefert hat. Presse, Funk und Fernsehen erwähnen die Einschläge nie.

Es handle sich um Bomben, gelegt von regierungsfeindlichen Kräften, behaupteten die Iraker anfänglich Ausländern gegenüber - bis die Regierung merkte, welchen Fehler sie damit beging, das Vorhandensein solcher Kräfte zuzugeben. Die gibt es aber. Erst vor kurzem explodierte in Saddam Husseins Heimatort Takrit eine Autobombe - zwei Stunden bevor der Präsident zu Besuch kam.

Inzwischen beherrscht der Irak die Behandlung des iranischen Beschusses nahezu perfekt. Schon wenige Minuten nach einem Einschlag sperren Soldaten weiträumig alle umliegenden Straßenzüge ab und schieben Einschlagtrichter zu, Trümmer werden so gut es geht in Windeseile beseitigt. Wenn die Öffentlichkeit den Ort wieder sehen darf, wirken die Schäden in der Regel nicht mehr gefährlich. Menschen kommen angeblich niemals zu Schaden.

Das behaupteten amtliche Stellen sogar, als eine Rakete auf einem Platz niederging, den gerade Hunderte von Schulkindern überquerten. Das Geschoß habe nur einen Autofriedhof getroffen, hieß es. Augenzeugen aber berichteten, daß zahlreiche Krankenwagen die Opfer in Krankenhäuser geschafft hätten.

Auf eine schizophrene Art versucht die Regierung einerseits, die Iraker den Krieg nach Möglichkeit vergessen zu machen, ihn andererseits aber zum vaterländischen Normalzustand zu erklären. So verwendet Saddam Hussein alle Anstrengungen darauf, Iraks Städte, vor allem Bagdad, trotz der schweren Zeiten weiter zu verschönern. Hochmoderne Stadtviertel und neue Brücken über den Tigris wurden gebaut, Luxushotels, Prachtbauten für Behörden hochgezogen und bombastische Gedenkstätten für die Märtyrer des Krieges errichtet.

Der Krieg, so suggeriert die offizielle Propaganda sogar, entfalte erst die schöpferischen Kräfte des Volkes, besonders im Bereich der Künste. Was natürlich in Wahrheit freigesetzt wird, sind Schwulst und falsches Pathos. Irakische Maler werden vor allem ermutigt, die Weisheit des Präsidenten und den Sieg der irakischen Waffen durch heroische Bilder zu verherrlichen.

Die irakische Komponistin und Pianistin Beatrice Ohanessian schuf das erste symphonische Werk des Landes. Es trägt den Titel: »Das Heraufdämmern von Saddams Kadissija«. Bei Kadissija, einem Ort 200 Kilometer südlich von Bagdad, siegten im Jahr 636 arabische Kriegerscharen über das persische Heer. Diesen Erfolg will Saddam Hussein seit dem September 1980 wiederholen, und so heißt der Golfkrieg bei regierungstreuen Irakern »Saddams Kadissija«.

Anspielend auf die jüngsten Schlachten brachte Bagdads Presse ein Gedicht

»Frau aus den Sümpfen«. Das Schicksal einer Heroine wird geschildert, die, ihrer schreienden Kinder nicht achtend, auf den Feind feuert. Resultat: »Blutrotes Brot trug sie in der Rechten, in der Linken den Siegeskranz.«

Solches trifft genau die Tonart der offiziellen Propaganda, die den Frauen schmeichelt. Denn ohne die Irakerinnen läuft bald nichts mehr an Euphrat und Tigris, da die männlichen Arbeitskräfte zu Hunderttausenden an die Front müssen. Für die Irakerinnen bedeutet dies eine riesige Chance, sich in der patriarchalischen Gesellschaft mehr Rechte zu erstreiten. Frauen managen die Landwirtschaft, haben Schulwesen und Krankenversorgung völlig in der Hand. Inzwischen sitzen Frauen sogar in den Büros von Abteilungsleitern.

Doch auch mit Frauen läßt sich der Mangel an Menschen nicht ausgleichen. Das Land bleibt vor allem auf Gastarbeiter aus Ägypten angewiesen, solange der Krieg dauert. Beim Drucker Furad arbeiten inzwischen 14 Männer vom Nil. Nur vier seiner Arbeiter sind Iraker. »Ich sehe den Tag mit Schrecken«, seufzt er, »an dem ich der einzige Iraker in meinem Betrieb bin.«

Obendrein ist es auch noch schwieriger geworden, an Ägypter heranzukommen. »Früher«, so Furad, »stellte ich mich vor die Tür, und wenn ein Misri (Ägypter) vorbeiging, der mir gefiel, holte ich ihn herein. Heute muß ich mich mit den Behörden wegen eines Misri herumschlagen.«

Die Geschäfte gehen nach Auskunft von Händlern nicht gerade schlecht, trotz spürbar nachlassender Investitionen gemäß dem arabischen Sprichwort: Das Kapital ist ein Feigling.

Bald schon rechnen Iraks Geschäftsleute mit einem großen Aufschwung, denn Ende 1986 sollen eine zweite Pipeline durch die Türkei und eine Rohrleitung nach Saudi-Arabien fertiggestellt sein. Dann könnte der Irak statt heute 1 Million Barrel Öl 2,6 Millionen Barrel pro Tag exportieren.

Der Erlös, so meinen westliche Ökonomen, dürfte ausreichen, die zivilen Importbedürfnisse des Irak zu befriedigen und sogar die zehn Milliarden Dollar Schulden abzuzahlen, die der Irak bei nichtarabischen Ländern angehäuft hat - für Waren, nicht für Waffen. Im Irak denkt jedoch niemand daran, den Ölnachbarn jene über 60 Milliarden Dollar zurückzugeben, die sie in die Kriegskasse Bagdads gezahlt haben.

Die Iraker haben beim Schuldenmachen ein gutes Gewissen. Schließlich hielten sie ja, sagen sie mit gewissem Recht, den Golfherrschern den monarchiefeindlichen Ajatollah vom Hals.

So gesehen kann der Irak den Krieg angeblich noch lange Zeit durchhalten, wenigstens so lange, bis, wie ein irakischer Kaufmann meint, »Allah dem Leben des unversöhnlichen Chomeini ein Ende setzt«.

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