ZEITGEIST Die sanfte Inquisition
Das alles wollte ich eigentlich gar nicht wissen« - Maybrit Illner, Moderatorin der ZDF-Talkshow »Berlin Mitte«, sagt es CSU-Generalsekretär Thomas Goppel staubtrocken und direkt, aber lächelnd ins Gesicht. Vielleicht hätte sie den berüchtigten bayerischen Dampfplauderer lieber doch nicht kurz zuvor mit der Bemerkung provozieren sollen, er sei ja, ganz gegen alle Gewohnheit, »heute so still«. Die Zuschauer jedenfalls wurden wieder wach: Denn für Goppel - um diese jüngste Stoiber-Weisheit hatte der Mann gerade minutenlang herumfabuliert - war Deutschland also plötzlich doch kein Einwanderungsland. Aha.
»Der Wahlkampf lässt grüßen« lautete der Untertitel des heftigen TV-Wortstreits über das Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Bundesregierung, und wieder einmal schlug sich TV-Moderatorin Illner, 37, die an diesem Donnerstagabend ihre 100. Sendung feiert, tapfer und reaktionsschnell durch das rhetorische Dickicht der politischen Kombattanten: Ein spitz intoniertes »Hallo - Hallo!!« markierte die schärfste Verweisstufe im außerparlamentarischen Sanktionskatalog.
In ihrer Goppel-Befragung zerlegte Illner virtuos die forsch-kokette Medieninszenierung ihres Gegenübers - und zeigte einen Mut zur Transparenz, der derzeit eine ganze Generation junger Moderatorinnen anzutreiben scheint. Sie heißen Sandra Maischberger und Anne Will, Marietta Slomka und Maybrit Illner, und sie räumen fast nebenbei die begehrtesten Fernsehpreise ab: von der »Goldenen Kamera« bis zum »Deutschen Fernsehpreis«.
Diese Kinder der Mediengesellschaft haben die Welt und die Politik immer schon mit den durchtrainierten Augen der ironisch distanzierten Fern(seh)-Beobachtung wahrgenommen. Ihre Helden waren Harry Valérien und Heinz Florian Oertel, Georg Thomalla und Schweinchen Dick - nicht Ché Guevara und Wolf Biermann. Auf dem Schulhof ging es eher um »Dallas« als um Nicaragua - und so entwickelten die emsigen Fernsehkonsumentinnen schon früh ein ziemlich professionelles, abgeklärtes Verhältnis zum Massenmedium.
Jahre später haben sie die Seiten gewechselt und moderieren das mediale Dauergespräch der Gesellschaft über sich selbst: jenseits ideologischer Welterklärung und parteipolitischer Programmkommissionsrhetorik; pragmatisch, praktisch und unbefangen. Dabei tragen sie zugleich, nur scheinbar paradox, zur Entzauberung des Fernsehens bei, zur Selbstaufklärung des Massenmediums über seine Möglichkeiten und seine Grenzen.
Wie nie zuvor wird diese neue Ladypower auch den kommenden Bundestagswahlkampf mitbestimmen. Die Akteurinnen arbeiten schließlich an der vordersten Medienfront - genau dort, wo nicht nur das Bild der Kandidaten, sondern das Bild von Politik insgesamt entsteht.
In der ersten Reihe auch Sabine Christiansen, 44, die »Queen Mum« der Feminisierung des deutschen Fernsehens, neuerdings »Ritter der französischen Ehrenlegion« - für ihr sonntägliches Polit-Konklave erhielt die »beliebteste Moderatorin Deutschlands« den »Bambi 2001«.
Keine Frage, »Sabine Christiansen« ist der Mercedes unter den seriösen Talkshows, ein Hot Spot der neuen Mitte zwischen Hans Eichel, Renate Künast und Guido Westerwelle - das allwöchentliche Kaminfeuer der Nation, das manchmal freilich, wie Spötter meinen, allzu sehr an die Atmosphäre einer Lufthansa-Lounge erinnert, in der Schampus und Knabberzeug ausgegangen sind.
Die fortschreitende »Christianisierung des TV-Journalismus« (Hauser/Kienzle) jedenfalls bekam auch der frisch selbst ernannte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber zu spüren, als er sich im Angesicht der weiblich-norddeutschen, zutiefst unbayerischen Fragetechnik immer mehr verhaspelte, den Faden verlor und die schlanke Moderatorin schließlich mit »Frau Merkel« anredete. Nach der Sendung, so wird kolportiert, beschwerte er sich bitterlich bei Sabine Christiansen, sie habe ihn ja gar nicht ausreden lassen. »Aber wo war denn Ihre Message?«, konterte sie.
Welche »Message«? Der Begriff war ihm Hekuba. Ein kultureller Abgrund tat sich auf. Die Mediengesellschaft, scheint's, frisst ihre Großväter.
Im »Bocca di Bacco« an der Berliner Friedrichstraße dagegen speist die Mediengesellschaft lustvoll mit sich selbst. »Wir setzen den authentischen Kanzler gegen den Showkanzler«, doziert Ex-»Bild am Sonntag«-Chef Michael Spreng, Stoibers oberster Medienberater, unüberhörbar am weiß gedeckten Nachbartisch. »Ein bewusster Kontrast zur Medieninszenierung, ganz klar.«
Anne Will schaut rüber, lächelt. Seit knapp einem Jahr sitzt die 35-Jährige auf einem Thron des deutschen Fernsehens - als Moderatorin der ARD-»Tagesthemen«. Gerade hatte sie vom »Kompetenzgebaren« unter Medienmännern gesprochen, einen Satz von Maybrit Illner paraphrasierend: »Wenn Frauen Fragen stellen, wollen sie etwas erfahren - Männer dagegen trachten eher danach, sich in dem bestätigt zu sehen, was sie sowieso zu wissen glauben.« Die Lebenserfahrung sagt: Da ist was dran. Doch Anne Will ist weit davon entfernt, eine spätfeministische Front zwischen bösen eitlen Männern und selbstlosgrundguten Frauen aufzumachen. Sie selbst hält sich für ziemlich angepasst, keine Rebellin, nirgends.
Kein schlechtes Wort über Ulrich Wickert, den erfahrenen, kenntnisreichen, weltläufigen Kollegen, der einst vor laufender Kamera die leibhaftige Überquerung der Pariser Place de la Concorde, das Baguette tapfer unterm Arm, unbeschadet überstanden hat. Gewiss, sie selbst ist alles andere als eine umherschweifende Meinungshaberin wie der ambulante Werteverfechter aus Hamburg-Harvestehude mit dem »Buch der Tugenden« unterm Ruhekissen; auch fühlt sie sich nicht zur reisenden Philosophin berufen, schreibt keine Bücher oder Zeitungsartikel, in denen zum Beispiel George W. Bush mit Osama Bin Laden verglichen würde - doch den Kollegen Wickert schätzt sie als guten Ratgeber.
Der aber war selbst nicht gut beraten oder einfach nur auf eigener Ballhöhe, als er in einem aufgezeichneten Statement für die WDR-Sendung »Zimmer frei« - Gast: Anne Will - die junge Kollegin im gönnerhaften Stil charakterisierte: »Sie ist direkt, naiv und lernfähig.« Na super.
Da rollten die Augen im Studio, und das schöne Vögelzwitschern, das Anne Will gerade überzeugend imitiert hatte, war fast schon wieder vergessen. Obwohl sie viele Jahre Fernsehen hinter sich hat - 1999 moderierte sie als erste Frau sogar das deutsche Männerheiligtum ARD-»Sportschau« -, ist es ihr im Zweifel aber lieber, unterschätzt zu werden.
Das legt sich ganz von selbst. »Glücklicherweise gehöre ich nicht zu den Menschen, die in der Not sind, noch kurz vor Sendebeginn intensiv über sich selbst nachzudenken.« Später dann schaut sie sich die Aufzeichnung der »Tagesthemen« noch mal an - selbstkritisch bis zum »Wetter«. Was ihr auch nach einer nicht ganz perfekten Überleitung zu Hoch »Hildegard« bleibt, sind Anmut und Intelligenz, Humor und katholische Lebensfreude, Kölner Menschenfreundlichkeit und ein gesundes Schlafbedürfnis - also deutlich mehr erfreuliche Eigenschaften, als Sigmund Gottlieb, Franz Alt, Heinz Klaus Mertes, Klaus Bednarz und andere männliche Fernsehgrößen der jüngsten Vergangenheit auf sich vereinen können.
TV-Veteranen erinnern sich an jene noch ferneren Zeiten, da Werner Höfer sonntags zum »Internationalen Frühschoppen« lud und die einzige Frau weit und breit jene resolute Bedienung war, die, stets gut im Bilde, den Rheinwein eifrig nachfüllte, während der Vertreter der »Prawda« im packeisschweren Sowjetdeutsch von den »gutnachbarrrlichen Beziehungen zwischen der DDRRR und der BRRRD auf der Grundlage des internationalen Völkerrechts und der Moskauer Verträge von 1970« monologisierte, was letztlich doch wie eine Kriegsdrohung klang.
Politik war nicht nur Männersache, sie war auch Staatsangelegenheit kaum weniger als zu Zeiten des alten Konsul Buddenbrook, jedenfalls hohe Diplomatie auch für jene Pressevertreter, die ihr Ohr immer am Puls des amtlichen Geschehens hatten. Es ging um Ost und West, Krieg und Frieden, Freiheit und Kommunismus. Ernste Gesichter, schwer wiegende Entscheidungen, böse Weltlage.
Nichts für Frauen.
1968 war zwar schon lang vorbei, doch die Frauen waren noch mit alternativen Methoden der Schwangerschaftsverhütung, mit sanfter Hausgeburt und den vielfältigen Versuchen beschäftigt, ihre wechselnden »Beziehungskisten« überhaupt mit einer beruflichen Karriere zu vereinbaren - mit den unübersehbaren Konsequenzen jenes »kleinen Unterschieds« also, den Alice Schwarzer festgestellt hatte, bevor auch sie ihre Talkshow erhielt.
So mussten die Zuschauerinnen vorerst weiterhin ohnmächtig zusehen, wie Claus Hinrich Casdorff und Rudolf Rohlinger, das Duo des investigativen Schreckens im deutschen Fernsehen, schwitzende Spitzenpolitiker ins lispelnde Kreuzverhör nahmen - zwei Kollegen, die bei RTL heute rein optisch allenfalls als Hauspförtner eine adäquate Anstellung finden könnten. Auch die »Elefantenrunden« vor und nach den Wahlen waren meist so erfrischend wie ein Bootsstreit beim Vatertagsausflug - da war die Nation schon nachhaltig irritiert, als die Grüne Jutta Ditfurth im Bundestagswahlkampf 1987 dem damaligen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß live mächtig einheizte.
Es waren jene alten Zeiten, da der ewig mürrische SPD-Fraktionschef Herbert Wehner den ARD-Reporter Ernst Dieter Lueg wegen einer nicht genehmen Frage schon mal wutschnaubend als »Herr Lüg!« anblaffte.
Zwei Jahrzehnte später sitzt Marietta Slomka, 32, in ihrer Lieblingsbar am Prenzlauer Berg, trinkt trockenen Weißwein, löffelt ein Süppchen und antwortet auf die Frage nach etwaigen Autoritätsproblemen mit Kanzlern und Ministern einfach nur: »Nee«.
Seit Januar 2001 moderiert sie, ohne das übliche »Ticket« irgendeiner Partei, das »heute-journal« im ZDF - eine blonde Schönheit mit klaren blauen Augen, die vielen am Bildschirm streng, ja kühl erscheint. Ist sie am Ende doch nur ein Nachrichten-Luder, eine eiskalte Teleprompter-Puppe? Von wegen. Eine wunderbare Frau.
Ihre kurzen, zu Beginn fast flapsigen Sätze haben hier und da für Stirnrunzeln gesorgt, zumal die gesetzte ZDF-Gemeinde sich längst an die verschlungen-girlandenhaften Formulierungen des Kollegen Wolf von Lojewski gewöhnt hatte, der selbst bei schlimmsten Ereignissen eine semantischemotionale Pufferzone etabliert. Doch längst singen alle das Lob der neuen Ladypower.
Marietta Slomka kommt direkt, fast unvermittelt zur Sache. Ihre Sätze perlen mineralwasserklar hin zu jenem Punkt, an dem der Korrespondentenbericht aus Kabul oder Washington einsetzt. Dabei ist ihre Mimik, wenn es denn zur Riester-Rente passt, auch mal spöttisch, manchmal mit einem Anflug von Keckheit.
Unerschrockenheit, Ironie und Lebenslust zeigt sie auch jenseits des »heute«-Studios auf dem Mainzer Lerchenberg. »Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind«, lautete ihr Taufspruch aus dem Alten Testament, Sprüche Salomos 31,8 - so wusste sie schon früh, dass sie Journalistin werden wollte.
Doch auch sie teilt die typische Prägung jener Generation, die in den späten Achtzigern erwachsen wurde: keine Lust auf Gruppenzwang, keine Lust auf politische Ideologien. Marietta Slomka ging sogar noch weiter. Auf dem Schulhof stritt sie - Veteranen der Friedensbewegung werden es nicht fassen - für den Nato-Doppelbeschluss und gegen mainstreamiges »Gutmenschentum«. Als im November 1989 die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam, freute sie sich: »Das war doch Klasse!«
Eine sublime Form ihrer zivilen Kampfeslust trainiert Slomka, die erst 1998 als Hauptstadt-Wirtschaftskorrespondentin zum ZDF kam, in den Fünf-Minuten-Interviews des »heute-journals": »Akute Gegnerschaft mit kritischer Grundhaltung« lautet die Parole, ein durchaus sportiver Imperativ. Journalismus, der immer wieder »Glücksgefühle« hervorruft, heißt für sie, »auf gleicher Augenhöhe zu arbeiten, aber nicht als von Talkshow zu Talkshow reisende Selbstdarstellerin«.
Da geht sie lieber segeln.
»Aber klar, man will nicht gerne verlieren«, sagt die rheinische Protestantin. Rudolf Scharping kommt ihr da so recht wie Friedrich Merz. Dann wird der Gesprächspartner schon mal sachte »gezwirbelt« - es wird »zwischen den Zeilen geschossen« und ein wenig »in der Wunde gestochert«. Zur akribischen Vorbereitung skizziert sie ein »Entscheidungsbäumchen«, das optional die denkbaren Frage/Antwortvariationen aufzeigt. So treibt man auch alte Hasen mal in die Enge. Rein argumentativ, versteht sich.
Weniger Welterklärung, mehr Äste am Entscheidungsbäumchen - das scheint die geheime Losung der glorreichen Fünf. Und es werden immer mehr: Vergangene Woche stieß wieder Ex-»Tagesthemen«-Moderatorin Gabi Bauer, 39, dazu. Der erste Gast ihrer neuen, zweiwöchentlichen ARD-Talkshow, Innenminister Otto Schily, machte sich, trotz hartnäckiger Zwischenfragen, gar nicht schlecht - zweifelhaft blieb allerdings, ob die auf lustig getrimmten Einspielfilmchen à la »High Noon« und »Der 7. Sinn« samt anderem multimedialen Schnickschnack der Wahrheitsfindung dienen.
Wie auch immer, bald wird es heißen: »Die glorreichen Sieben«. Und kein Ende in Sicht. »Nennen Sie es meinetwegen eine Seuche oder eine Schwemme, bitte schön«, sagt Maybrit Illner lachend. »Doch es gab ja wohl einen großen Nachholbedarf. Frauen dürfen seit einiger Zeit, man glaubt es kaum, sogar von der Börse berichten.«
»Aber es ist keine Frage von Frau oder Mann, sondern eine Sache der Generation«, beharrt Sandra Maischberger, 35, immerhin »Medienfrau des Jahres 2001«. Viermal pro Woche lädt sie Gäste aus Politik, Sport und Showbiz in ihre etwa zehn Quadratmeter kleine Studio-Kemenate, um ihnen nicht nur körperlich, sondern auch investigativ zu Leibe zu rücken - vergangenen Dienstag zum Beispiel fragte sie den schweigsamen Hackl Schorsch: »Jetzt sagen Sie mal, aber jodeln können Sie doch?«
Ob Helmut Kohl, Helge Schneider oder der Hackl Schorsch - stets begegnet die preisgekrönte Interviewerin ihren Gesprächspartnern mit jener charakteristischen Mischung aus freundlicher Fairness und konzentrierter Hartnäckigkeit, die ohne den Grundton journalistischer Schlaumeierei auskommt, ohne die Überzeugungsmoral einstiger Fernsehprediger.
Im Interview mit dem Berliner »Tagesspiegel« trieb der »Fragen-Vampir« mit dem Mona-Lisa-Lächeln den journalistischen Vorzug politischer Unvoreingenommenheit auf die Spitze: »Ich bin durch und durch meinungslos«, behauptete sie da. Das klang zu schön, um wahr zu sein.
Zur Rede gestellt, lacht sie auf.
Dennoch passt da viel zusammen: Die jungen pragmatischen Moderatorinnen, denen unerschrockenes Nachfragen wichtiger ist als politisch-moralische Bekenntnisse; das Fernsehen in der Mediendemokratie, in der die Ereignisse Tag für Tag, manchmal Stunde für Stunde »in the Making serviert werden« - und Politiker, die »eher Getriebene sind als souveräne Selbstdarsteller, die angeblich allen was vormachen können«, wie Maybrit Illner sagt. »Die Zuschauer lernen doch dauernd, das zu durchschauen.«
Am tiefsten Grunde dieser neuen medialen Transparenz liegt eine schlichte Wahrheit, die auszusprechen Frauen wie Maybrit Illner leichter fallen mag als manch Altvorderen der Branche - selbst im Jahr der Bundestagswahl: »Der politische Fernsehkonsument sieht doch, dass die alten Lagerfeindschaften zerstoben sind. Die großen Unterschiede zwischen den Parteien gibt es nicht mehr - und auch nicht mehr diesen tiefen Hass, das Martialische.«
Einen schönen Trost immerhin für CSU-Generalsekretär Goppel und andere, von der neuen Frauenpower gebremste Wahlkämpfer hält Sandra Maischberger bereit. Sie prophezeit einen kulturellen »Backlash": »Die Zeit der jungen Männer kommt.«
Doch davon wollen wir vorerst gar nichts wissen.