KOSOVO Die Spur der Roten Adler
Ein Foto des Papstes und das Porträt eines albanischen Freiheitskämpfers sind der einzige Wandschmuck im Einsatzstab der Freischärler, die sich gleich neben der Feuerwehrstation von Gnjilane einquartiert haben. »Wir sind Humanisten und Patrioten«, sagt einer der Kommandanten in schwarzer Lederjacke und kurz geschorenem Haar, »unsere Namen tun nichts zur Sache.«
Die jüngste Guerrillatruppe im Kosovo, die im südserbischen Grenzgebiet operierende »Befreiungsarmee Presevo, Medvedja und Bujanovac« mit dem Kürzel UÇPMB, sucht sich abzuschirmen. Denn nicht nur serbische Sicherheitskräfte sind hinter diesen »albanischen Terroristen« her. Auch die in der Balkanprovinz stationierte Kfor-Friedenstruppe bemüht sich, Infiltrationen der Guerrilleros über die demilitarisierte Pufferzone hinweg in das vorwiegend von Albanern bewohnte südserbische Presevo-Tal zu unterbinden. Dort waren vorletzte Woche bei einem Angriff der Untergrundkämpfer vier serbische Polizisten getötet worden - Menetekel für das nach wie vor brisante Konfliktpotenzial einer noch lange nicht befriedeten Krisenregion.
»Wir wollen unsere Brüder befreien«, sagt der etwa 60-jährige Wortführer des Einsatzstabs, »mit den Serben können wir nicht länger zusammenleben.« Etwa 70 000 Albaner gibt es noch jenseits der administrativen Grenze im südserbischen Hügelland. Die UÇPMB will die Abspaltung dieser Exklave und deren Eingliederung in ein später einmal unabhängiges Kosovo erzwingen. Doch völkerrechtlich gehört die Provinz noch immer zum Bundesstaat Jugoslawien, und auch der Westen ist bislang lediglich bereit, den Albanern Kosovos eine »substanzielle Autonomie« zuzugestehen. Mehr nicht.
Die Freischärler der Befreiungsfront, eine Soldateska von rund tausend Mann, schert das alles nicht. Sie sehen sich selbst als autonome »Verteidigungskräfte« im Südwesten Serbiens, deren Führer sich lediglich im Kosovo-Exil vor serbischen Racheakten verstecken.
Bereits Wochen vor der jüngsten Zuspitzung der Krise, so berichtet der aus dem Grenzdorf Veliki Trnovac geflohene Albaner Haliti, hätten Vorauskommandos der Guerrilla die Bevölkerung in den albanischen Dörfern aufgefordert: »Verlasst eure Häuser, es wird Krieg geben.«
Haliti packte seine Familie ins Auto und wollte nach Mazedonien fliehen. Doch serbische Sicherheitskräfte schickten ihn zurück, wohl aus Angst, Bilder von albanischen Flüchtlingstrecks könnten erneut einen Aufschrei der Empörung im Westen provozieren. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass seit Beginn der Krise mehr als 4000 Albaner die Region verlassen haben. Anfang voriger Woche waren die Busse vollgepfropft auch mit serbischen Flüchtlingen, denn durch Bujanovac und Presevo rollten serbische Panzer. Eine Freischärlerliste »Südserbischer Widerstand« warb Freiwillige für den bevorstehenden Kampf.
Dann erschien Jugoslawiens Präsident, der das Wiener OSZE-Treffen vorzeitig verlassen hatte, selbst am Krisenherd: Der Demokrat Vojislav Kostunica gilt als »feuriger Nationalist«, und deshalb warteten vor der Polizeistation von Bujanovac die Milizen darauf, den neuen Herrscher demonstrativ an die »Frontlinie zu den Terroristen« zu eskortieren.
Doch die Präsidentenvisite verlief für die nationalistischen Hardliner enttäuschend, Kostunica ließ sich von den Falken nicht einfangen. Zwar müssten die Anschläge der Albaner unbedingt aufhören, forderte der Staatschef in finsterer Nacht und bei eisiger Kälte in seiner Rede vor den tausend noch verbliebenen Bürgern von Bujanovac. Aber zu einem Krieg werde man es nicht kommen lassen.
Der demokratische Erbe des Belgrader Despoten Milosevic ist für die Albaner, die sich schon sicher auf der Straße zur Unabhängigkeit wähnten, nachgerade unheimlich. »Kostunica ist ein Kriegsverbrecher, schlimmer noch als Milosevic«, schäumt der UÇPMB-Stabschef von Gnjilane, »der Mann hat zwei Gesichter: ein Engelsprofil für den Westen und eine großserbische Fratze fürs Kosovo.«
Auch Sylmani Aliu, Chefredakteur der auflagenstärksten Kosovo-Zeitung »Bota Sot«, sieht in Kostunica einen »Kriegsverbrecher«, der sich in Bosnien und im Kosovo seinerzeit mit serbischen Freischärlerbanden gemein gemacht habe. Doch mittlerweile würden die serbischen Mörder vom Westen »geschützt«, weil der das strategische Ziel verfolge, auf dem Balkan ein Reich der Südslawen wieder aufzubauen.
Mehr noch beunruhigt Aliu indes die Toleranz der internationalen Gemeinschaft und des Uno-Verwalters Bernard Kouchner gegenüber jenen albanischen Extremisten, die von Tirana aus gesteuert würden. Diese »Adjutanten des Teufels« erhielten von 374 Geheimdienstbeamten der vormals stalinistischen Zitadelle Albanien ihre Anweisungen und suchten den demokratischen Neuaufbau Kosovos mit Terror und Attentaten zu blockieren.
Eines der mutmaßlichen Opfer war am vorvergangenen Donnerstag Xhmail Mustafa, 46, Chefberater des gemäßigten Al-
banerführers Ibrahim Rugova und einer der fähigsten Köpfe der Demokratischen Liga (LDK). Mustafa wurde am helllichten Tag vor seinem Haus in Pristina umgebracht. 1999 war Rugovas Mitarbeiter Enver Malloqu erschossen worden. In beiden Fällen seien die Ermordeten eine Woche zuvor von einer albanischen Zeitung attackiert worden, sagt Aliu und vermutet: »Rugovas Mitarbeiter sollen in Panik geraten, ihn allein lassen.«
Bei der Suche nach den Tätern und Unruhestiftern führen die Spuren in das Camp um den vormaligen UÇK-Guerrillaführer Hashim Thaçi, einem Konfidenten Albaniens. Dessen extremistische PDK-Partei hatte bei den Kommunalwahlen im Oktober gegen die LDK des Pazifisten Rugova eine schwere Schlappe erlitten.
Vergangene Woche bedrohten maskierte Männer die Frau eines Bodyguards von Rugova mit dem Messer. Albanische Zeitungen berichteten über ein geplantes Attentat auf Kosovos Ex-Premier Bujar Bukoshi, dahinter stehe die UÇK. Eine Organisation »Roter Adler« kündigte dem Chefredakteur Aliu die Ermordung aller gewählten Bürgermeister aus der Demokratischen Liga an, sollten diese sich gegen einen Stellvertreter aus der Thaçi-Partei sperren. Auch Aliu erhält Morddrohungen, »man will mir sogar noch vor dem Tod die Augen auskratzen«.
Am vergangenen Freitag hatte das US-Institut für zwischenethnische Fragen die Albanerführer aller Balkanländer zu einem Treffen nach Athen eingeladen. Diskutiert werden sollte über die Zukunft der albanischen Nation.
Beim UÇPMB-Stab in Gnjilane, dessen Kämpfer nur wenige hundert Meter neben den Kfor-Posten nach einstündigem Waldmarsch ins benachbarte Serbien einsickern, stehen solche patriotischen Planspiele nicht hoch im Kurs. »Das Kosovo reicht bis nach Nis«, sagt der Stabschef, »wir sind bereit.« RENATE FLOTTAU
* Vorigen Montag beim Besuch in Bujanovac.