Doller Brummer - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Doller Brummer

Bremens SPD-Polizeichef kungelte mit der CDU gegen die eigene Partei -- und stürzte darüber.
• aus DER SPIEGEL 35/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Abends, gegen halb neun, klingelte bei Erich von Bock und Polach, Sozialdemokrat und Polizeipräsident von Bremen, das Telephon. Am Apparat war Werner-Joachim Siegerist von der CDU, einst »Bild«-Reporter und nun als PR-Mann in der Union tätig. Siegerist: Ich hoffe, ich habe Sie noch nicht aus den Bett getrommelt. Von Bock: Nein, nein.

Siegerist: Kann man nicht wissen, Sie leben jetzt ja gesund.

Von Bock: Ich bin gerade dabei, meinen Garten zu sprengen.

Siegerist: Ach so, na ja, das ist das Richtige. Herr von Bock, Mensch, ich habe mir noch mal das Gespräch von neulich doch gewaltig durch den Kopf gehen lassen ... Da steckt natürlich unheimlich viel Brisanz drin, und man kann mit diesem Ding ja doch erreichen, das was wir uns vorgestellt haben, daß man die Linksradikalen in Bremen damit kleinbekommt. Und nun ist also uns noch nicht ganz klar, wie man also taktisch ganz klug bei diesem Ding fährt.

Von Bock: »Ja, also, passen Sie mal auf, also erst mal möchte ich ja gerne einigermaßen ungeschoren rauskommen, nicht?

In dem »Ding«, das an diesem Abend, es war der 4. August, zur Sprache kam, steckte in der Tat »viel Brisanz«. Nur ging die Ladung nach hinten los: Das Telephon-Komplott wurde am Donnerstag vergangener Woche an Hand einer Niederschrift im bremischen Parlament verlesen, und das Resultat war nicht eine Abfuhr für Linksradikale, sondern der Abgang des rechten Sozialdemokraten von Bock und Polach -- der Polizeipräsident, der auf der Parlamentstribüne saß, erlebte seine »öffentliche Hinrichtung«, so Bremens Regierungschef Hans Koschnick (SPD).

Von Bock, seit 24 Jahren Chef-Polizist in Bremen und einer der umstrittensten Polizeipräsidenten der Bundesrepublik, mochte zunächst seinen Ohren nicht trauen und rief: »Das stimmt ja alles nicht!« Doch als er merkte, daß es sehr wohl stimmte, stahl er sich davon: »Ich gehe jetzt zum Arzt.«

Die CDU, deren Siegerist beim Telephongespräch mit Bock heimlich eine Stenorette hatte mitlaufen lassen, ließ den Sozi hochgehen und nahm dafür den Ruch in Kauf, in der Telephonaffäre gesetzwidrig gehandelt zu haben -- Telephonmitschnitte sind verboten.

Der Eklat kam fünf Wochen vor der Wahl, inszeniert von der CDU, die zum erstenmal seit Jahrzehnten meinte, einen Wahlknüller präsentieren zu können. Die notorisch schwache Bremen-Union, der es sowohl an Köpfen wie an Wählern mangelt, erhoffte sich Spätwirkung aus der Frühphase der BM-Verfolgung.

Der Fall datiert vom 10. Februar 1971, als Fahnder bei dem katholischen Pfarrer Kurt Kaiser, der die Baader-Meinhofs begünstigt haben soll, Namen und Telephonnummer des Bremer SPD-Senatsdirektors Dr. Waldemar Klischies entdeckten. Siegerist erfuhr davon und befragte Kaiser wie Klischies. Der Geistliche, auch vom stellvertretenden Bremer SPD-Fraktionsvorsitzenden Horst-Werner Franke telephonisch um Auskunft über den Ursprung der Namensnotiz gebeten, erklärte an Eides Statt, die Eintragung sei bereits drei Jahre zuvor geschehen, im Zusammenhang mit einer Hilfsaktion für jüdische Polen-Emigranten. Gleichwohl drängte die um ihr Ansehen besorgte SPD ihren Klischies aus der Schußlinie in den Ruhestand.

Obwohl Bundeskriminalamt wie Generalbundesanwalt das Gespräch Franke/Kaiser mitgehört und keine Hinweise auf Straftaten festgestellt hatten, setzte die CDU nun die Version in Umlauf, SPD-Franke habe den BM-Herbergspater Kaiser zu einer falschen Erklärung über die Telephonnummer von Klischies »angestiftet«. Sie stützte sich dabei, nur zu gern, auf Einflüsterungen des rechten Sozialdemokraten von Bock und Polach, der sich schon des öfteren ins Zwielicht gebracht hatte.

So wurde der adlige Polizist, der sein Handwerk auf der Davidswache in Hamburg St. Pauli erlernte, 1960 wegen einer Leihwagen-Affäre vorübergehend seines Amtes enthoben. Acht Jahre später, in Bremen protestierten Schüler und Arbeiter gegen eine Erhöhung der Straßenbahntarife, erwarb er zweifelhaften Ruf als Haudegen. Erst ließ er Demonstranten jagen und einkreisen, dann niederknüppeln, gemäß der Bock-Devise: »Draufhauen, nachsetzen«.

Auch 1971, als SPD-Klischies gehen mußte, setzte von Bock und Polach nach; denn Klischies war es gewesen, der die von Bock eher militärisch getrimmte Bremer Polizei reformieren und die Beamten lieber mit Demonstranten reden denn raufen lassen wollte. Schon damals forderten Bremer Genossen von ihrer Parteispitze, den Polizeipräsidenten fallenzulassen, aber Regierungschef Koschnick gewährte noch volle Deckung: »Wenn das durchgeht, trete ich zurück.«

Der so auffällig geschonte Polizist dankte seiner Partei, indem er der Union auf die Sprünge und jene politische Zuspitzung vorbereiten half, die Bremens SPD-Chef Henning Scherf letzte Woche als »hinterfotzige Provinzposse« bezeichnete.

In diesem Spiel mit bösen Buben ließ sich CDU-Siegerist vom Sozialdemokraten von Bock -- mal mündlich im Polizeipräsidium, mal fernmündlich aus dessen Wohnung -- Strafwürdiges oder vermeintlich Strafwürdiges stecken. Da war die Rede von Frankes angeblicher Anstiftung zur eidesstattlichen Lüge in Sachen Baader-Meinhof. von der widerrechtlichen Nutzung eines abgehörten Telephonats durch die Polizei und von den vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten Koschnicks, Beweismaterial sogar beim Bundeskriminalamt »verschwinden zu lassen«. Von Bock: »Da habe ich Ihnen einen dollen Brummer ins Ohr gesetzt, was?«

Antwortete Gesprächspartner Siegerist laut Mitschrift: »Ja, das kann ich Ihnen sagen, da haben Sie mich ordentlich mit verrückt gemacht. Da ist die Klischies-Geschichte noch gar nichts gegen.«

Die Tonbandniederschrift verzeichnete an dieser Stelle: »Lachen auf beiden Seiten.«

Das verging dem Polizeichef, als er am Donnerstag letzter Woche nichtsahnend auf der Zuschauertribüne des Parlaments saß und gewahr wurde, was die CDU meinte, als sie der SPD einen »großangelegten Vertuschungsskandal« à la »Wienand, Guillaume und BM« zur Last zu legen suchte. Nun konnte auch Bürgermeister Koschnick seinen Polizeichef nicht mehr halten: »Der ist weg.«

Der ihn ins Bockshorn jagte, CDU-Siegerist, rechtfertigte die Informanten-Preisgabe mit dem Argument, das »Ansehen unseres Rechtsstaates« sei ihm wichtiger erschienen »als eine private Einzelbeziehung«. Gesprächspartner von Bock, realistischer: »Er hat mich in eine Falle locken wollen, dieses Schwein.«

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