Eindeutig verrückt - DER SPIEGEL
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Iran Eindeutig verrückt

Der persische Mullahstaat ist bisher der einzige Gewinner der Golfkrise.
• aus DER SPIEGEL 38/1990
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Die Gastgeber zeigten sich nicht gerade von ihrer freundlichsten Seite. 20 Minuten mußte Iraks Außenminister Tarik Asis nach der Landung seiner Regierungs-Boeing auf dem Teheraner Flughafen Mehrabad ausharren, bevor er endlich aussteigen durfte.

Doch statt eines protokollgerechten Empfangs im Sondergastraum des Airports verfrachtete ein Regierungsbeamter den Iraker in ein Auto und fuhr ihn in die Stadt.

Nicht eine einzige irakische Fahne, beklagte die Delegation nach ihrer Rückkehr in Bagdad, sei zu Ehren der Besucher aufgezogen worden.

Außenminister Asis, sonst in Protokollfragen äußerst pingelig und statusbewußt, ließ die demütigende Behandlung ungerührt über sich ergehen. Schließlich war er - als erster Bagdader Politiker seit Ausbruch des iranisch-irakischen Golfkrieges im September 1980 - vorletztes Wochenende als Bittsteller nach Teheran gekommen.

Seine Mission war heikel: Im Auftrag seines Präsidenten Saddam Hussein suchte Asis ausgerechnet beim bisherigen Todfeind um Beistand und Hilfe gegen die weltweite Wirtschaftsblockade, welcher der Irak nach dem Überfall auf das Emirat Kuweit ausgesetzt ist.

Seinen 24-Stunden-Besuch wertete Asis selber als »vollen politischen Erfolg«. Der Mullahstaat erklärte sich bereit, die abgebrochenen diplomatischen Beziehungen mit dem Irak wiederaufzunehmen. Mehr erreichte Asis nicht. Dafür verschaffte er durch seinen Bittgang dem iranischen Erzfeind einen innenpolitischen wie propagandistischen Erfolg, der den Teheraner Machthabern bis vor kurzem noch unvorstellbar sein mußte. Der Mullahstaat ist bislang einziger Gewinner der Golfkrise.

Denn: Um seinen Außenminister überhaupt nach Teheran schicken zu dürfen, mußte Saddam Hussein knallharte Vorleistungen erbringen, die in _(* Vor Porträts von Ajatollah Chamenei ) _(und dessen Vorgänger Chomeini. ) Teheran diktiert und vom zunehmend isolierten Diktator am Tigris »widerwillig, aber gehorsam« (ein irakischer Regierungsbeamter) erfüllt wurden.

So zogen sich irakische Truppen auf Befehl Saddams aus den immer noch besetzten iranischen Gebieten zurück - sie hielten noch bis vor kurzem 2500 Quadratkilometer persisches Territorium okkupiert. Außerdem durften die meisten der etwa 50 000 iranischen Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurückkehren. Im Gegenzug lassen die Perser ihre irakischen Gefangenen frei, der Austausch soll demnächst abgeschlossen werden.

Diese ebenso weitreichenden wie demütigenden Konzessionen Bagdads, von den staatlich gelenkten iranischen Medien flugs zum »Triumph der islamischen Revolution« und zur »Schmach des irakischen Satans« hochgejubelt, stärken vor allem die Rolle des iranischen Staatspräsidenten Haschemi Rafsandschani, 56. Der Sproß reicher Pistazienbauern führt den liberalen und pragmatischen Flügel der persischen Mullahkratie.

Seit dem Tod des vom Volk vergötterten Revolutionsführers Ajatollah Chomeini im Juni 1989 versucht Rafsandschani behutsam, die selbstgewählte Isolation des schiitischen Gottesstaates allmählich aufzubrechen und vor allem dem von Chomeini so verteufelten Westen politisch näherzurücken. Die Öffnung will der Staatschef aus praktischen Überlegungen, denn der Iran ist durch den achtjährigen Golfkrieg wirtschaftlich ausgeblutet, die Not im 53-Millionen-Volk größer als zu Zeiten des verhaßten Schahs. Ohne Investitionen aus dem Westen geht nichts mehr.

Eine einflußreiche Gruppe von Zeloten, angeführt vom ehemaligen Innenminister Ali Akbar Mohtaschemi und dem Chomeini-Sohn Ahmed, bekämpft Rafsandschani und seine »verwerfliche« Politik. Die Fundamentalisten stellen immer noch die Mehrheit im Teheraner Parlament und sitzen auf wichtigen Regierungsposten.

Hilflos mußten die radikalen Rafsandschani-Widersacher nun miterleben, wie der Staatschef durch die spektakulären Unterwerfungsgesten Saddam Husseins, der durch seinen Rückzug den Iran nachträglich zum Gewinner des Golfkriegs machte, jäh an Popularität zulegte.

Doch der gewiefte Taktierer weiß genau, daß ihn Volkes Zorn und die Rache der Fundamentalisten schnell wieder einholen können: dann nämlich, wenn er, wie von Bagdad erhofft, die weltweite Blockade durchbricht und dem Irak überleben hilft.

Ex-Innenminister Mohtaschemi ermahnte ihn, Bagdad in der Golfkrise keineswegs zu unterstützen, denn: »Niemand darf Saddam trauen. Seine Unterschrift ist nicht mehr wert als die eines bankrotten Scheckbetrügers.«

Chomeini-Sohn Ahmed drohte Rafsandschani im Falle wirtschaftlicher Hilfe für den Irak sogar mit einem Aufstand der Massen. Der Filius zu heimgekehrten Kriegsgefangenen: »Niemand wird je vergessen, daß Saddam Hussein der größte Feind des Iran ist und daß seine Hände mit dem Blut Hunderttausender Iraner besudelt sind.«

Als vergangenen Mittwoch Chomeini-Nachfolger Ali Chamenei wie schon zuvor Saddam Hussein zum Heiligen Krieg gegen die weit über hunderttausend Amerikaner aufrief, die in Saudi-Arabien stationiert sind und somit - schlimmster Frevel für fromme Moslems - als Nichtgläubige die heiligen Stätten in Mekka und Medina bewachen, schien es manchen westlichen Beobachtern, als hätte sich der Iran bereits auf die irakische Seite geschlagen.

Doch den Aufruf zum Heiligen Krieg erließ Chamenei, der Rafsandschani näher steht als den Hardlinern, in Abstimmung mit dem Staatschef - der Andersgläubigen so dramatisch klingende Appell war nichts weiter als ein in der islamischen Geschichte schon oft eingesetzter Propagandatrick, der bei jedem gottesfürchtigen Moslem bestens ankommt, aber keinerlei politische Tragweite hat.

Tatsächlich denkt die Teheraner Führung nicht daran, dem angeschlagenen Bagdader Regime derzeit politische oder wirtschaftliche Hilfestellung zu geben. Zwar versprach Rafsandschani seinem so schäbig behandelten Staatsgast Asis, zu prüfen, ob der Iran dem Nachbarn mal mit Medikamenten und Nahrungsmitteln aushelfen könne. Dies würde ja nicht unter den Bann der Uno fallen. Solche Lieferungen müßten die Iraker allerdings mit Öl bezahlen.

Um jedoch überhaupt eine weitere Annäherung zwischen den beiden Nachbarn zu erreichen, bedarf es, wie Rafsandschani seinem Besucher klarmachte, noch weiterer irakischer Konzessionen. Dann gab der iranische Staatschef dem Iraker einen Forderungskatalog mit auf den Heimweg, der im Bagdader Regierungspalast »Wut und Empörung über die unverschämten Iraner« (so ein irakischer Diplomat) auslöste.

So verlangen die Perser künftig freien Zugang für ihre Pilger zu den irakischen Städten Nadschaf und Kerbela, die zu den bedeutendsten Heiligtümern der Schiiten zählen. Ferner soll der Irak die militärischen Verbände der iranischen Oppositionsgruppe Volksmudschahidin, die an der iranisch-irakischen Grenze stationiert sind und vom Irak unterstützt werden, entwaffnen, verhaften und an Persien ausliefern.

Die massivste Forderung der Teheraner Mullahs versetzte der irakischen Führung schließlich den größten Schock: Der Iran will vom Irak Reparationszahlungen für im Golfkrieg erlittene Schäden in Höhe von 120 Milliarden Dollar. Selbst wenn Saddam die anderen Forderungen der Iraner zähneknirschend erfüllen wollte, spätestens da müßte der Diktator mangels Liquidität passen - er hat selbst Auslandsschulden von knapp 80 Milliarden Dollar.

Die unerfüllbare Forderung soll wohl auch ein Signal an den Westen sein, daß der Iran keineswegs aus der weltweiten Front gegen den Landräuber ausscheren will. Erst vergangene Woche erklärte Teherans Außenminister Ali Akbar Welajati, sein Land werde »auch weiterhin« den irakischen Einmarsch verurteilen.

Rafsandschani weiß nur zu genau, daß er mit einer Parteinahme für Saddam Hussein seine so mühsam angebahnte Annäherung an den Westen mit einem Schlag kaputtmachen würde. Im Umgang besonders mit europäischen Ländern hatte der Staatschef gerade in jüngster Zeit Erfolge aufzuweisen. So ist die EG bereit, die Beziehungen zum Iran wieder zu verbessern.

Sie waren vor zwei Jahren eingefroren worden, nachdem Chomeini gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie einen Todesspruch verhängte, weil dessen Buch »Satanische Verse« blasphemisch sei und die »religiösen Gefühle aller Moslems« verletze. Seither lebt Rushdie im Untergrund, noch immer bedroht von schiitischen Zeloten.

Erst nach der Aufhebung des Todesurteils würde wieder westliches Kapital, auf das der Iran so angewiesen ist, ins Land fließen. Um die fatale »fatwa« - so heißt ein islamisch-religiöses Rechtsgutachten - wieder aus der Welt zu schaffen, bemüht Rafsandschani seit kurzem wohlgesinnte islamische Rechtsgelehrte.

Ein möglicher Ausweg aus dem belastenden Chomeini-Nachlaß zeichnet sich schon ab. Berühmte Theologen in der heiligen Stadt Ghom durchforschen religiöse Schriften nach einer passenden Stelle, ob etwa eine Fatwa nur so lange gilt, wie der fromme Weise, der sie aussprach, lebt. Werden sie fündig - so hofft die Rafsandschani-Fraktion -, wäre das Urteil gegen den Schriftsteller mit dem Tode Chomeinis erloschen.

Eine andere Möglichkeit im Sinne der Teheraner Pragmatiker zeigte vergangene Woche Daud Mussa Pidcock, Anführer der Islamischen Partei Großbritanniens, auf. Seine Partei sei nach Lektüre der umstrittenen »Satanischen Verse« zu dem Urteil gekommen, daß der Autor »eindeutig verrückt« sein müsse. Gegen Geisteskranke aber könne diese Fatwa nicht angewendet werden.

* Vor Porträts von Ajatollah Chamenei und dessen Vorgänger Chomeini.

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