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PHILIPPINEN »Eine Bühne für die Politiker«

Der libysche Vermittler Rajab Azzarouk über Rivalitäten und Versäumnisse bei den Verhandlungen zur Befreiung der Geiseln von Jolo
Von Jürgen Kremb
• aus DER SPIEGEL 37/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Azzarouk, warum mussten die Geiseln so lange in Gefangenschaft ausharren?

Azzarouk: Zunächst einmal: Wir sind nun wohl am Ziel. Auch die letzten Gefangenen von Sipadan werden sehr bald wieder bei ihren Familien sein. Jetzt sollten wir uns zusammensetzen und überlegen, was wir in Zukunft besser machen können.

SPIEGEL: Sie waren also unzufrieden mit den Verhandlungen? Warum?

Azzarouk: Viele Beteiligte waren offenbar weniger an der Sicherheit und der eventuellen Freilassung der Geiseln interessiert als daran, sich bei den Verhandlungen in den Vordergrund zu spielen. Jolo war ihre politische Bühne.

SPIEGEL: Gegen wen richten sich die Vorwürfe? Gegen den Chefunterhändler Roberto Aventajado, von dem es heißt, er wolle der nächste Präsident der Philippinen werden? Gegen den für Jolo zuständigen Gouverneur Abdusakur Tan, der offenbar ein windiger Geschäftemacher ist, oder gegen die Regierungen in Berlin und Paris?

Azzarouk: Ich bin Diplomat und nenne keine Namen. Klar ist jedoch: Beim Versuch, die Geiseln für persönliche Interessen zu nutzen, hat sich keiner der Beteiligten zurückgehalten. Deshalb hat es mehrere Wochen gedauert, bis alle zerstrittenen politischen Lager und alle betroffenen Länder an einem Strang zogen. So etwas darf nicht wieder passieren.

SPIEGEL: Gab es Konflikte zwischen den Unterhändlern Aventajado und Azzarouk?

Azzarouk: Die Zusammenarbeit war eigentlich ganz gut. Nur, die Verhandlungen waren viel zu chaotisch organisiert. Es gab einfach viel zu viele Leute, die sich gefragt oder ungefragt immer wieder einschalteten. Manchmal war gar nicht klar, wer für wen und warum arbeitete. Es dauerte mehr als einen Monat, bis ich alle Trittbrettfahrer neutralisiert hatte.

SPIEGEL: Was war der Hauptfehler der philippinischen Regierung?

Azzarouk: Sie hat getan, was sie konnte. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, wenn die Regierung mit einer Stimme gesprochen hätte. So haben Militär oder Polizei häufig etwas anderes erklärt als der Regierungssprecher.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich in Ihrer Arbeit behindert?

Azzarouk: Manchmal sogar von den Medien. Die Philippinen sind ein demokratisches Land, und selbstverständlich können Informationen nicht einfach unterdrückt werden. Aber ein Teil der Presse führte sich manchmal auf wie im Zoo. In Zamboanga hätte ein vernünftiges Pressezentrum eingerichtet werden müssen mit einem kompetenten Sprecher an der Spitze.

SPIEGEL: Mit welchen Deutschen haben Sie zusammengearbeitet?

Azzarouk: Mit der Berliner Regierung und Botschafter Wolfgang Göttelmann in Manila. Mein Hauptansprechpartner war jedoch die philippinische Regierung.

SPIEGEL: Hatte der frühere deutsche Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer libysche Stellen gebeten, sich an den Verhandlungen zu beteiligen?

Azzarouk: Das stimmt nicht. Herr Schmidbauer hat in keiner Weise zur Lösung dieser Krise beigetragen. Das ist pure Phantasie. Ich wurde von der philippinischen Regierung gebeten, mit den Geiselnehmern zu verhandeln, weil ich in meiner Zeit als Botschafter in Manila gute Kontakte zu den Muslimen in den südlichen Philippinen aufgebaut hatte.

SPIEGEL: Was war das größte Hindernis bei den Verhandlungen mit den Geiselnehmern?

Azzarouk: Anfangs geisterten in den Köpfen der Geiselnehmer politische Forderungen herum, etwa eine Abspaltung der Insel Jolo von den Philippinen. Ich versuchte Commander Robot davon zu überzeugen, dass solche Ideen in einem riesigen Blutbad enden würden. Bis er und seine Kameraden das kapiert hatten, war ziemlich viel Überzeugungsarbeit notwendig.

SPIEGEL: Sie hatten anfänglich gehofft, die Gefangenen könnten auf einen Schlag und innerhalb weniger Wochen nach Hause kommen. Was lief schief?

Azzarouk: Sogar Commander Robot hatte nicht gedacht, dass sich der ganze Prozess über viereinhalb Monate hinziehen würde. Aber er fürchtete stets einen Angriff der Armee, falls sie alle Geiseln zusammen freiließen.

SPIEGEL: Haben Sie den Rebellen der Abu Sayyaf Sicherheitsgarantien gegeben?

Azzarouk: Nein, im Gegenteil. Ich habe Verständnis dafür, dass die Regierung in Manila Recht und Ordnung herstellt. Andererseits hat Präsident Joseph Estrada wohl eingesehen, dass die Einwohner von Jolo mehr wirtschaftliche Unterstützung benötigen.

SPIEGEL: Es heißt allerdings auch, Sie hätten deswegen so gute Kontakte zu den Rebellen, weil Ihre Regierung die Kidnapper mit Waffen versorgt hatte. Stimmt das?

Azzarouk: Das ist blanker Unsinn. Meine Regierung hat schon in den siebziger Jahren das Tripolis-Abkommen ermöglicht, das Frieden für Mindanao brachte. Seither haben wir keine einzige Patrone mehr geliefert.

SPIEGEL: Und wie haben Sie den Kontakt zu Abu Sayyaf aufgenommen?

Azzarouk: Schon der Name ist irreführend. Abu Sayyaf ist eigentlich der Kriegsname des Kämpfers Abdurajak Janjalani, der 1991 eine islamische Widerstandsgruppe gegründet hatte. Er wurde 1998 bei einem Gefecht mit der Polizei getötet. Den Leiter des Zentralkomitees dieser Organisation kenne ich persönlich sehr gut. Hätten wir mit ihm verhandeln können, wäre die Geiselnahme in kürzester Frist beendet gewesen. Aber Commander Robot und seine Kumpel auf Jolo haben den Namen Abu Sayyaf nur benutzt, mit den Zielen haben sie wenig gemeinsam.

SPIEGEL: Robot ist also schlicht ein Lösegelderpresser. Wie viel mussten Sie ihm denn bezahlen?

Azzarouk: Wir zahlen kein Lösegeld. Es geht nur um Entwicklungshilfe für die Region. Wenn die ganze Aktion vorüber ist, wird die Gaddafi-Stiftung Projekte im Werte zwischen 11 und 18 Millionen Dollar bereitstellen. Dabei handelt es sich um Krankenhäuser, Schulen, Bewässerungsanlagen und Straßenbauten. All das wird mit Zutun der philippinischen Regierung organisiert werden und ist strikt auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten.

SPIEGEL: Am Ende dieser Geiselnahme steht Libyen als der große Gewinner da. Staatschef Gaddafi, lange als Drahtzieher des Terrorismus verrufen, wird wohl bald wieder mit westlichen Staatsmännern zusammentreffen. Hatten Sie das erwartet, als Sie den Vermittlungsdienst antraten?

Azzarouk: Meine Rolle als Unterhändler hatte ausschließlich humanitäre Gründe. Im Übrigen: Weltpolitisch war Libyen stets auf Europa ausgerichtet, und weil wir ein Land mit großem wirtschaftlichen Potenzial sind, waren unsere Beziehungen mit Deutschland, Frankreich und Italien relativ normal. Wenn jetzt Missverständnisse ausgeräumt wurden, ist das doch für alle Beteiligten gut. INTERVIEW: JÜRGEN KREMB

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