FEBRUAR 2001 Eiszeit
Es ist ein Jahresanfang, an den sich die klimageplagten Menschen in Russlands fernem Osten noch lange voller Grauen erinnern werden - ein Winter, der ihre Leidensfähigkeit auf eine harte Probe stellt.
Eisige Winde mit bis zu 100 Stundenkilometern peitschen über die mongolische Steppe, bei Temperaturen von minus 40 bis minus 50 Grad. Die Mongolei verwandelt sich in eine Eiswüste. 50 Einheimische sterben in den Schneestürmen. Vielen Kälteopfern müssen die Ärzte abgefrorene Gliedmaßen amputieren. Ärger noch leidet das Vieh. Rund 800 000 Pferde, Ziegen, Schafe und Kamele verenden in der Eiseskälte. »In den letzten 50 Jahren haben wir so etwas nicht erlebt«, klagt der mongolische Rote-Kreuz-Chef Rabdan Samdandobi.
Ebenso dramatisch wie in der Mongolei ist die Lage in Sibirien. In Tschukotka am nordöstlichen
Zipfel Russlands erfrieren und verhungern herdenweise Rentiere. Schulen müssen schließen, weil zwei Meter hohe Schneewehen die Türen blockieren. In der Großstadt Irkutsk fällt in mehreren Stadtvierteln bei minus 50 Grad das Gas aus. Im fernöstlichen Wladiwostok bleiben Stadtteile wochenlang ohne Heizung. Ein Notbehelf aus den Zeiten des Bürgerkriegs von 1918 bis 1920 findet rasch Verbreitung - die Burschuika, ein primitiver Metallofen, der sich mit Holz und Kohle befeuern lässt.
Seinen Namen verdankt das Gerät, das auch in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny zum begehrten Heizkörper avanciert, dem russischen Wort Burschui für Bourgeois. Nur für die Wohlhabenden, spottete der Volksmund zu Revolutionszeiten, sei ein solcher Ofen erschwinglich.
Wer keine Burschuika besitzt in diesen Desastertagen, dem kann es ergehen wie der Rentnerin Jelena Ignatjewa in Nowoschachtinski. Angehörige finden die Frau erfroren im Bett. »Wie in einer Tiefkühltruhe«, sagt ihr Sohn Oleg.
Und während sich in den Wohnungen auf den Tapeten Raureif bildet, macht Wladiwostoks Gouverneur Jewgenij Nasdratenko die Schuldigen namhaft: Im Fernsehen wettert er gegen »junge
Reformer«, die »für den Zerfall des Landes« verantwortlich seien. Der Schwadroneur, umweht von Korruptionsgeruch, verliert auf Drängen von Präsident Wladimir Putin zwar seinen Posten, wird jedoch umgehend zum Chef des staatlichen Fischereikomitees ernannt. Wer den Ruin der russischen Energiewirtschaft zu verantworten hat, das wissen die leidgeprüften Bürger längst: korrupte Altkader, unfähige Verwaltungs- und Scheinreformer mit prallen Auslandskonten.
Selbst als die Mörderkälte schließlich weicht und das Eis in der Frühlingssonne schmilzt, blüht den Sibirjaken neues Leid. Treibende Eismassen bilden Barrieren und stauen die Flüsse auf. Die Armee wirft Bomben auf die eisigen Sperren, um das Schmelzwasser in Fluss zu bringen. Im Mai tritt der Lena-Strom in Jakutien über die Ufer und zerstört mehrere tausend Häuser. Die Regierung verspricht den Betroffenen Hilfe, aber kaum jemand traut den Großmäulern im fernen Moskau.
Kein Wunder, dass die Menschen sich nach den alten Zeiten sehnen. »Die Sowjetmacht«, sagt ein Wladiwostoker mit bitterem Lächeln, »war noch so etwas wie Zivilisation.« UWE KLUSSMANN