Eklige Spiele - DER SPIEGEL
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KINDESMISSBRAUCH Eklige Spiele

Am Beispiel authentischer Fälle gibt ein Polizeipsychologe in einem Buch Tipps, wie Eltern ihre Kinder vor Sextätern schützen können.
Von Hans-Ulrich Stoldt
• aus DER SPIEGEL 47/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das kleine Mädchen im gelben Sommerkleid hat Blumen am Feldesrand gesammelt, als ein Auto neben ihm hält und ein Mann aussteigt. »Die sind für meine Mutti«, sagt Caroline, 6, und hält den Strauß fest in der Hand. »Ja, ja, deine Mutti wird sich freuen«, sagt der Mann und gibt ihr ein Fünf-Mark-Stück: »Da, nimm und kauf dir was.«

Caroline greift erfreut und überrascht zu. »Und morgen bekommst du wieder fünf Mark, wenn wir uns hier wieder sehen«, sagt der Mann. Da rennt das Mädchen davon und lässt den Blumenstrauß liegen.

Am nächsten Tag ist Caroline wieder bei den Feldern. Der Mann auch. Es bleibt nicht die letzte Begegnung.

Der Mann, den Caroline bald »Onkel Norbert« nennt, schleicht sich mit kleinen Geschenken in das Vertrauen des Mädchens ein, und fordert - statt Blumen - nun andere Gegenleistungen: eklige »Spiele«, von denen Caroline ihren Eltern nichts erzählen mag, weil sie ihr peinlich sind und sie ja Geld dafür nimmt, sich also mitschuldig fühlt.

Die Geschichte von Caroline und »Norbert« ist ein wahres Stück fortgesetzter sexueller Gewalt, die der Kriminologe und Psychologe Adolf Gallwitz, 49, von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen aufgeschrieben hat.

Gallwitz und sein Ko-Autor, Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus, haben in ihrem dieser Tage erscheinenden Buch »Kinderfreunde - Kindermörder« erstmals anhand authentischer Fälle Strategien gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder entwickelt**. Dabei stützen sie sich auf Akten von Polizei, Gerichten und Psychiatern sowie Gespräche mit Tätern und Opfern. »Grausame Ereignisse, wie die Morde an Natalie Astner 1996 oder Kim Kerkow 1997, schrecken die Öffentlichkeit immer wieder auf«, sagt Gallwitz, der kürzlich auch die Brandenburger Polizei bei der Fahndung nach dem geflohenen Sexualstraf-täter Frank Schmökel beraten hat. »Das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder ist jedoch viel größer als vermutet.«

Knapp 15 300 Fälle von Kindesmiss- brauch hat im vergangenen Jahr das Bundeskriminalamt in Wiesbaden registriert - »hinter dem Hellfeld der Statistik steht in Wirklichkeit aber ein 10- bis 30-mal größeres Dunkelfeld«, so Gallwitz. Er geht davon aus, dass jedes achte Mädchen und jeder zwölfte Junge mindestens einmal sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist.

Wie agieren Täter, wie reagieren die Opfer und was - vor allem - können verunsicherte Eltern tun, um ihren Kindern derart schreckliche Erfahrungen zu ersparen und sie gegen Gefahren zu wappnen?

Die beiden Experten für Sexualstraftaten versuchen, aus ihrer polizeilichen Praxis heraus diese Fragen zu beantworten und anhand von Fallbeispielen Hinweise zur Prävention zu geben.

Wie können Kinder aufdringliche Attacken im Schwimmbad abwehren? Gleich laut darüber sprechen und auf den Täter weisen. Was, wenn der Sohn schwach in der Schule ist und eine Anzeige lockt - »Biete Nachhilfe für Jungen der zweiten und dritten Klasse«? Warum nur Jungen?, sollten Eltern misstrauisch fragen.

»Sexuelle Übergriffe haben immer eine Vorgeschichte und eine Entwicklung«, sagt Gallwitz, »mit Ausnahme der extrem sel-

tenen fremden Überfallstäter schleichen sich Täter mit großem Geschick und Geduld in das Leben des Kindes ein.«

Es gebe kaum einen anderen Kriminalitätsbereich, in dem so viele falsche Vorstellungen von Delikt, Opfer und Täter vorherrschten. Etwa, dass die Täter meist aus der Unterschicht kämen, Fremde seien, es keine Beziehung zwischen Opfer und Täter gäbe, und man der Gefahr kaum vorbeugen könne.

Dabei geschähen gut 80 Prozent aller Fälle im sozialen Nahbereich, durch Angehörige, Nachbarn, Lehrer, Trainer, Freunde der Familie. Das soziale Umfeld und die Familiensituation beeinflussten zudem maßgeblich die Wahrscheinlichkeit, ob Heranwachsende zu Opfern würden.

Bei der Familie von Caroline hätten die Alarmglocken schrillen müssen, als sie mit immer wertvolleren Geschenken vom »lieben Onkel Norbert« nach Hause kam. Doch der Mann war ein im Ort hoch angesehener Unternehmer, und die Eltern waren stolz darauf, dass ihre Tochter sein Liebling war.

Was die Siebenjährige dafür anstellen musste, dass sie bald mit Fotos und Filmen in einer Mischung aus Angst, Abhängigkeit und Ausgeliefert-Sein gehalten wurde, ahnten die Eltern nicht.

»Täter versuchen, ihre Opfer an der Schuld zu beteiligen, sie zu verstricken«, sagt Gallwitz, »deshalb funktioniert selbst jahrelanger Miss- brauch unentdeckt so lange.« Und sie suchen sich leichte Opfer: emotional unsichere Kinder mit geringem Selbstbewusstsein, aber auch besonders vertrauensvolle oder folgsame Kinder.

Gallwitz und Paulus haben drei Fragenkomplexe ausgearbeitet, um Eltern und Erzieher sensibler für mögliche Gefahren zu machen: Ist Ihr Kind selbständig, welche Gewohnheiten haben sich eingeschliffen, ist es ängstlich, vertrauensselig, erzählt es, was es erlebt?

Eltern sollten sich selbstkritisch fragen, ob sie ausreichend Interesse für Erlebnisse und Gefühle ihrer Kinder aufbringen, genug körperliche Zuwendung geben, auch über Gefahren, Sexualität und Verhalten in unangenehmen Situationen sprechen. »So lassen sich wunde Punkte feststellen«, sagt Gallwitz.

Müssen denn Eltern bei jedem kleinen Familienstress fürchten, ihre Kinder würden nun mögliche Opfer, ist es nicht übertrieben, hinter jeder Kontaktaufnahme Erwachsener einen potenziellen sexuellen Übergriff zu sehen? Den Vorwurf der Panikmache weist Gallwitz zurück: »Wer um die Gefahren weiß, ist weniger gefährdet«, sagt er, »und wenn dadurch nur ein Mord an einer kleinen Kinderseele verhindert wird, ist es ein Erfolg.« HANS-ULRICH STOLDT

* Gedenkzug für die ermordete Natalie Astner am 4. Oktober 1996im oberbayerischen Epfach.** Adolf Gallwitz, Manfred Paulus: »Kinderfreunde -Kindermörder«. Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden; 144Seiten; 29,90 Mark.

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