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»Entscheidungen allein treffen«

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel über das Gerangel um die Kanzlerkandidatur, ihr Verhältnis zu Helmut Kohl und die Einsamkeit von Frauen in Führungsämtern
Von Christoph Schult und Ulrich Deupmann
• aus DER SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Merkel, Alice Schwarzer sieht Sie als Paradebeispiel für die Misere der Frauen in Führungspositionen: trotz demonstrativer Weiblichkeit nur halbe Frau, trotz erkämpfter Männlichkeit nur halber Mann.

Merkel: Ich bin da optimistischer.

SPIEGEL: Warum?

Merkel: Die heutige Generation profitiert schon sehr von der Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre. Spitzenpositionen werden in Zukunft nicht mehr nur im Wettstreit Frauen gegen Männer besetzt, sondern viel stärker über Interessenstrukturen. Und im Übrigen, was meine Biografie angeht: Ich habe mir meinen Weg immer selbst gewählt.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich einsam an der Spitze der CDU?

Merkel: Nein. An der Spitze der CDU muss ich natürlich bestimmte Entscheidungen allein treffen und sie dann auch verantworten. Das ist aber etwas anderes als Einsamkeit. Es ist meine Aufgabe, Menschen von Dingen zu überzeugen, die ich für rich-

tig halte, auch wenn ihnen nicht jeder von vornherein anhängt. Das Gute und manchmal auch Gewagte besteht darin, Mehrheiten für Dinge zu organisieren, bei denen die Mehrheit noch nicht auf der Straße liegt. Das ist oft ein Balanceakt.

SPIEGEL: Haben Sie mit Ihren Vorgängern Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl einmal über die Art der Führung der Partei gesprochen?

Merkel: In einzelnen Fragen schon. Aber man geht ja nicht hin und macht ein theoretisches Seminar. Jeder hat schließlich seinen persönlichen Stil.

SPIEGEL: Kann es nicht gerade spannend sein, voneinander zu lernen?

Merkel: Ich habe beide lange beobachtet, wie sie die Partei geführt haben. Daraus habe ich viel gelernt. Ich bin ja nicht blind und taub.

SPIEGEL: Wie ist denn heute Ihr Verhältnis zu Helmut Kohl?

Merkel: Gut. Entspannt.

SPIEGEL: Hatten Sie manchmal Angst vor dem Einfluss seiner Seilschaften?

Merkel: Ich glaube, mein politischer Weg zeigt, dass ich nicht ängstlich bin. Ich habe heute ein gutes Verhältnis zu ihm und frage ihn auch um Rat.

SPIEGEL: Bis vor drei Jahren lautete das gängigste Etikett für die CDU, sie sei ein »Kanzlerwahlverein«. Ist die Partei jetzt aus dem Schatten des Patriarchen Kohl herausgetreten?

Merkel: Wenn ich sehe, wie schnell sich die SPD in den letzten drei Jahren in einen Kanzlerwahlverein verwandelt hat, dann waren wir dagegen eine sehr lebendige Partei nach 16 Jahren Regierungszeit. Und das war schon eine gewaltige Leistung, wenn man bedenkt, dass Helmut Kohl 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender war.

SPIEGEL: Ist Kohl inzwischen das Denkmal, zu dem Sie ihn machen wollten?

Merkel: Das ist Ihre Formulierung. Helmut Kohl ist in seinen historischen Leistungen in der Partei anerkannt. Das ist sehr wichtig für die Identität der CDU, denn es gibt Zigtausende von Mitgliedern, die ihre politische Leistung eng in der Bindung an Helmut Kohl betrachten. Es wäre völlig falsch, das nicht zu achten. Wo er Fehler gemacht hat, haben wir sie benannt. Und es ist klar, dass die operative Tagespolitik von einer neuen Generation gestaltet wird.

SPIEGEL: An der Schwelle zum Bundestagswahljahr fällt Ihre Partei durch Streit auf - sei es um die Kanzlerkandidatur, sei es um Sachthemen wie die Zuwanderung. Halten Sie die Union für regierungstauglich?

Merkel: Auf jeden Fall. Wenn man einmal historisch auf den Abschnitt zwischen 1998 und 2002 zurückblicken wird, wird man feststellen, wie rasch die CDU aus der Wahlniederlage gelernt und sich programmatisch erneuert hat. Der Parteitag in Dresden war Ausdruck einer neuen Etappe im Leben der CDU. Auch unser Erscheinungsbild ist in vielen Fragen zeitgemäßer geworden.

SPIEGEL: Das ist auch nötig, wenn Sie wieder stärkste Partei werden wollen. Welche Wähler haben Sie besonders im Auge?

Merkel: Beispielsweise die über 60-Jährigen. Die machen mindestens ein Drittel unserer Wähler aus. Unser Bild vom Rentner als Wähler ist an manchen Stellen zu simpel. Man stellt sich da jemanden vor, der sich um seine Rente sorgt und froh ist, dass er zu Hause sitzt. Es gibt aber sehr viele, die mit dem Ruhestand eine ganze neue aktive Lebensphase beginnen. Auch die Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben uns 1998 mehrheitlich nicht gewählt. Das hatte mit manchen Punkten unserer Familienpolitik und des Frauenbildes zu tun, das die CDU vermittelt hat. Wir haben zwar zu Recht über die Rolle der Mutter, der Hausfrau, der ehrenamtlich tätigen Frau gesprochen. Die berufstätige Mutter muss uns andererseits auch viel wert sein. Die hat man bei der CDU aber eher nicht vermutet.

SPIEGEL: Wer eine berufstätige Frau hat, ist also noch kein Linker?

Merkel: Richtig, und wer die Rolle der Hausfrau ehrt, ist dennoch ein Politiker der Mitte.

SPIEGEL: Wie würden Sie denn die politische Mitte in Deutschland definieren?

Merkel: Die politische Mitte ist eine variable Größe, sie verschiebt sich immer wieder. Ich stelle mir die Mitte als einen Punkt vor: Wenn man die Skala rechts und links von diesem Punkt in drei Abschnitte einteilt, müssen wir von dem mittleren Drittel der Wähler den größeren Teil bekommen. Das ist unser Anspruch als Volkspartei der Mitte.

SPIEGEL: Da spricht die Naturwissenschaftlerin. Steht Roland Koch auch für die politische Mitte?

Merkel: Ja, definitiv.

SPIEGEL: Und Edmund Stoiber?

Merkel: Wenn Sie in einem Land wie Bayern über 50 Prozent der Menschen gewinnen, müssen Sie in der Mitte fast alle Wähler überzeugt haben.

SPIEGEL: Aber die politische Mitte Bayerns liegt möglicherweise woanders als im Rest der Republik.

Merkel: Genauso wie die politische Mitte von Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen woanders liegt als die der gesamten Bundesrepublik. Das hängt von den unterschiedlichen Prägungen und Erwartungen ab. Die politische Mitte definieren nicht wir, sondern die Menschen.

SPIEGEL: Hat sie sich seit dem 11. September nach rechts verschoben?

Merkel: Sie hat sich in eine Richtung verschoben, die dem Staat eine höhere Bedeutung beimisst und das Sicherheitsbedürfnis gegenüber der individuellen Freiheit betont. Warum sollte das ein Ruck nach rechts sein? Wir reiben uns jedenfalls die Augen, wie Otto Schily inzwischen unsere Konzepte zur inneren Sicherheit abschreibt. Genauso wird durch die Ergebnisse des Schülertests Pisa plötzlich das Thema Leistung wieder ganz modern. Das hätten viele doch kaum für möglich gehalten.

SPIEGEL: Beim CDU-Parteitag in Dresden war der Beifall der Delegierten immer dann besonders laut, als es um konservative Werte ging.

Merkel: Was ist denn für Sie ein konservativer Wert?

SPIEGEL: Wir meinen etwa den Jubel für die Geschichte, die Edmund Stoiber in Dresden den Delegierten erzählte: dass Gerhard Schröder angeblich einer Gruppe von Christen ein Holzkruzifix zurückgeschickt hat, weil er dafür keinen Platz hatte im Kanzleramt. Stoibers theatralische Empörung bekam den längsten Zwischenapplaus auf dem ganzen Parteitag.

Merkel: Das stimmt, weil er den Finger in eine Wunde gelegt hat. Keine Gesellschaft kann ohne Bezug auf ein kulturelles oder religiöses Fundament auskommen.

SPIEGEL: Dabei stimmte Stoibers Geschichte noch nicht einmal. Aber auch als Sie sich in Ihrer Rede gegen mehr Zuwanderung aussprachen, erhielten Sie mehr Applaus als an der Stelle, wo Sie sagten, ein gewisses Maß an Zuwanderung könne auch sinnvoll sein.

Merkel: Bestimmte Aussagen schaffen Identifikation und sind wichtig für die Seele der Partei. Und doch darf sich die CDU niemals darauf beschränken. Ich habe in meiner Rede auch den Wert von Ehe und Familie betont und trotzdem gesagt: Auch Menschen mit einer gescheiterten Beziehung müssen eine Chance haben. Eine Parteivorsitzende hat nicht die Aufgabe, lediglich eine Rede zu halten, bei der die größten Beifallsstürme zu erwarteten sind. Politische Führung ist mehr. Als Parteivorsitzende kann ich auch ab und an eine Zumutung, die ich für notwendig halte, oder eine Weiterentwicklung verlangen. Interessanterweise ist die Partei dazu bereit - nicht immer enthusiastisch, aber aus Klugheit.

SPIEGEL: Unser Schluss lautet: Die CDU ist konservativer als ihre Vorsitzende.

Merkel: Nein. Es werden oft Bilder gemalt, die meiner Persönlichkeit nur sehr bedingt entsprechen. Viele haben sich nicht vorstellen können, dass ich für die friedliche Nutzung der Kernenergie bin oder dass ich zum Patriotismus und zum Vaterland eine sehr emotionale Beziehung habe - vielleicht aus der Zeit der DDR, als man nicht sagen durfte, dass man Deutscher ist. Da bekomme ich oft zu hören: Das hätten wir bei Ihnen aber nicht erwartet.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich denn Ihr Bild in den Medien? Wenn Schröder müde ist, heißt es, er sei erschöpft. Bei Ihnen heißt es, Sie seien schrecklich müde oder gar überfordert. Roland Koch wird als »Steher« bei politischem Gegenwind gelobt, über Sie heißt es, Sie seien machtversessen.

Merkel: Na ja, das ist ein wenig überzogen. Ich habe aber neulich beispielsweise in der Marinetechnikschule in meinem Wahlkreis in Stralsund mit Soldatinnen und deren Vorgesetzten gesprochen. Die Offiziere sagten, ihre Soldatinnen seien so unglaublich tapfer. Da musste ich schmunzeln, weil das Wort »tapfer« auch in Artikeln über mich auftaucht. Dass Roland Koch »tapfer« sei, habe ich noch nicht gelesen - obwohl er es ist.

SPIEGEL: Frauen an der Macht sind eher eine Ausnahme - überall auf der Welt, auch in Deutschland. Ist die Gesellschaft schon reif für eine Kanzlerin?

Merkel: Im Grundsatz ja. Ähnlichkeiten und Bezüge zu lebenden Personen wären jetzt aber rein zufällig.

SPIEGEL: In nur zwölf Jahren haben Sie rasant Karriere gemacht. Was sagen Sie jemandem, der Ihnen zuruft: »Hör auf zu rennen. Du bist jetzt am Ziel«?

Merkel: Das sagt ja keiner. Ich bin ja kein Hamster im Laufrad.

SPIEGEL: Wir haben gehofft, Sie sagen jetzt, ich bin doch noch gar nicht am Ziel.

Merkel: Na klar, ich lebe doch, und im Übrigen möchte ich am Ende des Jahres 2001 nicht am Ende meines politischen Weges sein.

SPIEGEL: Warum sagen Sie nicht ganz einfach: »Ich will Kanzlerkandidatin werden«? Sie dementieren das ja nicht einmal mehr.

Merkel: Sie hören von mir immer wieder dasselbe: Edmund Stoiber und ich machen Anfang nächsten Jahres einen Vorschlag. Das ist eine Absprache, die den Parteivorsitzenden eine relativ große Verantwortung in die Hand gibt. Ich bin mir dieser Verantwortung durchaus bewusst.

SPIEGEL: Mit welchen Attributen würden Sie das derzeitige Klima in der CDU-Spitze beschreiben?

Merkel: Verantwortungsvolle Gespanntheit. Ich finde, dass seit meinem Amtsantritt als Parteivorsitzende das Gefühl für die Gesamtverantwortung mit der Nähe zum Wahltermin zunimmt - und das Gefühl, wir können gewinnen.

SPIEGEL: Kürzlich sprach sich der saarländische Ministerpräsident Peter Müller in einem Hintergrundgespräch für Stoiber aus. Sie haben ihn gerüffelt, er hat Besserung gelobt. Ist damit ein Ende der Machtkämpfe und Intrigen erreicht?

Merkel: Ich gebe Ihnen eine ganz ernsthafte Antwort: Es hat etwas Zerstörerisches, dass man in der Politik fast nichts mehr sagen kann, ohne dass es öffentlich wird. Bei einem Gespräch zwischen mehr als zwei Personen ist das nahezu ausgeschlossen, und selbst bei einem Vier-Augen-Treffen ist es schon mit Gefahren verbunden. Es zeigt, dass sich viele nicht zutrauen, Weichenstellungen ohne Rückkoppelung mit der Öffentlichkeit zu treffen. Darin besteht - bei allen Schwächen - eine Stärke der Bundesregierung. Bei ihr liest man über ganze Entscheidungsprozesse nichts, bis sie einen gewissen Punkt erreicht haben.

SPIEGEL: Warum schleichen die Mächtigen - gleichgültig in welcher Partei - eigentlich immer so lange umeinander herum, statt sich offen die Meinung zu sagen? Warum sind die Leitwölfe in der direkten Konfrontation oft so konfliktunfähig?

Merkel: Ich glaube nicht, dass die Frage ausgerechnet an mich besonders treffend ist. Mächtige, die nicht über die Fähigkeit zur direkten Auseinandersetzung verfügen, sind keine wirklich Mächtigen.

SPIEGEL: Frau Merkel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Angela Merkels Karriere

1954 Geburt in Hamburg. Weil der Vater eine Pfarrei im Brandenburgischen übernimmt, siedelt die Familie in die DDR über.

1973 bis 1978 Studium der Physik in Leipzig. Anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Institut der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften.

1986 Promotion zum Dr. rer. nat.

1990 Stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung. Eintritt in die CDU. Ab Dezember CDU-Bundestagsabge- ordnete in Bonn.

1991 Ministerin für Frauen und Jugend in der Regierung von Helmut Kohl.

1994 Umweltministerin.

1998 CDU-Generalsekretärin unter dem neuen Parteichef Wolfgang Schäuble.

2000 Im April Wahl zur CDU-Vorsitzenden.

* Mit den Redakteuren Christoph Schult und Ulrich Deupmann in Merkels Berliner Büro.

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