Erleuchtung in Tibet - DER SPIEGEL
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ABGEORDNETE Erleuchtung in Tibet

Ein CDU-Abgeordneter steigt lieber auf Berge als in die Niederungen der Politik.
• aus DER SPIEGEL 8/1981
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Mitten in der steinigen Hochsteppe von Tibet kommt dem CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Abelein eine irre Idee.

Dem in Alpen und Anden geübten Kraxler, der gerade den 8012 Meter hohen Shisha Pangma ("Grat über den Weiden") bezwungen hat, begegnen einige Tibeter zu Pferd und zu Esel.

»Einen Augenblick durchzuckt mich der Gedanke«, erinnert sich der CDU-Professor, 50, voll Wehmut, »mit einem dieser Reiter einfach zu tauschen und wegzureiten zu den blauen Seen und den weißen Bergen. Immer weiter weg, unaufhörlich und nie mehr zurück.«

Der Abgeordnete beließ es beim Zucken: Der Unionsfraktion im Bundestag ist der Einzug eines tibetischen Reiters erspart geblieben, Manfred Abelein aber nicht den Tibetern.

Schuld daran trägt Franz Josef Strauß. Der bayrische Peking-Fan legte vor zwei Jahren bei Teng Hsiao-Ping, Chinas mächtigstem Mann, ein gutes Wort für seinen schwäbischen Unionsfreund ein. Prompt folgte auf das Ping ein Pong: Abelein und acht deutsche Berg-Profis durften vom 25. März bis 23. Mai 1980 durch das bis dahin abgeschirmte zentralasiatische Hochland klettern, als erste europäische Expedition seit Jahrzehnten.

Mit seinen Tibet-Abenteuern mochte Professor Abelein, der an der Uni Regensburg einen Lehrstuhl für Politische S.89 Wissenschaft und Öffentliches Recht hat, nicht hinter dem Berg halten.

In einem prachtvoll bebilderten Erlebnisbericht beschränkt er sich freilich nicht darauf, die Fährnisse am Fels -- siebenmal stürzt er am Shisha Pangma in Gletscherspalten -- zu schildern.

( Manfred Abelein: »Shisha Pangma. Eine ) ( deutsche Tibetexpedition bezwingt den ) ( letzten Achttausender«. Gustav Lübbe ) ( Verlag, Bergisch Gladbach 1980; 216 ) ( Seiten; 48 Mark. )

Der Politik-Wissenschaftler von der Regensburger Fakultät für Geschichte, Gesellschaft und Geographie versucht sich auch an einer »Kleinen Geschichte Tibets«.

Schon früher gab es Zweifel an Abeleins wissenschaftlicher Qualifikation, nun hat die Fachwelt etwas zu lachen.

Professor Dieter Schuh von der Universität Bonn, einer der wenigen deutschen Tibetologen, verhöhnt das Tibet-Traktat: »Das ist alles Mist.« Der christdemokratische Obmann im Auswärtigen Ausschuß des Bundestages hat, so vermutet Schuh, aus »uralten Quellen« abgeschrieben und selbst die »nicht richtig gelesen«.

Dabei hätte sich Weltpolitiker Abelein, der die Chinesen so gern mag, weil sie gegen die Sowjets sind, »in Taschenbüchern, die für dreifuffzig zugänglich sind«, leicht sachkundig machen können, mokiert sich Schuh.

Wieder einmal muß Abelein um seinen Ruf als Forscher und Lehrer fürchten. Wiederholt murrten Studenten in offenen Briefen über die »unzureichende Wahrnehmung seines Lehrdeputats«.

Im November 1979 dann zeigte er sich als ein geistiger Vater der verqueren CSU-These, die Nazis seien eigentlich alle Sozis gewesen: Im »Rheinischen Merkur« ordnete der Politik-Wissenschaftler die NSDAP als eine »genuin linke Bewegung« ein.

Im Wintersemester 1980/81 liest der CDU-Professor in Regensburg nur noch zwei Stunden, freitags von neun bis elf Uhr. Sein Thema ist ein weites Feld: »Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland«. Außerdem offeriert Abelein ein Kolloquium, jedoch nur »nach Vereinbarung«.

Mit seinem Ausflug in die tibetische Geschichte bietet der Eintags-Professor neue Angriffsflächen. »Zahlreiche Peinlichkeiten«, zum Beispiel bei der Darstellung des chinesisch-tibetischen Konflikts im vorigen Jahrhundert, hat der fachkundige Abelein-Kollege Schuh nicht nur im historischen Teil des Bilderbuches entdeckt.

Von Land und Leuten scheint der Tibet-Tourist ebenfalls nicht viel Ahnung zu haben: Zu Abbildungen gleicher Buddha-Figuren »schreibt der jedesmal was anderes« (Schuh). Und er stellt, Glanzleistung des christdemokratischen Luis Trenker, tibetische Butterteemischer vor als »alte Aktenbehälter, in denen Schriftrollen aufbewahrt sind«.

Auch sonst wimmelt das Buch von Erleuchtungen. Er sei nicht dazu gekommen, bedauert Abelein, sich »in der Hektik des Parlamentsbetriebes und des beginnenden Semesters an der Universität« gründlich auf die Expedition im Frühjahr 1980 vorzubereiten. Dann aber dachte der Bergvagabund, wenige Monate vor dem Bundestagswahlkampf, »daß es vielleicht doch der richtige Zeitpunkt war, den Kopf in die kühlen Höhen des Himalaya zu stecken und dabei eventuell auf ein paar neue vernünftige Gedanken zu kommen«!

In Lhasa beobachtete er dann, daß der Dalai-Lama früher in einem ähnlich einfachen Eisenbett nächtigte, wie es auch »Kaiser Franz Joseph in seiner Burg« benutzte. »Die Tibeterinnen«, S.90 fiel ihm auf, »sind immer zum Lachen aufgelegt.«

Andere Vorurteile revidierte der Fernost-Experte der CDU immerhin: »Wir dachten, alle Chinesen seien klein und hätten also auch kleine Füße, was sich aber als gründlicher Irrtum herausstellte.« Auf dem Flughafen von Tschengtu entdeckte er gar, daß auch Chinesen essen müssen: »Das ganze Restaurant war bis zum letzten Platz mit Chinesen gefüllt, die sich offenbar vor ihren Reisen in die verschiedenen Landesteile noch stärkten -- eine äußerst sympathische Gewohnheit.«

Bei all dem Staunen über die bunte, fremde und ferne Welt vergißt Abelein nicht, daß er eigentlich Politiker ist und Philosoph. Angesichts der »unendlichen Weite« Tibets, so löst er ein Hauptproblem der Dritten Welt, »stellt eine Bevölkerungsexplosion sicher kein Problem dar«.

Wer will schon, unbegreiflich, freiwillig aus solch einer Idylle scheiden: »Die Welt war so schön, daß wir nicht verstehen konnten, wie Menschen ihr Glück statt dessen im Nirwana, einer Loslösung von diesem irdischen Dasein und der herrlichen Umgebung suchen.«

Dabei flieht der Verfasser meisterhaft formulierter Stilblüten selbst gern vor dem irdischen Jammertal, hinauf auf die Gipfel des Erdenrunds. Dort sucht er Schutz vor der »überzivilisierten Welt«, dem »überdomestizierten Leben« -- kein Grüner, sondern ein Naturbursch und Wandervogel, kein Aus-, sondern nur ein Bergsteiger.

Auf den Watzmann ist er geklettert, im Winter durch die schwere Ostwand. Von der Hohen Munde im Tiroler Leutaschtal kam er mit einem blauen Auge zurück -- ein Felsstück hatte ihn getroffen.

Die für Bergsteiger obligatorische Große Zinne Nordwand in den Dolomiten bezwang er, in der Schweiz den Piz Badile und den Piz Cengalo. In den Anden schaffte er die Sechstausender Huayna Potosi und Illimani -- dreißig Meter tief rutschte er dort beim Abstieg in eine Gletscherspalte.

Ist gerade kein neuer Berg zur Hand, rennt Abelein fast 90 Kilometer auf Skiern beim Wasa-Lauf mit oder stellt als Co-Pilot einen neuen Rekord für Flugzeuge zwischen drei und sechs Tonnen Gewicht auf: In neun Stunden, 46 Minuten und 45 Sekunden flog er mit einer zweimotorigen Merlin III B nonstop über den Atlantik.

»Fliegen, Bergsteigen und Politik waren für mich immer persönliche Herausforderungen«, erklärt er und fügt hinzu, daß ihm Berg und Flug wichtiger sind als das andere: »Die Politik mit ihrem Primat der Mittelmäßigkeit hat mich da ein wenig enttäuscht.«

Er die Politik auch. Nach der Bundestagswahl mochte die Fraktionsspitze den Scharfmacher Abelein nicht mehr als ihren deutschlandpolitischen Sprecher dulden -- er wurde durch den Berliner CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Lorenz ersetzt.

Für seine plumpe Polemik war der Professor berüchtigt: Der Bundesregierung warf er »Komplizenschaft mit der SED« vor, prangerte den Freikauf von Häftlingen als »anstößigen Sklavenhandel« an und forderte, je öfter, desto lieber, die DDR mit wirtschaftlichen Sanktionen in die Knie zu zwingen.

Das paßt den auf einen sanfteren Kurs erpichten Unionsstrategen nicht mehr ins Konzept. So rennt der »glühende Anwalt einer individuellen Daseinsbewältigung« (Abelein), wann immer möglich, aus seiner Bonner Mittelmäßigkeit davon -- in eine Kameradenwelt, wo ganze Kerle noch gefragt, die letzten Abenteuer zu bestehen sind.

Die »Erstbesteigung« des Achttausenders Shisha Pangma »durch Weiße« -- die Gelben waren schon 1964 oben -- feierte Abelein als »Höhepunkt meiner alpinistischen Karriere«. Der fragwürdige Tibet-Schinken des Professors entstand jedoch nicht nur aus dem Überschwang der Gefühle.

Fein verteilt über die 216 Seiten werden Zeiss-Ferngläser und Sony-Radios, Rei in der Tube und Mercedes-Autos gepriesen -- Dank an viele Sponsoren, die der Expedition auch mit Geld und Gaskochern, Semmelknödeln und Suppen ausgeholfen hatten.

Über die Qualität seines Werkes hat sich Abelein beim Schreiben, seiner S.92 vierten, allerdings noch unbewältigten Herausforderung nach Bergsteigen, Fliegen und Politik, den Kopf nicht zerbrochen. Bevor er, noch in Tibet, den Bart abrasieren ließ, entdeckte er an sich eine »gewisse Ähnlichkeit mit Hemingway«.

S.89Manfred Abelein: »Shisha Pangma. Eine deutsche Tibetexpeditionbezwingt den letzten Achttausender«. Gustav Lübbe Verlag, BergischGladbach 1980; 216 Seiten; 48 Mark.*Tibet-Expedition 1980 (v. l.): Manfred Abelein, Günter Sturm,Wolfgang Schaffert, Siegfried Hupfauer, Manfred Sturm, MichaelDacher, Fritz Zintl.*

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