»Fleisch darf keine Ramschware sein«
SPIEGEL: Die neue deutsche Agrarministerin will die Landwirtschaft umkrempeln und auch Brüssel aufmischen. Haben Sie Angst vor der Dame?
Fischler: Im Gegenteil. Frau Künast ist herzlich willkommen, ich habe ihr auch schon einen Brief geschrieben. Sie rennt bei mir offene Türen ein, wenn sie für den Verbraucher bessere und sichere Lebensmittel will. Aber wir sollten jetzt nicht in einen Wettbewerb der schnellen Konzepte eintreten, sondern ihre Umsetzung in die Realität überprüfen.
SPIEGEL: Wie europatauglich ist der deutsche Aufruf zu mehr Biolandbau?
Fischler: Dazu bietet die EU schon länger Freiräume. Sie wurden von Deutschland bisher nur nicht genutzt.
SPIEGEL: Ein Beispiel, bitte.
Fischler: Wer die Ökolandwirtschaft politisch will, muss sie mit Geldern unterstützen. Wir haben in der Agenda 2000, die auf dem Gipfel in Berlin unter deutscher Präsidentschaft beschlossen wurde, den Mitgliedstaaten die Möglichkeit gegeben, die normalen Prämienzahlungen an Großbetriebe zu kürzen. Das eingesparte Geld aus Brüssel geht dann in Umweltmaßnahmen. Frankreich, Irland und Großbritannien machen davon Gebrauch, Deutschland nicht.
SPIEGEL: Wäre eine allgemeine deutsche Ökolandwirtschaft wettbewerbsfähig?
Fischler: Ich warne vor nationalen Alleingängen, jetzt nur eingleisig zu fahren. Wir leben im exportorientierten Binnenmarkt, und das weiß man auch in Deutschland. Die Bayern produzieren beispielsweise doppelt so viel Rindfleisch, wie sie selbst essen können, da leben viele Bauern vom Export, der sichert auch Arbeitsplätze. Aber die Bioqualität muss ebenfalls ihre Chance kriegen. Wir unterstützen mehr Qualitäts- und Ökosiegel, bessere Etikettierung für den Konsumenten, mehr Transparenz und Produkthaftung.
SPIEGEL: Nach Ansicht vieler Bürger ist die EU-Agrarpolitik nur ein anderes Wort für Subventionswahnsinn.
Fischler: Das gilt sicher bis zum Beginn der neunziger Jahre. Damals gingen rund zwei Drittel des Agrarbudgets in die Finanzierung der Getreideberge und Exportsubventionen. Wir sind aber dabei, dies auf unter zehn Prozent zu drücken. Mit dem Rest fördern wir die einzelnen Bauern direkt.
SPIEGEL: Vorwiegend die Großen. Es geht weiter nach Hektar und Viehzahlen. Die Ökologie ist in der Agenda 2000 doch nur grüne Dekoration.
Fischler: Wir sind damals auf halbem Weg stehen geblieben. Ich bin der Meinung: Wenn ein Hof Geld von der öffentlichen Hand bekommt, dann muss er sich künftig auch zu bestimmten Produktionsweisen verpflichten lassen. Damit kann das Umsteuern beginnen, aber das Niveau müssen die Mitgliedstaaten definieren.
SPIEGEL: Wo sitzen die Bremser?
Fischler: Bei den EU-Verhandlungen wird gedealt. In Berlin haben etwa die Franzosen die Milchreform verhindert. Aber im Vorfeld haben auch die Deutschen gebremst. Zusammen mit anderen wurden mehr Gelder für die Maismäster durchgedrückt, während die Kommission die naturnähere Grünlandwirtschaft gleichberechtigt fördern wollte.
SPIEGEL: Die EU-Agrarpolitik gilt als besonders undemokratisch. Das Europäische Parlament darf nicht einmal mit entscheiden.
Fischler: Ich bedaure das, die Kommission will die Mitentscheidung schon lange. Aber darüber müssen die Staats- und Regierungschefs entscheiden. Sie hatten in Nizza die Chance dazu, aber sie wurde nicht genutzt.
SPIEGEL: Dem Verbraucherschutz will die deutsche Politik jetzt Vorrang vor der Landwirtschaft geben.
Fischler: Von der Nachfrage her zu denken ist gut. Bei der Biolandwirtschaft ist der Schlüssel die Ladentheke im Supermarkt. Die Biohöfe werden nur aus ihrem Nischendasein herauskommen, wenn die Supermärkte bereit sind, in großem Stil Ökoware in ihr Sortiment zu nehmen. Damit haben die Bioprodukte in Österreich einen Marktanteil von zehn Prozent erreicht.
SPIEGEL: Die großen Handelsketten haben bisher eher den Trend zu Billigprodukten gefördert, auch weil die Verbraucher nicht mehr zahlen wollten.
Fischler: Fünf oder sechs große Supermarktketten dominieren das Geschehen in der EU, weil 90 Prozent der Lebensmittel dort gekauft werden. Sie haben die Marktmacht. Ich will die jetzt zu einem Runden Tisch in Brüssel einladen. Denn ich verstehe nicht, warum ausgerechnet die sensibelsten Produkte, nämlich Frischfleisch und Milch, als Ramschware in den Supermärkten gehandelt werden müssen.
INTERVIEW: SYLVIA SCHREIBER